Spurensuche, 03.11.2018

von Pater Eberhard von Gemmingen SJ aus München

Eine Gesellschaft ohne Gott

Glaube ist keine Privatsache, meint Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen von der katholischen Kirche. Ein Abschieben Gottes ins rein Private führe zu einer wachsenden Orientierungslosigkeit in der Gesellschaft.

Wie gut funktioniert eine Welt ohne Religion? Sie spielt offenbar in Europa kaum mehr eine Rolle. Europa scheint es gut zu gehen, auch ohne Gottesglauben. Viele meinen, Religionen führten eher zu Konflikten. Denn sie fragen: haben Religionen nicht schon zu viel Blut vergossen, zu viele Menschen zum Schweigen gebracht, sich zu viel in Politik eingemischt? Ist es Religionsanhängern überhaupt möglich, aus ihren Fehlern zu lernen? Verführt religiöser Glaube nicht zu Fanatismus, Intoleranz, ja sogar zu Fundamentalismus? Denken religiöse Menschen überhaupt rational?

Ich will Ihnen eine Antwort aus dem Mund eines Mannes vortragen, der den Glauben an den Gott Jesu Christi ganz persönlich entdeckt hat: Es ist der US-Amerikaner Thomas Merton. Er starb genau vor 50 Jahren, im Jahr 1968. Merton verstand sich in seiner Jugend als Atheist, fand durch Literatur und Philosophie zum Glauben, wurde Trappistenmönch und Schriftsteller, der weltweit viel gelesen wurde.

Abkehr von der Welt

Er schreibt: „Die Menschheit steht vor der größten Krisis ihrer Geschichte, weil die Religion auf der Waage steht.“1 Ihr Gewicht werde immer geringer. Ursache dafür sei das Verhalten der Christen selbst: „Das große Problem, vor das sich die Christenheit gestellt sieht, sind nicht die Feinde Christi. Die Verfolgung hat dem inneren Leben der Kirche als solchem nie großen Schaden zugefügt. Die eigentlichen religiösen Probleme existieren in den Seelen unter uns, die im Herzen an Gott glauben und wissen, dass sie verpflichtet sind, ihn zu lieben und ihm zu dienen – und es doch nicht tun.“2

Schon vor rund 70 Jahren vertrat Merton die These: die Welt stehe vor einem völligen sittlichen Verfall und nur eine geistige Revolution könne sie retten. Das Christentum fordere immer schon diese Revolution durch die völlige Abkehr von dem, was man „die Welt“ nennt. Jeder Christ verspreche in der Taufe diese Abkehr.

Merton ist sehr nüchtern und praktisch. Der Mensch kann Gott nur lieben, wenn er ihn kennt. Er kann ihn nicht kennen, wenn er sich nicht Zeit nimmt, um zu beten und sich in seine Wahrheit zu vertiefen. Zeit und Frieden aber seien in der modernen Welt selten geworden. Wörtlich schreibt Merton: „Tatsächlich können wir uns gar nicht Gott weihen, ohne zugleich ein inneres Leben zu führen“. Das aber setze Gnade voraus, die er nur erhalte, wenn er sich um den Glauben bemüht. Dieser aber fordere die Übung von Verstand und Willen.

Glaube ist keine Privatsache

Warum verweise ich so sehr auf die Ausführungen von Thomas Merton? Weil ich den Eindruck habe, dass wir Christen heute oft dazu verführt werden, zu meinen: es sei für die Welt gleichgültig, ob ich an Gott und an Jesus Christus glaube. Das ist es nicht! Glaube ist keine Privatsache! Oft suchen wir die Gründe für die Mängel unserer Gesellschaft an der falschen Stelle. Sie gehen oftmals auf den Mangel an Glauben an Gott zurück. Weil Gott im Leben vieler Menschen keine Rolle mehr spielt, kommen sie mit ihrem Leben nicht zurecht. Auch die ganze Gesellschaft leidet unter Gewalt und Rücksichtslosigkeit, weil man ihr vormacht, Religion gehe nur den Einzelnen an.

Der tiefste Grund, warum der einzelne Mensch und die ganze Gesellschaft ohne Gott nicht gut leben können, ist nach meiner Überzeugung: Ohne Glauben ist es letztlich gleichgültig, wie ich mich verhalte. Lange Zeit mag es ohne Glauben gut gehen. Aber in kritischen Situationen gelingt das Leben viel eher, wenn wir uns an Gott festmachen. Es gilt das schöne Wort des heiligen Augustinus: „Du hast uns für Dich geschaffen, o Gott. Und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“3

1 Thomas Merton, Der Aufstieg zur Wahrheit, Benziger-Verlag 1952, S. 11.
2 ebd., S. 12
3 Aurelius Augustinus, Confessiones/Bekenntnisse, I, 1,1.


Redaktionelle Verantwortung: Martin Korden, Katholischer Hörfunkbeauftragter, und Alfred Herrmann 


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Dieser Beitrag wurde am 03.11.2018 gesendet.


Über den Autor Pater Eberhard von Gemmingen

Pater Eberhard von Gemmingen SJ ist 1936 in Bad Rappenau geboren. Nachdem er 1957 in den Jesuitenorden eingetreten ist, studierte er 1959 Philosophie in Pullach bei München und Theologie in Innsbruck und Tübingen. 1968 erfolgte seine Priesterweihe. Pater Eberhard von Gemmingen SJ war Mitglied der ökumenischen Laienbewegung action 365, bischöflicher Beauftragter beim ZDF und Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Seit 2010 ist er Fundraiser der deutschen Jesuiten.