Feiertag, 05.08.2018

von Pater Eberhard von Gemmingen SJ aus München

Drei-Päpste-Jahr vor 40 Jahren: Paul VI. - Johannes Paul I. - Johannes Paul II.

Kirchenleute nennen das Jahr 1978 das „Drei-Päpste-Jahr“, denn am 6. August starb Papst Paul VI., im Herbst begann Johannes Paul II. sein sehr langes  Pontifikat, und dazwischen war nur 33 Tage lang Johannes Paul I. Kirchenoberhaupt. Eberhard von Gemmingen, Jesuitenpater und langjähriger Leiter der Deutschen Sektion von Radio Vatikan, erinnert sich an die drei so unterschiedlichen Päpste und an das für den Vatikan so ungewöhnliche Drei-Päpste-Jahr.

Das Jahr 1978 war in Rom sehr aufregend. Im August des Jahres starb Papst Montini, der bislang vorletzte Italiener auf dem Papst-Thron. Und im Herbst war erstmals ein Nicht-Italiener Kirchenoberhaupt. Dazwischen lächelte 33 Tage lang ohne viele Worte Johannes Paul I. in die Welt. Die Welt aber diskutierte voller Aufregung: wurde er umgebracht oder wollte er gar nicht Papst sein und ist daher so schnell gestorben?

Vor allem der Start des Erzbischofs von Krakau Kardinal  Wojtyla war für viele Katholiken umwerfend: ein Mann aus dem Reich Stalins, aus dem Reich des Antichristen. Konnte das gut gehen oder musste ein Krieg zwischen Ost und West ausbrechen?

Drei Päpste also in einem Jahr. Alle drei waren natürlich katholisch – was sonst. Aber doch sehr unterschiedlich: Ein fleißiger Italiener, ein lächelnder Venezianer und ein kämpfender Pole.

Große Durchbrüche unter Paul VI. – heute oft vergessen

Als Paul VI. 1963 startete war „kalter Krieg“. Kurz nach seinem Amtsantritt wurde der US-amerikanische Präsident ermordet. Die Welt zitterte, sie brauchte einen Friedensbringer auf dem Stuhl Petri. Wird der Papst Frieden schaffen, was viele hofften. Er versuchte es mit allen seinen Mitteln des Dialogs, der freundlichen Gesten.

Die Deutschen aber erinnern sich an den hageren asketischen Paul VI. leider vor allem als „Pillenpaul“. Er hatte die „Antibabypille“ nach heftigen Diskussionen rund um den Globus verboten: Sie darf zur Empfängnis eines Kindes auch in verantworteter Geburtenplanung nicht genommen werden. Doch die Charakterisierung „Pillenpaul“ wird dem feinfühligen, hoch gebildeten Seelsorger nicht gerecht. Und hier zeigt sich, dass Schlagworte dumm sind. Denn Afrikaner, Asiaten und Lateinamerikaner erinnern sich an Paul VI. wohl als den Mann, der erstmals energisch auf das Elend der Menschen in der dritten Welt, auf die Ausbeutung der Entwicklungsländer, aufmerksam gemacht hat. Seine Enzyklika „Populorum progressio“ machte weltweit positive Schlagzeilen. Zu merken: Was die Medien erzählen, wird geglaubt, ob es stimmt oder nicht. Vor allem Deutschland als Land der Reformation neigt dazu, Rom besonders kritisch zu sehen. Das Hauptverdienst von Paul VI. war, dass er das zweite Vatikanische Konzil zu einem guten Ende geführt hat. Das Konzil führte Kirche und Theologie in die Moderne. Paul VI. war auch der erste reisende Papst. Er besuchte Israel mit Jerusalem und war somit das erste Kirchenoberhaupt nach Petrus, der die Heimat Jesu sah.

Dort betonte er, dass er als Pilger des Friedens komme, dass es ihm um die Versöhnung zwischen Gott und dem Menschen gehe, aber auch zwischen den Menschen und den Völkern. Gott denke Gedanken des Friedens und nicht des Konfliktes. 1965 flog Papst Paul VI. zu den Vereinten Nationen nach New York. Hier fand er starke Worte:

„Wir überbringen Ihnen den Beifall des ganzen katholischen Episkopats und Unseren, weil wir überzeugt sind, dass diese Organisation den Weg zur modernen Zivilisation und zum Weltfrieden darstellt. Niemals mehr die einen gegen die andern, niemals mehr. Ist das nicht über allem das Ziel, für das die Organisation der Vereinten Nationen geboren wurde? Gegen den Krieg und für den Frieden? Es ist der Friede, der die Geschicke der Völker und der ganzen Menschheit leiten muss. Niemals wieder Krieg, niemals wieder Krieg!“

Der erste reisende Papst

Weitere Reisen führten Paul VI. nach Fatima, nach Istanbul, zur Internationalen Arbeitsorganisation und zum Rat der Kirchen in Genf, nach Uganda und Kolumbien, auf die Philippinen und nach Australien. Das waren historische Durchbrüche. Man bedenke: Der Papst bei Muslimen in Istanbul, bei Inkas in Kolumbien, bei Protestanten in Genf, bei Schwarzen in Uganda. Katholiken waren gewohnt, dass man nach Rom fahren muss, um den Papst zu sehen. Dass der Papst rund um den Globus fliegt, hätten die Ahnen nie vermutet.

Erwähnen muss man besonders die Eröffnung des Dialogs mit den Orthodoxen Kirchen und den Altkatholiken. Paul VI. wagte nach langen Diskussionen auch den Schritt vom reinen Antikommunismus zum Dialog mit kommunistischen Staaten. Das war besonders für das gespaltene Deutschland ein heißes Eisen. Heute sind die Durchbrüche von Paul VI. oft weitgehend vergessen, aber Papst Franziskus schätzt Paul VI. hoch. Im Oktober soll dieser Papst sogar heiliggesprochen werden. Er war ein hoch gebildeter, bescheidener Arbeiter im Weinberg des Herrn, vielleicht Vorbild für Papst Franziskus, der ihn jetzt heiligspricht. Ich vermute, Franziskus sieht in ihm vor allem den Mann, der menschennah und bescheiden war. Paul VI. starb nach 15-jähriger Amtszeit am 6. August 1978.

Habemus Papam … Kardinalem Luciani

Wilde Spekulationen über den 33-Tage-Papst

20 Tage nach dem Tod von Paul VI. entscheiden sich die Kardinäle für den Patriarchen von Venedig, den wenig bekannten und sehr zurückhaltenden Albino Luciani. Seine ersten Worte auf der Loggia des Petersdomes unmittelbar nach seiner Wahl:

„Gestern, am Morgen, bin ich ganz ruhig in die Sixtinische Kapelle zum Wählen gegangen. Nie hätte ich mir vorgestellt, was dann passierte. Als die Gefahr für mich begann, da flüsterten mir zwei Kollegen Worte der Ermutigung zu. Einer sagte mir: ‚Nur Mut, wenn der Herr ein Gewicht auflädt, dann hilft er auch, es zu tragen‘. Und der andere Kollege sagte: ,Haben Sie keine Furcht, in der ganzen Welt gibt es so viele Leute, die für den neuen Papst beten.‘ Als der Moment dann kam, habe ich akzeptiert.“

Luciani gab sich den Namen Johannes Paul. Mit diesem Doppelnamen wollte er den vermeintlichen Gegensatz zwischen seinen Vorgängern, dem liebenswerten Johannes XXIII. und dem eher streng wirkenden Paul VI., überwinden. Auch lehnte er die Krönung mit der Tiara und die Papstsänfte, die „sedia gestatoria“, ab und sprach nicht mehr in der feierlichen Form des „Wir“. Doch nach 33 Tagen war er tot, überraschend tot aufgefunden am Morgen in seinem Bett. Was war geschehen? Die Weltmedien hatten Stoff zur Spekulation. Wer hatte ihn vergiften wollen? Sein Leichnam wurde nicht obduziert. Es gab viele Vermutungen. Hatte er Schweinereien der Vatikanbank aufdecken wollen? Hatte er das bis dahin unbekannte dritte Geheimnis von Fatima veröffentlichen wollen und waren manche im Vatikan dagegen? Hatten ihn Freimaurer, Außerirdische aus Ufos, hatten ihn die Jesuiten oder amerikanische Kardinäle umbringen lassen, weil sie des Amtes enthoben werden sollten? Stoff genug um Geld zu verdienen für Bücherschreiber. Yallops Buch „Im Namen Gottes“ gab den Startschuss, es folgten Francis Coppola mit „Der Pate“. Schließlich meinte Vandenberg den Stein der Weisen zu schreiben in dem Buch „Die Sixtinische Verschwörung“. Den Schlussstrich machte literarisch John Cornwell. Der Papst sei herzkrank gewesen und eben überraschend gestorben. Und damit kam Cornwell den ersten Reaktionen am nächsten, als noch niemand an eine Verschwörung dachte und stattdessen die Trauer über den Verlust eines Papstes überwog, von dem man einiges erwartet hatte, wie es der damalige Kölner Erzbischof Kardinal Höffner sagte:

„Die Kirche hat auf diesen Papst sehr große Hoffnungen gesetzt. Er hat in den wenigen Tagen – in 34 Tagen – doch eine Reihe von Akzenten gesetzt, er wandte sich gerade als Seelsorger-Papst den Armen, den Kranken, den Gefangenen, den am Rande lebenden zu. Und er wandte sich auch zu – das ist bei ihm diese Dimension der Innerlichkeit und der Weite – der ganzen Welt. Er rief in seiner ersten Ansprache an uns Kardinäle alle, die guten Willens sind, auf, doch zusammenzuarbeiten, damit die Erde nicht zu einer Wüste und damit der Mensch nicht zu einem Automaten und die Gesellschaft nicht zu einem verplanten Kollektiv wird.“ 

Der Papst aus Polen sorgt für einen völlig neuen Ton

Im Oktober 1978 kamen die Kardinäle schon wieder aus aller Welt angeflogen. Erstmals durften nur die den neuen Papst wählen, die noch nicht das 80. Lebensjahr erreicht hatten. Diese Änderung hatte der gerade verstorbene Papst Johannes Paul I. eingeführt. Und – oh Wunder – sie wählten einen Mann, der nicht aus Italien kam und auch nicht aus dem reichen und scheinbar christlichen Westen, sondern aus dem Reich hinter dem Eisernen Vorhang. Ein Mann aus dem katholischen Polen.

Habemus Papam … Kardinalem Wojtyla

Die erste Predigt von Johannes Paul II. bei dessen Amtseinführung am 22. Oktober 1978 bewegte die Welt.

„Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore für Christus auf. Für seine heilbringende Macht, öffnet die Grenzen der Staaten, öffnet die wirtschaftlichen und politischen Systeme, die breiten Felder der Kultur, der Zivilisation, der Entwicklung. Habt keine Angst. Christus weiß, was im Menschen ist. Heute weiß der Mensch oft nicht, was er in sich trägt, in der  Tiefe seiner Seele, seines Herzens. Er ist beherrscht vom Zweifel, der sich in Verzweiflung verwandelt. Ich bitte euch demütig und voll Vertrauen – erlaubt Christus zum Menschen zu reden. Nur er hat Worte des Lebens, ja – des ewigen Lebens.“

Papst Johannes Paul schlug einen völlig neuen Ton an. Es war anders als das Sprechen seiner unzähligen italienischen Vorgänger. Es sprach ein Prophet und ein Poet. Offenbar war er in seinem bisherigen Leben davon geprägt, dass die Menschen zum Schweigen, zum Kuschen, zum Schließen der Grenzen gezwungen waren: Seine Botschaft: Macht den Mund auf, auch wenn sie euch dafür verfolgen. Wenn ihr keine Angst habt und auf Gott vertraut, dann kommt ihr durch. Das war offenbar seine Lebenserfahrung. Und er war für einen Kardinal recht jung, erst recht für einen Papst. 58 Jahre. In wenigen Monaten sollte er mit dem italienischen Staatspräsidenten in den Abruzzen Ski laufen. Johannes Paul II. war für die Welt eine völlige Überraschung. Die Welt musste nachforschen, was er denn früher gemacht hatte. Er hatte offenbar gut Fußball und Gitarre gespielt, wollte Schauspieler werden, war von den Nazis im besetzten Polen zur Zwangsarbeit verurteilt worden, hatte in Rom Theologie studiert, interessierte sich für Mystik, war dann Professor für Sozialethik in Polen gewesen und wurde mit 38 Weihbischof. Er nahm am 2.Vatikanischen Konzil teil und wurde dann Erzbischof und Kardinal in Krakau. Die Superkarriere eines Genies. Völlig anders als sein Vorgänger aus Venedig. Überraschend auch sein Auftritt bei seiner ersten Deutschlandreise im Jahr 1980. 

„Mit tiefer innerer Bewegung und Dank betrete ich heute deutschen Boden, dessen Volk und Land ich schon durch frühere Besuche persönlich kennen- und schätzen gelernt habe. Es drängt mich, zugleich von Herzen alle getrennten Glaubensbrüder zu grüßen. Gott segne alle Deutschen in der Welt!“

Deutliche Worte im skeptischen Deutschland

Jubel bei den anwesenden Christen. Doch Johannes Paul II. sah sich mit vielen Fragen konfrontiert: Pille, Ehescheidung, Zölibat. Vor allem das Thema Lebensschutz und Abtreibung bewegte die Öffentlichkeit. Der Papst verurteilte in Deutschland mit klaren Worten Familienplanung durch Abtreibung.

„Das erste Recht des Menschen ist das Recht auf Leben. Wir müssen dieses Recht und diesen Wert verteidigen, andernfalls würde die ganze Logik des Glaubens an den Menschen, das ganze Programm eines wahrhaft menschlichen Fortschritts erschüttert werden und in sich zusammenbrechen.“

Und zur Frage von Ehe und Beziehung rief der Papst in dramatischen Worten:

„Man kann nicht nur auf Probe leben. Man kann nicht nur auf Probe sterben. Man kann nicht nur auf Probe lieben, nur auf Probe und Zeit einen Menschen annehmen.“

Der Papst, der am Eisernen Vorhang rüttelte

Deutschland war für Papst Johannes Paul II. ein sehr schwieriges Pflaster. Aber anderswo war er meist höchst willkommen. Bald wurde er vom „Heiligen Vater“ zum „eiligen“ Vater. Denn er reiste ununterbrochen. Jährlich vier große Reisen. Auf insgesamt 104 Reisen besuchte er 127 Länder. Neun Reisen nach Polen; acht nach Frankreich, sieben in die USA, je fünfmal war er in Mexiko und Spanien; viermal in Brasilien, in Portugal und in der Schweiz.

Kurz nach Beginn seines Pontifikats versuchte ein Türke ihn zu erschießen. Bis heute ist nicht klar, ob das ein Einzeltäter war oder ein aus der Sowjetunion Ferngelenkter.

In Deutschland war Papst Johannes Paul II. 1980, 1987 und 1996. Unvergessen und in tausend Bildern festgehalten sein Durchgang durchs Brandenburger Tor 1996. Er hatte am Eisernen Vorhang gerüttelt, für einen Spalt geöffnet, das Volk ihn aufgerissen. Eingehen wird er in die Geschichte als der Mann, der wesentlich zum Zusammenbruch des Sowjetreiches beigetragen hat. Er unterstütze die polnische Solidarnosc-Bewegung, machte den Polen Mut, sprach aus, was die Profis längst wussten: der Kommunismus überwindet die Armut nicht, sondern schafft sie.

Johannes Paul II. sprach unzählige herausragende Christen selig und heilig.

Er schlug auch die Brücke zwischen Glauben und Kultur, zwischen Glauben und Gesellschaft. Die Gesamturteile über sein Pontifikat gehen weit auseinander: Die einen halten ihn für einen Mann des Fortschritts im Denken und Handeln, andere für sehr konservativ in der Theologie. Er ist wohl auf jeden Fall ein Mann der Weltpolitik und Weltgeschichte.

Papstgeschichte ist Kulturgeschichte. Bei den drei Päpsten zeigt sich das besonders. Paul VI., Johannes Paul I. und Johannes Paul II. - sie bilden den Übergang vom rein italienischen Papsttum zu einem internationalen, von einem mehr aufs Theologische ausgerichteten zu einem stärker an der Weltpolitik orientierten. Bis zu ihnen wurden Päpste von den Katholiken bejubelt und wie Heilige mit Kniefall verehrt. Seither werden Päpste auch von engagierten Katholiken kritisiert und abgelehnt. Diese drei Päpste machen auch deutlich, wie sehr jeder einzelne Papst von seiner Herkunft und Vorgeschichte geprägt ist. Die Theorie sagt ja: Der Papst ist der Papst, also primär Amtsträger. Daher gibt es zwischen ihnen nur Minimaldifferenzen. Das ist ein frommer Wunsch. Schon Papst Benedikt und erst recht Papst Franziskus zeigen, dass ihre Quellen den Verlauf ihres Papstflusses sehr stark prägen, nämlich ihre Ausbildung, ihre Erfahrungen, ihre Frömmigkeit. Vielleicht kann man es mit den drei P‘s vereinfachend zuspitzen: Johannes Paul II. war Politiker, Benedikt der Professor, Franziskus ist der Pfarrer. Als Christ kann man Gott danken, dass er immer wieder herausragende Menschen für die Leitung der Kirche findet.


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Dieser Beitrag wurde am 05.08.2018 gesendet.


Über den Autor Pater Eberhard von Gemmingen

Pater Eberhard von Gemmingen SJ ist 1936 in Bad Rappenau geboren. Nachdem er 1957 in den Jesuitenorden eingetreten ist, studierte er 1959 Philosophie in Pullach bei München und Theologie in Innsbruck und Tübingen. 1968 erfolgte seine Priesterweihe. Pater Eberhard von Gemmingen SJ war Mitglied der ökumenischen Laienbewegung action 365, bischöflicher Beauftragter beim ZDF und Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Seit 2010 ist er Fundraiser der deutschen Jesuiten.