Morgenandacht, 24.01.2015

von Johannes Schießl aus München

Sterben

„Diese Frau wird leicht sterben“, sagte der alte Krankenhaus-Seelsorger leise, nachdem er die Tür des Patienten-Zimmers auf der Palliativ-Station vorsichtig zugezogen hatte – ein ungewöhnlicher Satz, der einem im Gedächtnis bleibt. Weit über 10.000 Menschen hat dieser Priester in seinem langen Leben zum Sterben begleitet und dabei einen ungeheuer reichen Erfahrungsschatz mit letzten Wegen gesammelt.

Eine absolute Seltenheit in unserer auf Jugend und Leistung fixierten Zeit, die den Tod fast komplett ausblendet – bis hinein in die Medizin, die eigentlich mehr von der Begrenztheit des irdischen Lebens wissen müsste. Kaum noch erlebt man die in der Antike so hoch geschätzte „ars moriendi“, die Kunst zu sterben. Lang vorbei sind die Zeiten, in denen der heilige Franz von Assisi in der allerletzten Strophe seines Sonnengesangs ganz selbstverständlich den „Bruder Tod“ anspricht.

Etwa 850.000 Menschen sterben jährlich in Deutschland, doch es scheint so, als ob das Land den natürlichen Umgang mit dem Ende des Lebens verlernt hätte. Die meisten sterben anders, als sie es sich wünschen. Sie fürchten Schmerzen und Einsamkeit. Daher rührt die erschreckend hohe Zustimmung zu aktiver Sterbehilfe, wie sie etwa in Holland und Belgien bereits praktiziert wird.

Nun hat der deutsche Bundestag einen neuen Anlauf unternommen, um die Beihilfe zum Suizid neu zu regeln. Der Hintergrund ist folgender: Während der Paragraph 216 des Strafgesetzbuchs zwar Tötung auf Verlangen unter Strafe stellt, kann Beihilfe zum Suizid juristisch nicht belangt werden, da Selbsttötungsversuche in Deutschland straffrei bleiben. Allerdings können die Helfer anschließend wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt werden. Etwas anderes wiederum ist die sogenannte passive Sterbehilfe, etwa durch das Abschalten von Beatmungsgeräten. Sie ist erlaubt, wenn sie dem Willen des Patienten entspricht.

Immer wieder drängen sich ganz eigenartige Gestalten in den Vordergrund der Debatte, etwa der von dem Schweizer Rechtsanwalt Ludwig Minelli gegründete Sterbehilfe-Verein mit dem in diesem Zusammenhang fast makaber klingenden Namen „Dignitas“ – das lateinische Wort für „Würde“. Oder der frühere Hamburger Justiz-Senator Roger Kusch mit seinem Verein „SterbeHilfe Deutschland“, der sein Anliegen gar für ein „Gebot der christlichen Nächstenliebe“ hält. Aber vielleicht gelingt es ja nun der großen Koalition, jegliche organisierte Beihilfe zum Suizid zu verbieten. Alles andere sei eine „gefährliche Melodie“, meint etwa der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering, der selbst seine schwer krebskranke erste Frau auf ihrem letzten Weg begleitet hat.

Es ist schon klar: Kein Mensch will unter quälenden und langwierigen Schmerzen sterben. Aber es ist auch so, dass die moderne Medizin nicht nur Apparate zur – oft genug segensreichen – Lebenserhaltung anbietet, sondern auch durch die Palliativ-Medizin ungeahnte Möglichkeiten zur Linderung von Schmerzen. Inzwischen gehört Palliativ-Medizin zum Ausbildungsplan junger Mediziner und erreicht schön langsam auch noch das letzte Kreiskrankenhaus.

Dazu kommt die in England entstandene Hospiz-Bewegung, die neben professioneller medizinischer Versorgung vor allem die Begleitung Sterbender und die Zuwendung zu ihnen groß schreibt. Palliativ-Medizin und Hospiz-Idee sind die einzig wahren Antworten auf die Ängste der Menschen am Ende ihres irdischen Lebens, das nach christlicher Überzeugung letztlich in Gottes Hand liegt.

Christen sind der Überzeugung, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Deswegen ist seine Würde nicht anzutasten. Zu keiner Zeit des Lebens, weder am Anfang, noch am Ende. Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann hat es einmal so formuliert: Auch Todkranke seien „keine Auslaufmodelle oder Altlasten“, die man ins Abseits der Gesellschaft stellen dürfe. Christen sollten es eigentlich leichter haben mit dem Tod. Im Idealfall wäre es sogar so, dass die Welt von der christlichen Kultur des Abschieds lernen könnte, selbst wenn sie deren österliche Zuversicht nicht teilt.


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Dieser Beitrag wurde am 24.01.2015 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

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