Am Sonntagmorgen, 21.10.2018

von Corinna Mühlstedt aus Freising

Frieden ist möglich - 50 Jahre Sant’Egidio

Andrea Riccardi– Il mondoDie Welt erwartet heute mehr denn je von den Religionen, dass sie ihr den Weg des Friedens zeigen: eines Friedens, der im eigenen Herzen beginnt, und der sich ausweitet - auf das persönliche Umfeld und auf die ganze Welt. Denn der Friede ist ein Name Gottes. Wir von Sant´Egidio glauben, dass religiöse und humanitäre Werte eng zusammengehören. Möge die heutige Situation in der Welt uns alle anspornen, dass wir uns mehr denn je für den Frieden einsetzen… Applaus

Autorin
Worte von Andrea Riccardi – dem Gründer der katholischen Basisgemeinschaft von Sant Egidio. Anlass war ein interreligiöses Friedensgebets in Rom. Die Veranstaltung fand im Oktober 2001 statt und war damals die Antwort der engagierten Laienbewegung auf die Anschläge vom 11. September. Muslimische und christliche Religionsvertreter aus aller Welt nahmen daran teil.

Autorin
Gegen Ungerechtigkeit, Aggression und Gewalt setzt Sant Egidio Dialog und Gebet. Andrea Riccardi schreibt dazu in einer seiner Veröffentlichungen:

Sprecher - Zitat Riccardi
Das Gebet ist das Herz unseres Lebens: Die Arbeit von Sant Egidio ist sehr vielfältig. Sie gilt dem Problem des Friedens, den Sorgen behinderter Menschen, der Not von Flüchtlingen und vielem anderen. Doch die Einheit unserer Gemeinschaft wird spürbar, wenn sie sich versammelt, um zu beten. - Wenn heute jemand zu mir sagt: „Ich möchte Sant´Egidio kennenlernen“, dann antworte ich: „Kommen Sie, um mit uns zu beten“.

Autorin
Vor genau 50 Jahren entstand die katholische Bewegung im römischen Stadtteil Trastevere. Das Herz des ehemaligen Armenviertels ist die Basilika Santa Maria. Hier versammeln sich die Mitglieder von Sant Egidio - damals wie heute - allabendlich, um den Tag im Gebet und mit Impulsen aus der Bibel zu beschließen. Der römische Politologe und Generalsekretär der Gemeinschaft, Cesare Zucconi, erinnert sich:

Cesare Zucconi
Sant´Egidio ist Ende der 60er Jahre entstanden. Das waren natürlich Jahre, wo man alles kritisiert hat, alles war auch sehr politisch. Die Jugendlichen, die die Gemeinschaft angefangen haben, haben dieses Klima ihrer Zeit geatmet. Aber es waren auch die Jahre nach dem zweiten Vatikanischen Konzil, mit diesem Aufbruch in der katholischen Kirche. Das Evangelium bedeutete für diese Jugendlichen auch zu entdecken, dass die erste Kritik die Kritik an sich selbst war. Die erste Änderung war die Änderung des eigenen Herzens. Wir sagten damals: Nur neue Menschen können eine neue Welt aufbauen.

Autorin
Die Bibel wurde zur Herausforderung, erzählt Cesare. Sie ließ die jungen Leute die Not in der eigenen Umgebung wahrnehmen: Gab es im Rom der 1960er Jahre doch zahllose Elendsquartiere mit Wellblechbaracken. In ihnen lebten all jene, die in der Weltstadt ihre Chance gesucht, aber nicht gefunden hatten.

Cesare
Diese Barackenviertel, wir spürten, dass das eine Herausforderung war für unser Leben. Es war eben nicht die Frage: Was macht der Staat? Was macht die Kirche? Sondern: Was machen wir für diese Leute, Kinder, die oft nicht die Pflichtschule besuchten, mit Analphabeten als Eltern, Kinder, die in sehr jungen Jahren bereits hart arbeiteten mussten. Wir haben mit einer Hausaufgabenhilfe angefangen. Wir waren Gymnasiasten, wir konnten lesen, schreiben, wir konnten Fremdsprachen, wir waren reich und spürten die Verantwortung, die Herausforderung, diesen Kindern Antwort und Hilfe zu geben.

Autorin
Die Arbeit von Sant Egidio mit Kindern in Slumgebieten erhielt später den Namen „Friedensschule“. Nach und nach weitete die Gemeinschaft ihren sozialen Einsatz aus: Ob Behinderte, Obdachlose oder Migranten - immer mehr Menschen in Not fanden bei der Laienbewegung Rat und Hilfe. Ein ehemaliges Kloster in Trastevere, das dem Heiligen Ägidius geweiht war, wurde ihr Hauptsitz und gab ihr den Namen, den sie bis heute trägt: Sant Egidio!

Cesare
Wir sind hauptsächlich Laien, und „Laien“ bedeutet: Jeder von uns hat seinen Beruf oder studiert, verdient sich sein Brot mit der eigenen Arbeit, lebt bei sich zu Hause, bei der eigenen Familie. Und was wir in Sant´Egidio tun, der Einsatz von jedem Mitglied, das machen wir ehrenamtlich, also umsonst. Niemand ist bezahlt, auch nicht die Verantwortlichen von Sant´Egidio.

Autorin
Die Gemeinschaft wuchs rasch. In den 1970er Jahren entstand die erste Niederlassung von Sant Egidio in Neapel, 1981 formierte sich die erste Gruppe außerhalb Italiens in Würzburg. Heute zählt die Bewegung, die in der Kirche als „öffentlicher Verein von Gläubigen“ anerkannt ist, mehr als 60.000 Mitglieder in 70 Ländern. Die rasche Ausbreitung der Gemeinschaft sei nicht zuletzt dem Engagement von Flüchtlingen zu verdanken, erklärt Generalsekretär Cesare Zucconi. Flüchtlinge, die aus Krisengebieten nach Italien kamen und in ihrer Heimat von Sant Egidio erzählten.

Cesare
Und ich würde sagen, wir haben in diesen Jahren immer mehr entdeckt, dass der Krieg auch die Mutter jeder Armut ist, weil die ersten Opfer des Krieges oft die Armen sind und weil der Krieg nur Armut schafft und vermehrt.

Autorin
1992 machte die Gemeinschaft erstmals internationale Schlagzeilen, als es ihr gelang, die verfeindeten Bürgerkriegs-Parteien in Mozambique zu einem Friedensabkommen zu bewegen. Sant Egidio erhielt daraufhin zahlreiche Auszeichnungen und wurde sogar für den Friedensnobelpreis nominiert. Seither war die Gemeinschaft in vielen Krisengebieten als Vermittler aktiv, so etwa in Algerien und Burundi, dem Kosovo und Kolumbien.

Cesare
Diese Friedensverhandlungen haben uns die Augen geöffnet für die Kraft, die wir als Christen besitzen, eine schwache Kraft, das ist nicht die konventionelle Kraft der Waffen, der wirtschaftlichen Druckmittel. Es ist die Kraft von Menschen, die keine andere Kraft haben als ihre Worte, ihre Hoffnung, ihr Gebet – eine schwache Kraft, aber eine Kraft, die das Herz ändern kann: Dialog und Gebet - mit der Geduld, die wir aus dem Evangelium lernen und mit der Fähigkeit zu hoffen, auch dort wo es keine Gründe zur Hoffnung gibt – ich glaube, das ist das Rezept oder diese „schwache Kraft“

Autorin
Der Gründer von Sant’Egidio, der Historiker Andrea Riccardi, schreibt:

Sprecher - Zitat Riccardi
Das Gebet – man denke an die Psalmen – wächst in der Schwäche. Der Christ sollte die Schwäche nicht fürchten. Aus einer solchen Furcht entstand in der Kirchengeschichte oft der Wunsch, den Mächtigen der Welt nachzueifern. Man wollte stark sein wie sie. Das ist absurd. Das ist nicht die Stärke der Christen. Trotzdem müssen wir in der Weltgeschichte keine tatenlosen Zuschauer bleiben. In der Schwäche sind die Christen nicht machtlos. Hier ist vielmehr der Ort, an dem ihre ureigene Stärke wächst.

Autorin
Sant Egidio engagierte sich nach und nach in vielen sozialen Bereichen. Dabei erkannte die Gemeinschaft rasch, dass im Einsatz gegen Armut, Unrecht und Gewalt Gläubige aller Länder und Religionen zusammenarbeiten müssen. Als Johannes Paul II. 1986 erstmals Repräsentanten aller Religionen nach Assisi zu einem Weltfriedensgebet einlud, unterstützte Sant Egidio den Papst nach Kräften:

Cesare
Dieses Einladen der Vertreter der verschiedenen Religionen nach Assisi 1986, was eine Idee des Papstes gewesen ist, eine mutige Idee, dieser Tag in Assisi hat uns sehr beeindruckt. Denn wir sehen in diesem Tag in Assisi etwas Wichtiges und auch etwas Prophetisches für unsere Zeit. Assisi ist nicht Synkretismus, Assisi ist die Idee der Einheit in der Verschiedenheit. Die Unterschiede sind nicht ein Grund zur Trennung. Die Unterschiede sind ein Reichtum. Aber wir haben alle eine gemeinsame Verantwortung, und das ist der Friede.

Autorin
Johannes Paul II. bat Sant Egidio, die Tradition des Friedensgebetes von Assisi fortzuführen. Seither organisiert die Gemeinschaft alljährlich in einem anderen Land Europas ein mehrtägiges Gebetstreffen nach demselben Muster - mit hochrangigen Vertretern aller Weltreligionen. Das Gebet, betont Cesare Zucconi, sei nicht zuletzt auch die stärkste Waffe gegen jede Form von Extremismus:

Cesare
Manche sprechen heute von einer Unvermeidbarkeit einer kriegerischen, gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen der islamischen Welt und der sog. westlichen Zivilisation. Wir glauben, dass es eine Alternative gibt, aber diese Alternative kann nur durch den Dialog verwirklicht werden. Ich denke dieses Gebet, hat immer mehr Menschen für den Dialog gewonnen, Menschen, die nicht unbedingt überzeugte Leute des Dialoges waren, die dazu gewonnen wurden und für die es heute eine gewisse Selbstverständlichkeit gibt, sich gemeinsam den Fragen unserer Welt zu stellen.

Autorin
1989 konnte man das Weltfriedensgebet in Warschau erleben, 1992 in Brüssel, 1995 in Jerusalem und im Jahr 2000 in Lissabon. 2007 schloss sich in Neapel erstmals Benedikt XVI. der Tradition an:

Papst Benedikt XVI - la preghiera...Ein starkes, andauerndes Gebet kann zu einem Werkzeug des Geistes werden und ist eine der größten Kräfte zur Verwandlung der Welt. Der authentische Geist von Assisi lehnt jede Form von Gewalt ab ebenso wie den Missbrauch der Religion zur Rechtfertigung von Gewalt. Angesichts einer Welt voller Konflikte, in der viele die Gewalt im Namen Gottes rechtfertigen, ist es wichtig klarzustellen, dass die Religionen niemals Werkzeuge des Hasses werden dürfen. Im Gegenteil: die Religionen können und müssen Mittel zur Verfügung stellen, um eine friedlichere Menschheit zu schaffen, denn sie können im Herzen der Menschen Frieden stiften. - Applaus

Autorin
In Lauf der Jahre kam das Weltfriedensgebet dreimal nach Deutschland: Den Auftakt machte 2003 Aachen. 2009 erhielt Andrea Riccardi sogar für sein Engagement den renommierten Aachener Karlspreis:

Riccardi - questo premio…
Der Aachener Karlspreis wurde mir als dem ältesten Mitglied von Sant Egidio zugesprochen, aber im Grunde geht er an die ganze Gemeinschaft. Es ist eine Anerkennung unserer Arbeit für den Frieden in der Welt. Der Preis ist für uns die Bestätigung einer Vision, die ihre Wurzeln im Evangelium hat. Es ist die Vision weltweiter Solidarität.

Autorin
2011 erreichte das Friedensgebet München. 2017 fand es in den Städten Münster und Osnabrück statt, in denen einst der sog. „Westfälische Frieden“ dem grausamen Blutbad des 30jährigen Krieges ein Ende setzte. Deutschland, ja ganz Europa habe im Lauf der Geschichte unter grauenvollen Konflikten gelitten, meint Cesare Zucconi. Es sei heute wichtiger denn je, diese Erfahrungen in die aktuelle Diskussion einzubeziehen:

Cesare
Europa muss sich seiner Verantwortung, seiner Möglichkeiten in der Welt bewusster werden. Es gibt ein großes Bedürfnis in der Welt nach den Errungenschaften der Europäer, im Sinne der Versöhnung, des Zusammenlebens, der Werte des menschlichen Lebens, des Friedens. Es geht um die Verantwortung Europas in der Welt.

Autorin
Die internationalen Friedensgebete, so hofft man bei Sant Egidio, sind ein Weg, den Blick von Repräsentanten aus Religion und Politik zu weiten. Anlässlich des 30jährigen Jubiläums der Gebete in Assisi dankte Papst Franziskus der Laienbewegung für ihr Engagement und fügte hinzu:

Papst Franziskus - noi…
Wir versuchen, einer großen Krankheit unserer Zeit entgegenzutreten: der Gleichgültigkeit. Sie ist wie ein Virus, das lähmt und unsensibel macht. Wir wollen denen, die unter Kriegen leiden, eine Stimme geben. Unsere Bitte um Frieden ist ein Protest, der aus dem Gebet hervorgeht, damit Kriege, Terror und Gewalt aufhören. Als Religionsvertreter bemühen wir uns, Brücken des Dialogs zu bauen, und wir wenden uns an die Verantwortlichen der Nationen, damit auch sie unermüdlich Wege zum Frieden suchen!

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 21.10.2018 gesendet.


Über die Autorin Corinna Mühlstedt

Dr. Corinna Mühlstedt ist Theologin, Autorin und ARD-Korrespondentin. Corinna Mühlstedt lebt in Freising und in Rom.

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