Morgenandacht, 14.09.2018

von Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs aus Wiesbaden

Fremdworte des Glaubens: Gericht

Auf der Suche nach guter Spiritualität kommt heutzutage ein Wort nicht mehr vor, und das gibt mir zu denken: Es geht um das Wort: Gericht, Gottes Gericht. Was biblisch und auch kirchlich zentral ist, spielt im Alltag kaum eine Rolle. Schon dass es Gott gibt, ist für viele bekanntlich fragwürdig. Dass er richtend eingreift,  erst recht.

„Er wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten“ – dieser Satz aus dem christlichen Glaubensbekenntnis klingt abenteuerlich. Ein Gott der Liebe, der Gericht hält? Tief abgelagert im Bewusstsein sind die Bilder von Himmel, Hölle und Fegefeuer. Die Angst vor dem jüngsten, dem letzten Gericht hat viele Generationen belastet. Es konnte der Eindruck entstehen, da regiere ein Willkürgott. Ständig musste man fürchten, ungenügend zu sein und verdammt zu werden. Kein Wunder also, dass die biblisch zentrale Rede von Gottes Gericht kaum mehr vorkommt. Und dabei soll sie doch eine frohe Botschaft sein! Aber wie kann man das Gericht Gottes dann  verstehen?

Zuerst und vor allem hat  Gericht etwas zu tun mit  „Klarheit“. Wir Menschen wollen in jedem Fall Klarheit, und zwar von Angesicht zu Angesicht. Ich erinnere mich an einen großen Sektempfang: in kleiner Runde stehend, bekam ich zufällig mit, wie hinter mir über mich geredet wurde, und keineswegs nur positiv. Eine erbärmliche Sache! Auch wenn es weh tut: wir wollen die Wahrheit! Wir wollen gerecht behandelt werden! Der Mensch ist ein Geständnistier. Wir wollen ernst genommen werden – mag die Angst vor der Aussprache auch noch so groß sein.

Und außerdem: Laufen nicht ständig kleine Gerichtsprozesse in uns und zwischen uns ab? „Bin ich gut genug? Wie sieht  die denn aus? Was denkt denn der von mir?“ Groß ist die Gefahr, sich ständig abzuwerten oder zu überschätzen, und besonders andere.

Wer wird uns gerecht? Wo eine höhere, eine letzte Instanz fehlt, sprechen wir notgedrungen selbst Recht: wir richten uns und besonders gern andere oder wir üben uns in der Kunst, es nicht gewesen zu sein.

Genau deshalb ist das Bekenntnis zu Gottes Gericht wirklich eine frohe Botschaft. Denn das heißt: es gibt eine andere Letztinstanz. Ich brauche nicht länger das letzte Wort zu haben, weder über mich und schon gar nicht über andere. Vor allem aber heißt es im Glaubensbekenntnis: „Er wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten“. Nicht irgendwer, sondern jener Jesus, der andere nicht verurteilte und der selbst unschuldig verurteilt wurde. Ein Hingerichteter hat das letzte Wort über mein Leben und über die Geschichte im Ganzen. Weil er am eigenen Leibe durchgemacht hat, wie das mit dem Verurteilen und Hinrichten ist, wird sein Gericht gerecht sein – darauf bestehen wir unbedingt. Und zugleich wird sein Gericht voller Erbarmen sein, „Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt“, heißt es im Kirchenlied des großen Jochen Klepper[1].

Und noch etwas gehört zu dieser frohen Botschaft: weil allein Er das letzte Wort hat, können und sollen wir aufhören zu richten. Natürlich muss unsereiner Entscheidungen treffen und zwischen Alternativen auswählen. Aber es soll endlich Schluss sein mit diesem ständigen Werten und Vergleichen, mit diesem Abwerten und Hinrichten. „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“, heißt es entsprechend in der Bergpredigt (Mt 7,1).

Ich darf glauben, dass Jesus Christus die Niedergeschlagenen aufrichten wird. Er wird wieder herrichten, was kaputt gemacht wurde, er selbst war ein unschuldiges Opfer. Mit den Täterinnen und Tätern wird Er richtend anders umgehen als mit den Opfern. Und endlich wird Versöhnung sein, gerecht und voller Erbarmen. Welche eine Wohltat! Darum macht  der Glaube an Gottes Gericht schon jetzt  menschenfreundlich, klar und hart in der notwendigen Konfrontation, aber immer voller Erbarmen.


[1] Jochen Klepper, „Weihnachtslied“, in: Jochen Klepper, „Kyrie. Geistliche Lieder“, Berlin 1938, S. 26.

Die redaktionelle Verantwortung für diesen Beitrag hat Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 14.09.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Gotthard Fuchs

Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs, wurde 1963 in Paderborn zum Priester geweiht und hat seitdem zahlreiche Tätigkeiten in Seelsorge und theologischer Lehre, in Beratung- und Bildungsarbeit geleistet. Von 1983 bis1997 war Fuchs Direktor der Katholischen Akademie der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz; zuletzt war er Ordinariatsrat für Kultur-Kirche-Wissenschaft. Seine Schwerpunkte liegen auf der Geschichte und Gegenwart christlicher Mystik im Religionsgespräch, auf dem Verhältnis von Theologie und Psychologie und von Seelsorge und Therapie. Zu diesen Themen hat er zahlreiche Veröffentlichungen publiziert. Kontakt
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