Wort zum Tage, 11.07.2018

Guido Erbrich aus Magdeburg

Zahnarzt und Nächstenliebe

Zahnarzt Besuch ist etwas Schreckliches; zwar wichtig aber nicht vergnügungssteuerpflichtig. Ganz anders ist das jetzt bei meiner fünfjährigen Tochter. Die Zahnschmerzen kommen pünktlich zum Wochenende. Also geht’s Sonntagabend zum Zahnnotdienst.

Im Wartezimmer stehen Kinderbücher neben den üblichen Zeitschriften; außerdem gibt es eine richtig gute Spielecke. Doch ehe wir zum Spielen kommen, werden wir schon aufgerufen. Der Zahnarzt steht draußen und sagt: „Hallo Kleine, sollen wir deinen Papa mitnehmen?“ Klar sollen wir.

„O. k. du musst mir helfen, aber erst mal setzt sich dein Papa auf den Zahnarztstuhl und nimmt dich auf den Schoß. Und jetzt zeige ich dir mal die Geräte, mit denen wir deinem Zahnteufel ans Leder wollen“. Er nimmt den Bohrer und den Sauger, als ob es das normalste von der Welt ist und sagt: „Zähl mal bis drei, dann startet das Ding auch“.

Die Kleine zählt „eins, zwei, drei“. So lange läuft der Bohrer und saugt der Sauger. „Gut gemacht“, lobt der Zahnarzt, „merke dir die Zahlen, du musst mir damit gleich weiterhelfen. Und jetzt wird es mal ein wenig krabbeln und pieksen, denn wir müssen den gehörnten Spitzbuben aus seiner Wohnung bekommen“.

Die Betäubungsspritze piekst tatsächlich aber das ist egal, denn die Kleine ist neugierig wie ein Flitzebogen auf das, was in ihrem Mund passiert. „So jetzt nimm deine Hände hoch und zeige mit Daumen Zeigefinger und Mittelfinger eins, zwei, drei. Denn laut kannst du nicht zählen, weil du deinen Mund schön aufsperren sollst. Papa zählt laut für dich mit und du zeigst mir die Zahlen mit deinen Fingern“.

Artig befolgen wir die Anweisungen. Und in den dreimal 3 Sekunden in denen wir bis drei zählen - mit kleinen Fingern und großem Mund - genau da bohrt der Zahnarzt. Alle Aufmerksamkeit der Kleinen ist aufs Zählen gerichtet. „O. k., das war’s schon, jetzt müssen wir neu tapezieren und die Bude zu machen. Da gibt’s ein wenig Zement und Tapeten“. Und er setzt die Füllung an und verschließt den Zahn. Zufrieden lächelt der Zahnarzt:

„Gut dass Du mitgemacht hast den fiesen Teufel aus seiner Wohnung zu jagen, allein hätte ich das nicht geschafft“. Die Kleine strahlt den Zahnarzt an. Der öffnet eine Schublade, zum Schluss gibt’s zur Belohnung für das tapfere Kind eine kleine Überraschung. „Beim Nachhause fahren sagt mein Töchterchen freudig „Das hat Spaß gemacht, gehen wir wieder mal zum Zahnarzt?“

Mitgefühl, schnelle Hilfe, sich in andere hineinversetzten, Ängste nehmen, den Anderen einbeziehen und anschaulich erklären was Sache ist. Besser geht’s nicht. Dieses Rezept ist nicht apothekenpflichtig und hilft Patienten aller Kassen. Wenn Sie demnächst jemand fragen sollte, wie Nächstenliebe funktioniert, schicken sie ihn zu einem guten Zahnarzt!


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Dieser Beitrag wurde am 11.07.2018 gesendet.


Über den Autor Guido Erbrich

Guido Erbrich, geboren 1964, ist Vater von vier Töchtern. Er lernte den Beruf des Tontechnikers bei Radio DDR und arbeitete bis 1987 beim Sender Leipzig. Danach schloss er ein kirchliches Abitur in Magdeburg ab. Sein Studium der Theologie führte ihn nach Erfurt, Prag und New Orleans. Im Bistum Dresden-Meißen war Erbrich bis 2002 Referent in der Jugendseelsorge. Danach wechselte er als Studienleiter und Referent ins Bischof-Benno-Haus nach Schmochtitz. Bis 2010 leitete Erbrich die Katholische Erwachsenenbildung Sachsen. Seit 2010 ist er Leiter der Heimvolkshochschule Roncalli-Haus Magdeburg.

Kontakt
Guido.Erbrich@roncallihaus.de