Am Sonntagmorgen, 09.09.2018

von Pfarrer Dr. Detlef Ziegler aus Münster

„Nur Sonne, Meer und Caipirinha? Als Seelsorger auf dem Kreuzfahrtschiff“

Autor
Ich war vorher noch nie auf einem Kreuzfahrtschiff. Seit dem Jahr 2013 begleite ich jedoch etwa einmal im Jahr Kreuzfahrtschiffe als Bordseelsorger. Bis dahin kannte ich Kreuzfahrten nur als lästiges Phänomen, wenn ich zum Beispiel auf griechischen Inseln als Reisender unterwegs war und regelmäßig miterleben musste, wie Heerscharen von Kreuzfahrtreisenden die engen Gassen überfluteten und verstopften. Außerdem halte ich nach wie vor Kreuzfahrten für eine ökologisch bedenkliche Art zu reisen, mehr als fast jede andere Form der Welterkundung. Trotzdem habe ich mich auf dieses Experiment eingelassen. Mich reizte die Herausforderung, an Bord eines Schiffes Menschen als Seelsorger zu begegnen und Ihnen meine Dienste anzubieten.

Am eindrücklichsten war für mich bisher die Überfahrt von New York nach Hamburg: das Auslaufen des Schiffes am späten Abend, die nächtliche Skyline von Manhattan, neun Tage nur Wasser, Himmel und Weite und zum Schluss die Fahrt die Elbe hinauf nach Hamburg an einem warmen Frühlingstag. Schon bald nach dem Auslaufen stellte sich auf dem Schiff mit seinen 400 Passagieren eine entspannte Atmosphäre ein, kein Ausflugsprogramm störte die Ruhe an Bord. Mir ging es ähnlich. Ich wurde immer gelassener, war beindruckt von den faszinierenden Bildern eines unendlich scheinenden Meeres, an vielen Tagen kein Schiff weit und breit, dafür aber Eisschollen aus der Arktis, Wale und Delphine. Es waren auch für mich intensive Tage der inneren Einkehr, die ich sehr genossen habe. Ich hatte Zeit für mich und vor allem für die Menschen auf dem Schiff. Es gab viel Zeit zu reden, unbekannte Menschen schenkten mir ihr Vertrauen, gewährten mir Einblicke in ihr Leben; es gab Zeiten zu beten und Gottesdienst zu feiern oder engagiert zu diskutieren über Gott und die Welt; oder sich einfach zu entspannen an der frischen Luft, im Wellnessbereich, beim Essen und Trinken. Zeit, dem Leib und der Seele etwas Gutes zu tun.‘
Der stoische Philosoph und römische Kaiser Marc Aurel schreibt:

Sprecher
„Die Menschen suchen sich Orte, an die sie sich zurückziehen können, auf dem Lande, an der See und im Gebirge…Doch das ist wirklich in jeder Hinsicht albern, da es dir doch möglich ist, dich in dich selbst zurückzuziehen, wann immer du es willst. Denn es gibt keinen ruhigeren und sorgenfreieren Ort, an den sich ein Mensch zurückziehen kann, als die eigene Seele.“

Autor
Wahrscheinlich hat Marc Aurel recht und doch wieder nicht, denn es gibt eben auch Orte und Gelegenheiten, die mir helfen, die Seele so richtig baumeln zu lassen und mir selbst neu auf die Spur zu kommen. Ich habe das bei so mancher Kreuzfahrt bei mir erlebt und eben auch miterleben dürfen, wie andere Menschen, getragen von Wind, Weite und Meer, sensibel, ansprechbar und mitteilsam wurden.

Es gibt eine interessante Szene in der Apostelgeschichte, die von der Ankunft des Paulus in der antiken Metropole Athen erzählt. Tagsüber spaziert er durch das Zentrum der Stadt, bewundert die Bauwerke und ist abgestoßen vom Götterkult. Er lässt sich auf Gespräche mit denen ein, die sich dort stundenlang aufhalten, darunter hochgelehrte Leute, hat die Gelegenheit, über seinen Glauben zu sprechen. Er wird auch verstanden - und zum Schluss auch wieder nicht, weil er in seiner Verkündigung zu viel auf einmal will. Mir ist diese Episode wichtig geworden, denn ich sehe darin einen erzählerischen Schlüssel, unter welchen Voraussetzungen eine christliche Verkündigung heute gelingen oder eben auch misslingen kann. Ein Kreuzfahrtschiff ist eine kleine Welt für sich, manche Riesenschiffe sind schwimmende Kleinstädte, die zugleich ein Abbild unserer gesellschaftlichen Realität sind. Was Paulus auf dem Marktplatz von Athen macht, versuche ich im überschaubaren Kosmos eines Schiffes zu beherzigen. Ganz wichtig: Flanieren! Das heißt: herumgehen und schauen, was es alles gibt, was Menschen tun, woran sie Freude haben, was sie bedrückt; ansprechbar sein, sich Fragen stellen, auch den unbequemen; es aushalten, wenn vieles an der Oberfläche bleibt oder auf Widerspruch stößt; sich Zeit nehmen für intensive Begegnungen, mit den Gästen eines Schiffes auf den Landgängen und Ausflügen unterwegs sein, um mit Ihnen neue Eindrücke und Erlebnisse zu teilen. Im Wort „Flanieren“ finde ich diese Haltung zusammengefasst; wer flaniert, ist neugierig und aufmerksam, aufgeschlossen gegenüber dem Neuen und Ungewohnten.

Und dabei muss ich wie Paulus in Athen auch nicht alles gut finden, was ich sehe oder was an mich herangetragen wird. Flanieren bedeutet auch eine kritische Zeitgenossenschaft. In der Tat war ich so manches Mal belustigt, wenn ich mit folkloristischen Eskapaden auf dem Schiff konfrontiert wurde, etwa einem Weihnachtsmarkt auf dem Oberdeck, mit bayrischen Bierstuben, Weißwurst und Leberkäse, und das alles unter tropischer Sonne! Aber es ist halt Advent, und von der Mehrzahl der Passagiere wird etwas Adventliches und Vorweihnachtliches erwartet, auch wenn es irgendwie etwas schräg wirkt. Irritiert, ja abgestoßen bin ich zuweilen vom Verhalten einiger Passagiere, die meinen, ihren Wohlstand exzessiv zur Schau stellen zu müssen. Ich weiß nicht, ob ich noch lachen soll, wenn am Heiligabend für einen Teil der Passagiere sich das Weihnachtsfest auf eine Geschichte reduziert mit dem bezeichnenden Titel: „Warum es den Weihnachtsmann gibt!“ Und dabei zeigt mir ein Neunjähriger stolz seine neue Armbanduhr mit der Bemerkung: „Die hat 9500 Euro gekostet!“ Darüber kann und darf ich mich ärgern, ohne es vor mir her zu posaunen.

Ich will nicht missionieren, aber ich mache mich als Priester erkennbar. Es geht mir nicht um Rekrutierung neuer oder abgesprungener Kirchenmitglieder, aber ich entdecke trotzdem Kirche an Bord, zufällig zusammengekommen, auf Zeit beisammen, um sich nach einigen Tagen oder Wochen wieder aufzulösen. Es ist nicht die große Mehrheit an Bord, die sich davon ansprechen lässt, was schon Paulus in Athen erlebt hat und was ich täglich in meiner Stadtgemeinde in Münster erlebe; auch hier ist es ja nicht die Mehrheit, die der Einladung zu geistlichen Impulsen, Begegnungen oder Gottesdiensten folgt. Aber es sind auch nicht wenige auf dem Schiff, denen diese besondere und entspannte Art des Reisens zu neuer Nachdenklichkeit verhilft oder die einfach die Chance zu vertieften Gesprächen nutzen wollen.

Manche entdecken dabei Kirche noch einmal anders, versöhnen sich ein wenig mit schlechten oder gar traumatischen Kirchenerfahrungen. Besonders berühren mich die Begegnungen mit Alleinreisenden, die ihre Kreuzfahrt noch zusammen mit ihrem Partner oder Partnerin gebucht haben, doch in der Zwischenzeit ist er oder sie verstorben. Und doch, oder vielleicht sogar deswegen, unternimmt der oder die Hinterbliebene diese Reise, weil sie eine Möglichkeit eröffnet, Abschied zu nehmen, im Schmerz nicht allein zu sein und jemanden zu finden, mit dem man darüber reden kann. Hier ist man als Seelsorger besonders gefordert: einfach da sein, zuhören, manchmal auch die Tränen trocknen.

Auf einem Schiff entdecke ich eine geradezu geballte Vielfalt des Lebens und von Lebensgeschichten. Dabei kann die besondere Nähe bei einer Kreuzfahrt eine Willkommenskultur fördern, die hoffentlich auf meinen pastoralen Alltag überspringt. Ich lerne immer wieder neu, dass unter den Augen Gottes jeder und jede willkommen ist, egal, wie er oder sie lebt, sich freut oder trauert, glaubt oder liebt.

Ein Wort noch zu den Morgenandachten, die ich gerade beiläufig erwähnt habe. Sie sind für mich ein ganz wichtiger Bestandteil meiner Arbeit an Bord. Jeden Morgen, sofern ein aufwändiges Ausflugsprogramm dies nicht verhindert, lade ich die Passagiere zu einem geistlichen Impuls auf dem höchsten Deck des Schiffes ein, meistens in eine geräumige Bar; von dort kann man einen phantastischen Blick auf das Meer genießen. Fast immer sind Musiker auf dem Schiff bereit, diese Feier musikalisch mitzugestalten und ihr damit eine besonders meditative Atmosphäre zu verleihen. Es ist immer nur eine überschaubare Gruppe von Passagieren, die teilnimmt, aber die meisten kommen regelmäßig und signalisieren deutlich das Verlangen, den Tag mit Besinnung, Gebet und einem geistlichen Impuls zu beginnen. Sie wollen nicht Urlaub von Gott machen, sondern suchen gerade im Urlaub neue Impulse, ihren Gottesglauben zu vertiefen. Jeden Morgen eine kleine Gemeinde, Kirche unterwegs und in einem ungewohnten Ambiente, einer Bar eben, und doch intensiv und gesammelt. Auch mir tun diese Zeiten am Morgen gut, ich möchte sie nicht missen. Und sie inspirieren meine Arbeit daheim und lassen mich immer wieder neu fragen, an welchen ungewohnten Orten Kirche präsent sein müsste, flanierend, nicht übergriffig, einladend und nicht ausgrenzend, mit Profil und Erkennbarkeit.

Auf einem Kreuzfahrtschiff mit vielen und unterschiedlichen Lebensgeschichten verstehe ich meine Aufgabe in erster Linie als diakonische: einfach da sein, in seelischen Notlagen einfach zuhören, als Gesprächspartner in Glaubensfragen verfügbar.

Eine besondere Herausforderung sind für mich immer die Gottesdienste mit den Angehörigen der Crew; meistens sind es Menschen von den Philippinen, die im Servicebereich des Schiffes arbeiten und gerade an Sonntagen oder Festen eine heilige Messe wünschen. Es ist jedes Mal schwer, mit ihnen einen passenden Termin zu finden. Aufgrund ihrer enormen Arbeitsbelastung finden solche Gottesdienste, wenn überhaupt, kurz vor Mitternacht statt. Es ist dann gar nicht so leicht, in englischer Sprache mit erschöpften Menschen Gottesdienst zu feiern, deren Lebenswelt an Bord ich viel zu wenig kenne, weil der Bereich der Crew und der Bereich der Gäste streng voneinander getrennt sind. Auch das gehört zur Realität eines Kreuzfahrtschiffes: getrennte Welten, die viel zu wenig voneinander wissen. Damit Passagiere es sich gut gehen lassen können, müssen Hunderte Bedienstete hart und lange arbeiten. Und vieles davon geschieht im Verborgenen, unsichtbar für die Urlaubswelt an Bord.

Sprecher
„Warum reist man eigentlich? Man reist, um die Welt bewohnbar zu finden. Denn dass sie nicht mehr bewohnbar sei, ist ein Verdacht, der aufkommt…Also reist man, um das Geheimnis der Bewohnbarkeit dieser Erde in Resten zu finden, eine andere Archäologie. Man sucht das Verlorene; irgendwo muss es doch sein.“

Autor
So formulierte es der Schriftsteller Erhart Kästner vor mehr als 50 Jahren. Heute wissen wir, dass wir auf unseren Reisen nur noch selten das Unberührte und Ursprüngliche finden, weil schon zu viele vor uns da waren. Aber jede Reise, wenn sie nicht im Partylärm oder im Massenevent untergeht, lässt uns vielleicht auch ahnen, dass diese Welt nicht alles ist und sein kann. Wir suchen ihre Bewohnbarkeit, manche sprechen heute auch wieder gern von Heimat, und zugleich beschleicht uns manchmal ein Gefühl der Vorläufigkeit, der Begrenzung und Befristung. Mir geht das in ruhigen Momenten auf dem Schiff auf, wenn ich entspannt lange Zeit auf den Horizont über dem Meer schaue. Dabei kommt mir immer wieder ein Wort von Ionesco in den Sinn:

Sprecher
„Im Kreis gehen die Menschen im Käfig ihres Planeten, weil sie vergessen haben, dass man zum Himmel aufblicken kann.“

Autor
Mit anderen Worten: „Kopf hoch!“ Bei aller Erdverbundenheit, bei aller Fixierung auf das Hier und Jetzt: Diese Welt kann und darf nicht alles sein. Der endlos scheinende Horizont über dem Meer weckt die Ahnung von einer noch größeren Weite und Erhabenheit. Christen haben schon seit den Anfängen des Christentums immer wieder bekannt: „Wir haben hier keine bleibende Stätte. Unsere Heimat ist im Himmel.“
Im Horizont über dieser Welt und unserem Leben kann eine solche Antwort und Verbundenheit spürbar werden, im Aufgang des Göttlichen. Wenn ich mit Menschen auf einem Schiff unterwegs bin, treibt mich dieser Wunsch an, mit Suchenden und Fragenden das Gerücht von Gott wachzuhalten, ahnungsvoll und aufgeschlossen, wertschätzend und kritisch zugleich. Und das bei Sonne und Meer, und von mir aus auch mit einem Glas Caipirinha in der Hand!

Die redaktionelle Verantwortung hat Senderbeauftragter Martin Korden.


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Dieser Beitrag wurde am 09.09.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn. Seit 2017 ist er leitender Pfarrer an der Kirche St. Lamberti in Münster.