Am Sonntagmorgen, 07.10.2018

von Prof. Dr. Ulrich Lüke aus Münster

„Wer die Wahrheit sucht…“

Autor
Am 11. Oktober 1998, also vor genau zwanzig Jahren, hat Papst Johannes Paul II. die Jüdin, Philosophin und Ordensfrau Edith Stein heiliggesprochen. Wer war diese bemerkenswerte Frau, die da öffentlich zu Protokoll gibt:

Sprecherin
„Es hat mir immer fern gelegen zu denken, dass Gottes Barmherzigkeit sich an die Grenzen der sichtbaren Kirche binde. Gott ist die Wahrheit. Und wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nicht.“[1]

Autor
1891 wird sie in Breslau als 11. und jüngstes Kind in eine wohlhabende jüdische Kaufmannsfamilie hineingeboren. Der Vater stirbt als Edith zwei Jahre alt ist, aber die tatkräftige jüdisch-fromme Mutter, Auguste Stein, zieht das Geschäft erfolgreich weiter durch. Edith legt ein exzellentes Abitur hin und studiert in Breslau Germanistik, Geschichte und Philosophie. Sie wird auf den Philosophen Edmund Husserl und dessen Hauptwerk „Logische Untersuchungen“ aufmerksam und ist fasziniert. Sie geht zu Husserl nach Göttingen und macht mit Auszeichnung das Staatsexamen für das Lehramt in Philosophie, Deutsch und Geschichte. Aber diese ersten Jahre in Göttingen in der dünnen Luft philosophischer Abstraktion stürzen sie phasenweise in tiefe Depressionen. Sie hat den jüdischen Glauben längst über Bord geworfen und betrachtet sich als Atheistin. Nach ihrem Examen geht sie für 5 Monate ins Seuchenlazarett Mährisch-Weißkirchen, wo tausende Soldaten von der Karpatenfront behandelt werden – sie leiden an Cholera, Flecktyphus und Ruhr, viele mit amputierten Gliedmaßen. Edith Stein erlebt, wie junge Männer ihres Alters wegsterben. Die überzeugte Atheistin wird nachdenklich. Zurückgekehrt an ihren Studienort Göttingen nimmt sie die Arbeit an ihrer Dissertation wieder auf. Sie lernt den genialen Philosophen Max Scheler kennen, eine schillernde Gestalt – wie sie war Scheler ursprünglich auch Jude, war aber zum Katholizismus übergetreten. Dieser Mann und der phänomenologische Philosophie-Ansatz machen sie nachdenklich:

Sprecherin
„Nicht umsonst wurde uns beständig eingeschärft, dass wir alle Dinge vorurteilsfrei ins Auge fassen, alle ’Scheuklappen‘ abwerfen sollten. Die Schranken der rationalistischen Vorurteile, in denen ich aufgewachsen war, fielen, und die Welt des Glaubens stand plötzlich vor mir. Menschen, mit denen ich täglich umging, zu denen ich mit Bewunderung aufblickte, lebten darin. Sie mussten zumindest eines ernsten Nachdenkens wert sein.“[2]

Autor
1916 besteht Edith Stein ihr philosophisches Doktorexamen mit „summa cum laude“, der bestmöglichen Note. Sie war damit bildungspolitisch eine Pionierin. Sie kämpft als Mitglied im preußischen Verein für das Frauenstimmrecht, damit  Frauen endlich das aktive und passive Wahlrecht erhalten. 1918 schließt sie sich der mit sozialen, liberalen und christlichen Idealen neu gegründeten Deutschen Demokratischen Partei an.

Mit fadenscheinigen Gründen wird ihre Habilitation in Göttingen ohne ernsthafte Erwägung abgelehnt. Aber Edith Stein lässt nicht locker und erwirkt beim „Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung“ einen Runderlass für die preußischen Universitäten, „dass in der Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht kein Hindernis gegen die Habilitation erblickt werden darf.“[3] Genutzt hat es ihr gegen die alte professorale Patriarchen-Herrlichkeit von Husserl, Heidegger und Co. nichts. Anfang der 1930er Jahre scheitern die Versuche in Freiburg, Breslau und Kiel ebenfalls. Es liegt nicht an ihren wissenschaftlichen Leistungen, sondern an ihrer jüdischen Herkunft und an ihrem Frau-Sein. Edith Stein ist tief verletzt.

Autor
Was hat die Jüdin Edith Stein, die jahrelange Atheistin, die glänzende Philosophin in die katholische Kirche und in den Karmel, einen kontemplativen Orden, gebracht? Zunächst will sie philosophisch gründlich die Wirklichkeit als ganze erfassen und nicht nur bestimmte Aspekte. In diese grundsätzliche philosophische Offenheit auch für die Religion fällt ein tragisches Ereignis. Ein Freund aus dem Doktorandenkreis um Husserl fällt 1917 in Flandern, und Edith Stein soll der jungen Witwe seine Habseligkeiten aus dem Institut überbringen. Was sagt man als Atheistin einer jungen Frau nach einem so entsetzlichen Ereignis? Und da erfährt sie - die trostlose Trösterin - den Trost der jungen Witwe, die ihren Auferstehungsglauben und ihr Hoffnung auf Leben trotz allem Tod zum Ausdruck bringt.

Und noch ein Ereignis bringt die nachdenklich gewordene Atheistin zum Glauben. Im Sommer 1921 verbringt sie ihre Ferien in Bergzabern bei dem Philosophen-Ehepaar Conrad-Martius. Da liest sie in einer Nacht die Autobiographie der Theresa von Avila, der spanischen Mystikerin und Ordensreformerin aus dem 16. Jahrhundert. Als sie morgens das Buch aus der Hand legt, weiß sie: Das ist die Wahrheit. Das ist auch mein Weg. Ein Evidenzerlebnis besonderer Art.

Am 1. Januar 1922 empfängt sie die Taufe, am Fest der Beschneidung des Herrn, also mit einem klarem Bezug auf den Juden Jesus. Die Familie, insbesondere die fromme jüdische Mutter, ist entsetzt. Edith Stein stellt später in einem Brief fest:

Sprecherin
„Es ist eine unendliche Welt, die sich ganz neu auftut, wenn man einmal anfängt, statt nach außen nach innen zu leben. Alle Realitäten, mit denen man vorher zu tun hatte, werden transparent, und die eigentlich tragenden und bewegenden Kräfte werden spürbar.“[4]

Autor
Zwischen 1923 und 1932 ist Edith Stein Lehrerin am Mädchenlyzeum und am Lehrerinnenseminar der Dominikanerinnen in Speyer und obendrein durch ihre Vorträge in den Zwanziger- und beginnenden Dreißiger-Jahren eine der prominenten Frauen im deutschen Katholizismus. Edith Stein kritisiert, dass das kirchliche Amt nur Männern vorbehalten ist. Sie verweist auf die Weihe von Diakoninnen in der Urkirche und fragt, ob der Herr je einen Unterschied zwischen Frauen und Männern gemacht habe. Sie ist der Ansicht, dass keine substantiellen Argumente gegen die Priesterweihe der Frau sprächen.[5]

Sprecherin
„Dogmatisch scheint mir nichts im Wege zu stehen, was es der Kirche verbieten könnte, eine solche bislang unerhörte Neuerung durchzuführen. Ob es praktisch sich empfehlen würde, das lässt mancherlei Gründe für und wider zu.“[6]

Autor
Sie glaubt an die Einheit von Gottsuche und Selbstfindung und dass das Eine nicht ohne das Andere zu haben ist:

Sprecherin
„Denn wer nicht zu sich selbst gelangt, der findet auch Gott nicht. Oder richtiger noch: wer Gott nicht findet, der gelangt auch nicht zu sich selbst... “[7]

Autor
Hellsichtig verfasst sie schon 1933 einen Brief an Papst Pius XI. Wahrscheinlich geht der Brief über den Schreibtisch des Kardinal-Staatssekretärs Eugenio Pacelli, der viele Jahre Nuntius in Deutschland war und ab 1939 als Pius XII. Papst. Edith Stein schreibt:

Sprecherin
„Jahre hindurch haben die nationalsozialistischen Führer den Judenhass gepredigt. Nach dem sie jetzt die Regierungsgewalt in ihre Hände gebracht und ihre Anhänger bewaffnet hatten, ist diese Saat des Hasses aufgegangen. Ist nicht diese Vergötzung der Rasse und der Staatsgewalt, die täglich durch Rundfunk den Massen eingehämmert wird, eine offene Häresie? Ist nicht der Vernichtungskampf gegen das jüdische Blut eine Schmähung der Menschheit unseres Erlösers?

Autor
Die Antwort aus Rom ist von peinlicher Floskelhaftigkeit. Aber vielleicht hat dieser Brief doch etwas dazu beigetragen, dass 1937 die Anti-NS-Enzyklika von Pius XI. so deutlich und ganz auf Deutschland hin abgefasst wurde. Ihr Titel: „Mit brennender Sorge“.

Autor
1932 erhält Edith Stein eine Dozentur in Münster am „Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik“. Aber schon im nächsten Jahr ist mit der Machtübernahme der Nazis ihre Wissenschaftlerkarriere wieder beendet. Sie muss Ende April 1933 schon ihre Stelle aufgeben, um nicht das ganze Institut in seiner Existenz zu gefährden. Jetzt wird für sie die Frage nach dem Orden wieder akut. Am Sonntag vom guten Hirten 1934, es wird das Fest des Bistumsgründers Liudger mit einem Tag des Gebets begangen, betet sie in der Münsteraner Ludgerikirche um Klarheit für ihren weiteren Weg:

Sprecherin
„Ich gehe nicht wieder fort, ehe ich Klarheit habe, ob ich jetzt in den Karmel gehen darf. Als der Schlusssegen gegeben war, hatte ich das Ja-Wort des guten Hirten.“

Als Schwester Teresia Benedicta a Cruce, Teresia Benedicta vom Kreuz, tritt sie in den Kölner Karmel ein. Sie schreibt:

Sprecherin
„Was Gott von dir will, das musst du schon Auge in Auge mit ihm zu erfahren suchen.“[9]

Autor
Der Orden ist kontemplativ und der Tagesablauf, beginnend um 4.30 Uhr, enthält verteilt über den Tag 5 bis 6 Stunden geistlichen Tuns. Was tut eine Intellektuelle dort, die von sich in jungen Jahren sagte: „Gehorchen, das kann ich nicht!“? Überraschend ermöglicht der Orden ihr, ihre nirgends angenommene Habilitationsschrift druckfertig zu machen. Sie erstellt eine gänzliche Neubearbeitung unter dem Titel „Endliches und ewiges Sein“, ihr wissenschaftliches Hauptwerk. Doch es findet sich kein Verlag, der es wagte, das Werk einer Jüdin und katholischen Nonne zu drucken. Es erscheint erst acht Jahre nach ihrem Tod. Darin finden sich die über Heideggers Hoffnungslosigkeitsperspektive hinaus greifenden Worte:

Sprecherin
„Ich stoße in meinem Sein auf ein anderes, das nicht meines ist, sondern Halt und Grund meines in sich haltlosen und grundlosen Seins.“[10]

Autor
1938 gerät ihr Orden wegen der jüdischen Herkunft Edith Steins unter Druck und sie weicht mit ihrer ebenfalls Karmelitin gewordenen Schwester Rosa in den Niederländischen Karmel in Echt aus. Dort beauftragen sie ihre Ordensoberen ein weiteres Mal mit einer wissenschaftlichen Arbeit über die mystische Gedankenwelt des Johannes von Kreuz. Das Werk, das später den Titel „Kreuzeswissenschaft“ trägt, wird nicht mehr fertig, weil die Nazis nach dem Überfall auf die Niederlande auch hier die Bürger jüdischer Abstammung deportieren. In den so untypischerweise mit Philosophie gespickten Klosterjahren wird sie einmal gefragt, warum sie auch des Nachts noch in der Kapelle bete. Sie antwortet:

Sprecherin
„Ich schaue nach Ihm. Und Er schaut nach mir.“[11]

Autor
In jungen Jahren war Edith Stein ihr jüdischer Herkunftsglaube abhandengekommen. In der Verfolgung der Juden entdeckt sie eine doppelte Verbundenheit mit Jesus Christus: die durch den christlichen Glauben und die durch die gemeinsame jüdische Herkunft:

Sprecherin
„Sie ahnen nicht, was es für mich bedeutet, wenn ich morgens in die Kapelle komme und im Blick auf den Tabernakel und auf das Bild Mariens mir sage: sie waren unseres Blutes.“[12]

Autor
Die niederländischen Bischöfe widersetzen sich der Nazi-Politik und legen schärfsten Protest gegen die geplante Deportation von Menschen jüdischer Herkunft ein. Der Protest wird von den Kanzeln verlesen und mit einem Hirtenbrief verbunden, der mit einem Gebet für das Volk Israel schließt. Danach werden sämtliche Juden aus den Niederlanden deportiert. Während der Gebetszeit am 2. August 1942 gegen 17 Uhr werden Edith Stein und ihre Schwester Rosa durch die Gestapo verhaftet. Edith, so berichtet eine Augenzeugin, nimmt ihre Schwester Rosa bei der Hand und sagt: „Komm, wir gehen für unser Volk.“
In Westerbork, ihrer letzten Station vor den Gaskammern von Auschwitz, kann sie am 6. August noch einen kleinen Brief an die Ordensschwestern in Echt aufsetzen. Darin bittet sie um ein paar Habseligkeiten und um ein Gebetbuch. Danach verliert sich für die nachforschenden Ordensschwestern die Spur. Edith und Rosa Stein werden direkt bei ihrer Ankunft in Auschwitz am 9. August 1942 vergast. Ihre Asche wird auf dem Gelände des Konzentrationslagers verstreut.

In ihrem letzten Werk „Kreuzeswissenschaft“ schreibt Edith Stein:

Sprecherin
„Das Versinken der Sinnenwelt ist wie das Hereinbrechen der Nacht, wobei noch ein Dämmerlicht von der Tageshelligkeit zurückbleibt. Der Glaube dagegen ist mitternächtliches Dunkel. Wenn aber die Seele Gott findet, dann bricht in ihre Nacht gleichsam schon die Morgendämmerung des neuen Tages der Ewigkeit herein.“[13]


[1] Zitiert nach Bejas, Andreas: Edith Stein. Im verschlossenen Garten der Seele., S. 119
[2] Zitiert nach Feldmann, Edith Stein. Reinbek, 2. Aufl. 2013, S. 30
[3] Zitiert nach Feldmann, S. 42
[4] Zitiert nach Feldmann, S. 56
[5] Vgl. Feldmann, S. 76
[6] Zitiert nach Waltraud Herbstrith (Hrsg.): Edith Stein. Ein Lebensbild in Zeugnissen und Selbstzeugnissen. Kevelaer 4. Aufl. 2013, S. 45
[7] Zitiert nach Bejas, S. 48
[8] Zitiert nach Kirche und Leben. Zeitung für das Bistum Münster. 2. III. 2003, S. 6
[9] Zitiert nach  Bejas, S. 117
[10] Zitiert nach Feldmann, S. 101
[11] Zitiert nach Feldmann, S. 96
[12] Zitiert nach Feldmann, S. 120
[13] Zitiert nach Bejas, S. 74

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Martin Korden.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 07.10.2018 gesendet.


Über den Autor Prof. Dr. Ulrich Lüke

Ulrich Lüke ist von Haus aus Theologe und Biologe. 1980 erhielt er die Priesterweihe. Daneben unterrichtete er zwölf Jahre als Lehrer die Fächer Religion und Biologie am Gymnasium. Nach der Promotion zum Thema "Evolutionäre Erkenntnistheorie und Theologie" im Jahr 1990 und der Habilitation Zum Thema "Bio-Theologie - Zeit, Evolution, Hominisation" im Jahr 1996 arbeitete er als Professor an der KFH Freiburg. Danach arbeitete er als Professor für die Theologische Fakultät in Paderborn sowie als Professor für Systematische Theologie an der RWTH Aachen. Seit 2017 ist Lüke als Krankenhauspfarrer im St. Franziskus-Hospital in Münster tätig. Kontakt
www.kt.rwth-aachen.de

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