Wort zum Tage, 08.09.2018

Pfarrer Hans-Peter Weigel aus Nürnberg

Madonnas Geburtstag

Madonna hat heute Geburtstag. Nein, nicht Madonna, die Sängerin, das Mode-Idol, der Popstar. Da hätten wir schon vor drei Wochen, am 16. August, gratulieren müssen. Madonna hat Geburtstag – die Madonna der Bibel, Maria, die Mutter Jesu. Am 8. September ist das Fest „Mariä Geburt“. Seit 1500 Jahren wird es in der Christenheit begangen – in der katholischen Kirche, in der armenischen und anglikanischen, bei den koptischen Christen in Ägypten, bei den Orthodoxen in Griechenland und Russland. Manche Frauen, die Maria heißen oder Mirjam, Mareike, Marion oder Marylin, feiern heute auch Namenstag – und nicht an einem der anderen Marientage.  

Ob die „Madonna“ tatsächlich an einem 8. September geboren ist; wo sie auf die Welt kam; wer ihre Eltern waren: Die Forscher wissen es nicht. Die Bibel schweigt darüber. Die Bibel interessiert sich nicht für Marias Geburt. Maria kommt in der Bibel erst vor, als sie schon eine junge Frau ist.

Als junge Frau hat die Bildhauern Susanne Rudolph ihre „Madonna“ gestaltet, die auf dem Marktplatz im fränkischen Schwabach steht. Die Figur ist lebensgroß, grau, in Beton gegossen. Steht locker da, blickt uns freundlich an. Im linken Arm hält sie ein Baby. Die Locken fallen ihr in den Nacken. Ihr Top hat Spaghettiträger und lässt den Nabel frei. Am Bund ihrer Jeans klemmt ein vergoldetes Handy; nach dem greift sie gerade mit der rechten Hand. Hinter ihr wölbt sich, zwei Köpfe größer, eine goldene Satellitenschüssel.

Sie ist auf Empfang eingestellt, sie wird den Anruf annehmen. Sie ist hellwach für neue Nachrichten und Einsichten. Sie ist bereit zu reagieren. Wie Maria in der Erzählung der Bibel; sie bekommt ihren „Anruf“ durch den Engel. Sie horcht auf, als der sie anspricht; bricht das Gespräch nicht ab, als der mit der Zumutung herausrückt, sie möge doch die Mutter des Messias werden. Ein Anruf, der sie aus der Welt herausholt, in die sie hineingeboren war. Eine Berufung, die ihr Leben verändern wird. Maria wird von nun einen ganz anderen Weg gehen, als er durch ihre Herkunft vorgezeichnet schien.

Wieso haben die Christen einst den Geburtstag Marias eingeführt? Weil es bei ihr und so vielen anderen Menschen kostbar ist, wer ihnen Vater und Mutter ist, wo und wie sie geboren sind, wie sie aufgewachsen sind. Weil es aber auch so kostbar ist, dass sie auf ihre Herkunft nicht festgenagelt sind. Sondern zu Neuem berufen werden, und dann, wie Maria, getrost antworten können: „Was du gesagt hast, soll mit mir geschehen“ (Lk 2, 38).


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 08.09.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Hans-Peter Weigel

Hans-Peter Weigel begann das Theologiestudium in Bamberg und schloss es (als Zeitgenosse der „68er“) in Tübingen ab. 1973 wurde er zum Priester für das Erzbistum Bamberg geweiht. Nach der Kaplanszeit schickte ihn der Bischof als Religionslehrer an ein humanistisches Gymnasium in Nürnberg und nebenamtlich erst in die Jugendseelsorge, dann in die Familienseelsorge. Nebenbei schrieb er als Autor für das „College-Radio“ im Bayerischen Rundfunk. 2003 bis 2018 war er Künstlerseelsorger und Radio-Beauftragter im Erzbistum Bamberg. Radiosendungen gestaltet er weiterhin, und übernimmt Liturgie- und Predigtdienst in verschiedenen Gemeinden.