Am Sonntagmorgen, 18.01.2015

von Silvia Katharina Becker aus Bonn

Bis dass der Tod der Liebe euch scheidet? Ein katholischer Blick auf die Praxis der orthodoxen und evangelischen Kirche

Sprecherin
„Bis dass der Tod euch scheidet.“ Dieses feierliche Eheversprechen rührt an tiefste menschliche Sehnsüchte nach einer Liebe, die ewig dauern soll. Aber immer häufiger erweist sich diese Sehnsucht als Illusion. In Großstädten endet heute fast jede zweite Ehe vor dem Scheidungsrichter. Auch die Ehen von gläubigen Katholiken bilden hier keine Ausnahme. Sie sind keine Inseln, die unberührt blieben von den Entwicklungen der Zeit und Geschichte. Die kirchenrechtlichen Konsequenzen sind ebenso bitter wie allseits bekannt: Bei Wiederheirat droht der Ausschluss von den Sakramenten. Umso spannender und wichtiger ist der Blick auf die anderen christlichen Konfessionen, insbesondere auf die orthodoxe Kirche. Sie vertritt eine Ehetheologie, die nahezu identisch ist mit der Lehre der katholischen Kirche und pflegt dennoch einen ganz anderen Umgang mit Menschen, deren Ehe gescheitert ist.

Zunächst einmal: Der Traum in Weiß ist nicht ausgeträumt. Aller Probleme zum Trotz. Treue, ewige Liebe, Geborgenheit in der eigenen kleinen Familie stehen bei Jugendlichen hoch im Kurs. Wirklich überholt waren diese Werte eigentlich nie, wurzeln sie doch in der Tiefe der menschlichen Seele. So heißt es schon im Hohenlied der Liebe aus dem Alten Testament (Hld 8,5-7):

Rezitator

Leg mich wie ein Siegel auf dein Herz,

wie ein Siegel an deinen Arm!

Stark wie der Tod ist die Liebe,

die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt.

Ihre Gluten sind Feuergluten,

gewaltige Flammen.

Auch mächtige Wasser

können die Liebe nicht löschen;

auch Ströme schwemmen sie nicht weg.

Wenn der Mensch alles, was er in seinem Haus hat,

für die Liebe geben würde,

so wird er es doch für nichts achten.

Sprecherin
Auch wenn diese Sehnsucht nach der einen, unauslöschlichen Liebe über die Zeiten und Epochen hinweg in den Herzen der Menschen lebendig geblieben ist, so endet der Bund fürs Leben heute in der Realität doch häufig mit Scheidung. Und das hat Gründe: Unsere Vorfahren hatten nur selten die Chance, in Liebesdingen ihrem Herzen zu folgen. Zu stark, zu übermächtig waren die ökonomischen und familiären Zwänge. Eine Ehe war im Wesentlichen eine Arbeits-, Lebens- und oft genug auch Überlebensgemeinschaft, in die man sich notfalls auch unter großem Leid hineinfügte. Dagegen ruht die moderne Liebesehe auf ganz anderen Säulen. Sie heißen: freie Partnerwahl,  hohe Glückserwartung, gestiegener Anspruch an Kommunikation, Einfühlung und persönliche Erfüllung. Und das alles in einem Umfeld, wo die Stützen und Einengungen einer Großfamilie weitgehend wegfallen und stattdessen Individualisierung und Mobilität den Ton angeben. Wo die Entscheidung für eine Ehe aber sehr bewusst getroffen wird und weder die Gesellschaft noch der Zwang des Überlebens ein solches Band fordern, stellt sich in ganz anderer Härte die Frage: War diese Entscheidung eigentlich richtig? Gehen meine Glückserwartungen, meine Hoffnungen auf Nähe und Intimität überhaupt in Erfüllung?

Kein Wunder also, dass das Scheitern und die Scheidung von Ehen heute zum Alltag gehören. 

Scheiterte 1971 noch jede sechste Ehe, so ist es heute jede dritte, in Großstädten fast jede zweite. Nach 25 Ehejahren sind in Deutschland 36 Prozent aller Ehen geschieden.

Und: Diese Zahlen geben nur einen Teil der Wahrheit wider. So denken, nach Untersuchungen des amerikanischen Soziologen David H. Olsen in rund zwei Dritteln aller Ehen wenigstens einer der Partner an Trennung. Anders ausgedrückt: Lediglich ein Drittel aller Ehen ist wirklich stabil und davon wiederum verdient höchstens die Hälfte das Prädikat „vitale Ehe“.   

Die Folge: Auch gläubige Katholiken müssen sich immer häufiger mit Scheidung, Wiederheirat und den damit verbundenen schmerzhaften kirchlichen Konsequenzen auseinandersetzen, nämlich dem Ausschluss von den Sakramenten. Ein Prozess, der nicht selten zum Rückzug aus der Kirche führt.

Dabei weist das Eheverständnis der großen christlichen Konfessionen starke Ähnlichkeiten auf. Umso mehr erstaunt es, wie gravierend sie sich in ihrem Umgang mit Scheitern, Scheidung und Wiederheirat voneinander unterscheiden. Der Grund liegt vielleicht darin, dass das Neue Testament selbst gar keine ausformulierte Ehelehre kennt. So stützen sich die Kirchen auf bestimmte ausgewählte Aussagen Jesu, mit denen dieser aber – angesichts der Naherwartung, des unmittelbar erwarteten Endes der Welt – ganz bestimmt kein kirchliches Eherecht begründen wollte.

Jesus selbst lebte in einer Kultur, in der die Entlassung der Ehefrau (übrigens nie des Ehemannes) und eine neue Heirat üblich und legitim waren, selbst ohne triftige Gründe. Zwar heißt es im Alten Testament, beim Propheten Maleachi (2,16): „Ich hasse Scheidung“. Aber, so der Bibelwissenschaftler Ingo Broer: „Diese prophetische Maxime hat im nachfolgenden Judentum keine Spuren hinterlassen“. Auf die oft herzlose und egoistische Praxis der Entlassung der Ehefrau bezieht sich denn auch die berühmteste Aussage Jesu zum Thema Ehe (Markus 10,2-12): 

Die Pharisäer fragten Jesus, um ihm eine Falle zu stellen: Ist es erlaubt, seine Frau aus der Ehe zu entlassen?

Rezitator
„Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Gott euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. - Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch.“

Sprecherin
Diese Worte Jesu hat die Kirche schon sehr früh als feste Regel betrachtet. Allerdings geht es Jesus hier vor allem um die Herzenshärte der Männer. Ihnen gegenüber verteidigt er die alte gottgewollte Schöpfungsordnung, die er mit lebenslanger Ehe gleichsetzt. Wie schwer es aber war, eine solche Regel in der Praxis durchzuhalten, zeigt sich schon im zwanzig Jahre später geschriebenen Matthäusevangelium (19,3-12). Es erzählt die gleiche Begebenheit, ändert aber die Aussage Jesu geringfügig um und lässt damit schon die erste Ausnahme zu:

Rezitator
„Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch.“

Sprecherin
Das heutige katholische Eheverständnis orientiert sich, ganz wie die frühe Kirche, an dieser Aussage Jesu. Die Ehe ist ein Sakrament, das die beiden getauften Eheleute einander spenden und das sie unverbrüchlich ein ganzes Leben lang miteinander verbindet. Einzige Ausnahme: Die Ehe ist aufgrund kirchenrechtlich genau festgelegter Gründe gar nicht zustande gekommen und damit ungültig. Wie jedes Sakrament, so ist auch die Ehe ein von Christus gestiftetes Zeichen der Göttlichen Gnade, ja mehr noch: Die gelebte Ehe erweist sich als Quelle der Gnade selbst und als Abbild der Liebesbeziehung zwischen Christus und der Kirche. Die Konsequenz dieses sehr anspruchsvollen Eheverständnisses ist die absolute Unauflöslichkeit der Ehe. Wer sich dennoch durch den Staat scheiden lässt, den betrachtet die Kirche als weiterhin verheiratet.

So geraten die meisten Geschiedenen erst dann in einen Konflikt mit der Kirche, wenn sie wieder heiraten wollen. Da die alte Ehe – in den Augen der Kirche  - weiterhin besteht, leben wiederverheiratete Geschiedene, so die kirchliche Lehre, in der ständigen Sünde des Ehebruchs und schließen sich damit selbst von Kommunion und Bußsakrament aus. Denn, so das katholische Kirchenrecht:

Rezitator
„Wer hartnäckig in einer offenkundig schweren Sünde verharrt, darf zum Empfang der Kommunion nicht zugelassen werden.“ (CC 915)

Sprecherin
Und:

Rezitator
„Verzeihung der Sünde empfängt nur der, der unter Reue über seine begangenen Sünden sich mit dem Vorsatz zur Besserung Gott zuwendet.“ (CC 987)

Sprecherin
Das wiederum käme de facto einem Verzicht auf die zweite Ehe gleich.

Viele katholische Christinnen und Christen empfinden diese Haltung als unbarmherzig. Erzählt das Neue Testament nicht auch von der unendlichen Güte und Barmherzigkeit Gottes, der nicht sieben mal, sondern siebenundsiebzig siebenmal vergibt, wie es im Matthäusevangelium heißt (Mt 18,21)? Und schenkt der barmherzige Vater seinem verlorenen Sohn nicht rückhaltlos einen neuen Anfang, ohne zu fragen und zu richten?

Die orthodoxe Kirche, die – trotz eines anderen Trauritus – nahezu das gleiche Eheverständnis wie die katholische Kirche vertritt, orientiert sich in ihrem Umgang mit gescheiterten Ehen tatsächlich viel stärker am Grundsatz der Barmherzigkeit. Für beide Konfessionen ist klar: Ehe ist „Kirche im Kleinen“, Ehe ist Sakrament und ihrem Wesen nach unauflöslich. In der orthodoxen Theologie wurzelt die Ehe allerdings noch viel tiefer in der Mystik der Kirche, ist ganz hingeordnet auf die jenseitige Welt und die geistliche Vervollkommnung der Partner.

„Bis dass der Tod euch scheidet.“ Anders als die katholische Kirche bezieht die orthodoxe Kirche diese zentrale Aussage nicht nur auf den leiblichen Tod, sondern auch auf den „Tod der Ehe“ zu Lebzeiten.  Anders ausgedrückt: Sie akzeptiert den moralischen Tod einer Ehe, also das Scheitern der Liebe. Mehr noch: Während der leibliche Tod die Liebe nicht auszulöschen vermag, kann eine Beziehung sterben. Die orthodoxe Kirche toleriert in diesem Fall – wie auch im Falle eines Ehebruchs - Scheidung und kirchliche Wiederheirat (bis hin zu drei Ehen). Allerdings geht der neuen Ehe ein Bußakt voraus. Auch der Trauritus  gestaltet sich einfach und ist stark von Elementen der Buße geprägt.

Wie die evangelische Kirche kennt also auch die orthodoxe Kirche eine zweite Ehe und begründet dies ausschließlich mit der Seelsorge: Menschen, die nach einer Erfahrung des Scheiterns in einer neuen Beziehung die Liebe verwirklichen, werden nicht von der Quelle der Gnade, der Eucharistie ausgeschlossen – um ihres Seelenheils willen und als Zugeständnis an die menschliche Schwäche. Die orthodoxe Kirche orientiert sich dabei an das Vorbild Jesu, vor allem an seine Begegnung mit der Ehebrecherin, wie sie im Johannesevangelium geschildert wird (Joh 8,3-5): „Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.“ Jedes kirchliche Handeln, so die pastorale Überzeugung, muss dem Wohlergehen der Menschen und der Entwicklung ihrer Gottesbeziehung dienen. Dieses Anliegen ist so zentral, dass es alle anderen kirchlichen Normen relativiert und übersteigt, also auch das sakramentale Eheverständnis.  

Die evangelische Position unterscheidet sich von der katholischen und orthodoxen vor allem dadurch, dass sie die Ehe nicht als Sakrament betrachtet. Denn auf der Ehe lastet – wie auf der gesamten Schöpfung – immer noch der Schatten der Unzulänglichkeit und des Scheiterns. Insofern ist die Ehe, um Martin Luther zu zitieren, „ein weltlich Ding“. Und damit - im Grenzfall - zu scheiden. Aus diesem Grunde erlaubt die evangelische Kirche auch eine Wiederheirat mit anschließender kirchlicher Segnung. Denn die kirchliche Trauung wird bei der evangelischen Kirche nicht als Eheschließungsakt verstanden, sondern als Segnung der nach weltlichem Recht geschlossenen Ehe. Das gilt für die erste Heirat ebenso wie für die zweite.   

In einer Zeit, in der immer mehr Ehen zerbrechen, entwickelt sich die Haltung der katholischen Kirche den betroffenen Menschen gegenüber mehr und mehr zu einer existentiellen Frage. Eine Frage, die im letzten Herbst die Familiensynode in Rom intensiv aufgegriffen hat. Auch wenn die Synode in der Abschlusserklärung keine grundlegend neue Haltung eingenommen hat, so ist die Dringlichkeit des Problems immerhin erkannt. Und: Es wird mit ungewohnter Offenheit darüber gestritten und diskutiert.

Wiederverheiratete Geschiedene sind, so die bisherige Situation, zwar nicht exkommuniziert, empfinden sich aber dennoch – durch den Ausschluss von den Sakramenten – häufig als ausgestoßen und isoliert. Viele kehren der Kirche verbittert den Rücken. Individuelle – teilweise in sich widersprüchliche – „pastorale Lösungen“, die einzelne Männer und Frauen mit ihren Gemeinden und großzügigen Priestern ausgehandelt haben, können das Problem nicht wirklich lösen. Zumal die Glaubenskongregation 1994 solche Nebenwege scharf verurteilt hat. Die Betroffenen, die nach Absprache mit einem Priester dennoch die Kommunion empfangen, bewegen sich damit also in einem kirchlichen Niemandsland, in einem kirchenrechtlich verminten Gebiet. Wie sollen sie dort ihre Zelte aufschlagen und Heimat finden?

Dennoch zeigt sich – neben der Familiensynode - ein weiterer Lichtstreif am Horizont. Immerhin hat die katholische Kirche, die in ihrer Geschichte so viele Verurteilungen ausgesprochen hat, die orthodoxe Praxis nie verurteilt. Auch wenn sie das orthodoxe Vorbild nicht einfach kopieren wird, so könnten doch die Erfahrungen der orthodoxen Kirche und ihre Zugeständnisse an die Schwäche des Menschen eine hilfreiche Orientierung bieten. Besonders wenn man sie vor dem Hintergrund der bereits ausgearbeiteten Lösungsvorschläge vieler katholischer Theologinnen und Theologen betrachtet, die über die Haltung Roms hinausweisen und bislang ein tristes Schubladendasein fristen. Vielleicht gelingt es dann in Zukunft, den Tod und das Scheitern einer Ehe als das zu nehmen, was es ist: eine traurige Realität zwischen zwei fehlbaren Menschen, die sich – aus welchen Gründen auch immer - nicht öffnen konnten für die Gnade des Sakraments. Dies ehrlich wahrzunehmen und einen neuen Anfang zu gewähren, ohne andererseits die Würde des Sakraments zu verletzten, bedeutet zweifellos eine gefährliche und äußerst schwierige Gradwanderung. Aber eine Gradwanderung, die sich um der Menschen und um der Barmherzigkeit Jesu willen lohnt.


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Dieser Beitrag wurde am 18.01.2015 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker ist Hörfunkbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für den Deutschlandfunk. Sie studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige. Kontakt
info@katholische-hörfunkarbeit.de

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