22. Sonntag im Jahreskreis, 02.09.2018

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche Heilig Geist in Berlin-Westend


Predigt von Pater Norbert Cuypers SVD

Fast sechs Jahrzehnte ist sie bereits tot, aber vergessen ist sie noch lange nicht. In den Herzen vieler Menschen lebt sie auch heute noch weiter: Marilyn Monroe, diese junge blonde US-amerikanische Schauspielerin, dieses gefeierte Fotomodell und dieser bildhübsche Hollywood-Star der fünfziger Jahre. Selbst ihr früher Tod im August 1962 schadete ihrem Image nicht. Ganz im Gegenteil. Er trug sogar dazu bei, dass sie zu einer Art unsterblichen Ikone der Filmindustrie mutierte. 

Das ist die eine, die äußerlich strahlende Seite. Eine andere, für lange Zeit nicht wahrgenommene Seite dieser viel zu früh verstorbenen Schauspielerin zeigt sich in ihren nach ihrem Tod gefundenen Aufzeichnungen und Gedichten. Dort begegnet man einer an sich zweifelnden Monroe:

"Ich glaube, ich bin tief einsam", heißt es.
"Ich sehe mich jetzt im Spiegel, die Stirn gerunzelt –
wenn ich mich vorbeuge, werde ich sehen, – was ich nicht wissen will –
Anspannung, Traurigkeit, Enttäuschung,
meine Augen stumpf, die Wangen rot vor Äderchen,
die aussehen wie Flüsse auf Landkarten – Haar wie Schlangen.
Der Mund macht mich noch trauriger, zu meinen toten Augen

Hinter der glitzernden Fassade eines scheinbar so erfolgreichen Lebens verbarg sich also eine menschliche Seele, die tief traurig, total verunsichert und verzweifelt war, weil Marilyn Monroe als Kind einer alkoholkranken Mutter schon früh zu spüren bekam, nicht wirklich gewollt und geliebt zu sein.

Liebe Gemeinde, am Schicksal dieser Frau können wir das Zweierlei unseres eigenen Lebens wiedererkennen. Denn wenn wir ehrlich sind, dann kennt jeder und jede von uns diese zwei Seiten des Lebens: die eine, äußerliche Seite, die möglichst perfekt aussehen muss und die glänzen soll vor anderen: unser berufliche Karriere beispielsweise, unsere scheinbar harmonisch geführte Ehe, unser ach so moralisch einwandfreies Christsein. Aber da ist auch noch unser Innenleben, jene Seite unseres Lebens also, die wir nur allzu ungern anderen zeigen wollen: die tiefsitzende Ablehnung der Kollegin am Arbeitsplatz gegenüber, der Neid auf die Ehefrau des Freundes oder der überhebliche Stolz, in der Pfarrgemeinde ein hohes Ansehen zu genießen.

Um dieses weniger schöne Innenleben vor anderen zu verbergen, haben wir es gelernt, extrem auf unser Äußeres zu achten und wo es nur geht, unseren guten Ruf zu schützen. Das gilt auch und immer wieder für unser christliches Leben. So oft strengen wir uns an, äußerlich alles richtig zu machen: wir sind immer freundlich zum Herrn Pfarrer und gehen selbstverständlich jeden Sonntag in die Kirche. Großzügig spenden tun wir natürlich auch. Das ist gut und richtig so. Aber deckt sich das immer mit dem, was wir im Herzen wirklich denken und fühlen? Gibt es da nicht tatsächlich auch so etwas wie versteckte Stolz, Ablehnung oder auch Überheblichkeit anderen gegenüber, wenn wir ehrlich sind?

Jesus urteilt scharf über jene Menschen, die ausschließlich auf äußere Riten und Gesetzestreue in der Religion achten und meinen, damit allein schon ein gottgefälliges Leben zu führen. Seine Zuhörer – und damit auch uns heute – erinnert er an die Worte des Propheten Jesaja: „Diese Leute können schön über Gott reden, aber mit dem Herzen sind sie nicht dabei. Ihr Gottesdienst ist wertlos, weil sie ihre menschlichen Gesetze als Gebote Gottes aus­geben.“

Jesus weist uns darauf hin, dass es im Leben nicht nur auf Äußerlichkeiten ankommt –

auch nicht im Glauben. Vielmehr sollen wir auf unser Innenleben achtgeben, auf das, was wir im Verborgenen denken und wie wir im Herzen urteilen. Das nämlich wird irgendwie und irgendwann auch nach außen wirken. Da, wo das nicht geschieht, werden wir als Menschen krank und auf lange Sicht lebensmüde – eben genau so, wie wir es bei Marilyn Monroe der Fall war. Entscheidend ist also letztlich, ob das Innenleben unseres Christseins mit unserem äußerlichen Leben als Christ tatsächlich übereinstimmt. Die weisen Worte des jüdischen Talmuds fassen das für mich wunderbar zusammen:

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Deine Worte!
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Deine Taten!
Achte auf Deine Taten, denn sie werden Deine Gewohnheiten!
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter!
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal!


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Dieser Beitrag wurde am 02.09.2018 gesendet.


Über den Autor Pater Norbert Cuypers SVD

Pater Norbert Cuypers wurde 1964 als sechstes Kind in Köln geboren. Nach einer Berufsausbildung als Schriftsetzer hat er sich dazu entschlossen, in die „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ (SVD) einzutreten - im deutschsprachigen Raum auch als „Steyler Missionare“ bekannt. Während seines ersten Missionseinsatzes im Westlichen Hochland von Papua Neuguinea entdeckte er seine große Liebe zur Seelsorge. Er kam nach Europa zurück und ließ sich in Österreich zum Priester ausbilden und weihen.
Als Missionar ist Pater Norbert grundsätzlich bereit, dort zu leben und zu arbeiten, wo ihn sein Herz hinzieht, beziehungsweise wo ihn seine Gemeinschaft braucht. Aktuell lebt er in Berlin Charlottenburg und ist Leiter des deutschsprachigen Noviziates seiner Gemeinschaft. Kontakt:
cuypi@gmx.de