Morgenandacht, 08.10.2018

von Pater Heribert Arens OFM aus Vierzehnheiligen

Leben mit einer Verheißung (Gen 12, 1 – 4a)

„Zieh fort!“ Mit diesem Wort beginnt, was vom Leben Abrahams im Alten Testament erzählt wird. „Zieh fort von zu Hause, geh in ein Land, das ich dir schenken werde.“ Gott fordert Abraham auf, alles Vertraute hinter sich zu lassen und in eine Zukunft zu gehen, die unbekannt ist.

Nur eine Verheißung gibt er ihm mit: „Ich werde dich segnen.“ Daran muss Abraham den Mut zum Wagnis festmachen.

„Zieh fort!“ – heißt es immer wieder im Leben: Kinder werden nicht geboren, um ewig im Elternhaus zu hocken. Es kommt der Zeitpunkt, da heißt es: „Brich auf ins Leben, in den Beruf, in eine Beziehung, in eine Partnerschaft, in eine neue Familie.“

Und auf was kann der junge Mensch bei diesen Aufbrüchen bauen? 

Er kann auf eigene Lebensenergie vertrauen, schließlich lebt er in einer Phase, in der es heißt: „Sag dem Abenteuer: Ich komme!“ Den meisten fällt dieses Aufbrechen nicht schwer. Ob es auch gelingt, hängt aber nicht nur von ihnen selbst ab. Da haben auch andere Kräfte die Hände im Spiel. Je älter ich werde, desto bewusster wird mir: Ich kann zwar vieles machen, aber das Entscheidende wird mir geschenkt – von wem? Die einen reden von Zufall, Glück oder Schicksal, andere nennen es Gott. 

„Zieh fort!“ Zwei Menschen, die zueinander Ja sagen, die den weiteren Lebensweg gemeinsam gehen und eine Familie gründen wollen, spüren diesen Ruf. Verlass dein Elternhaus, deinen vertrauten Lebensraum und beginn, mit deiner Partnerin/deinem Partner eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Ob das gelingt, wissen beide nicht. Was sie mit auf den Weg nehmen ist wie bei Abraham eine Verheißung: „Ich verspreche Dir die Treue in guten und schweren Tagen, solange ich lebe.“ Und viele nehmen dazu die Verheißung Gottes mit auf den Weg: „Ich stehe zu euch beiden in guten und in schweren Tagen.“ Auch hier lebt der Aufbruch von einer Verheißung – und vom Vertrauen auf die Treue dessen, der sie gibt.

So ziehen sich viele Aufbrüche durch das ganze Leben, größere und kleinere, leichte und schwere, befreiende Aufbrüche und solche, die eher eine Zumutung sind – bis hin zum letzten Aufbruch, dem Tod, bei dem der Mensch aus eigener Kraft nichts mehr tun kann – außer vertrauen, dass Gott zu seiner Verheißung steht.

„Zieh fort!“ –  diese Aufforderung an Abraham ist Grundvollzug Ihres und auch meines Lebens

Bei Abraham heißt es dann schnörkellos: „Und Abraham zog fort“. Kein Wenn, kein Aber, kein Hinauszögern, keine Einwände. Einfach nur: Und Abraham zog fort! Im Gepäck hatte er die Verheißung Gottes: „Ich werde dich segnen und zu einem großen Volk machen.“

Wie lebt es sich mit einer Verheißung? Gut mit einer Verheißung leben, kann ich nur im Vertrauen auf den, der verheißt: für Abraham im Vertrauen auf Gott und seine Treue.

„Gott ist treu! Er steht zu seinem Wort.“ Auf diese Treue Gottes baute Abraham und mit ihm das ganze alttestamentliche Gottesvolk: in guten und in schweren Tagen, in Blütezeiten Israels, aber auch in der demütigenden  Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Oft konnte man erst im Nachhinein verstehen, dass und wie Gott anwesend war.

Das erleben Menschen auch heute. Ein Kind, das in der Taufe die Zusage Gottes bekommt: „Du bist mein geliebtes Kind!“, erfährt oft erst im Rückblick auf sein Leben, wie und wo Gott gegenwärtig war – und ist. Einer meiner Lieblingssätze ist darum: „Dahinter kommt man meist erst danach!“

Aufbrechen wie Abraham – das ist auch unsere Einladung zum Leben. Anfechtungen bleiben uns dabei nicht erspart, wie sie auch Abraham nicht erspart blieben, als die verheißenen Nachkommen ausblieben, als er seinen einzigen Sohn Isaak opfern sollte. „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht.“, schreibt der Hebräerbrief. Glauben heißt, dem treuen Gott trauen, wenn es sein muss auch gegen den Augenschein.

 

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Frau Dr. Silvia Katharina Becker.


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Dieser Beitrag wurde am 08.10.2018 gesendet.


Über den Autor Bruder Heribert Arens OFM

Bruder Heribert Arens OFM ist Franziskaner und lebt im Franziskanerkloster Vierzehnheiligen in Oberfranken. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, insbesondere zu Predigt und Spiritualität. Er ist Mitarbeiter bei der Zeitschrift "Der Prediger und Katechet" und Mitglied im Kuratorium für den "Deutschen Predigtpreis". 

Kontakt

heribert.arens@franziskaner.de

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