Morgenandacht, 04.08.2018

von Sr. Aurelia Spendel OP aus Augsburg

Berufung

Berufung ist ein großes Wort. Berufung bedeutet: „… zu sein und zu tun, wozu kein anderer Mensch auf dieser Erde berufen ist.“ So verstand John Henry Kardinal Newman diese zentrale Kategorie menschlicher Sinndeutung. Er selber ging einen kurvenreichen Weg, bevor er der wurde, der er war: Theologe des Gewissens, Kirchenvater der Moderne und kunstsinniger Intellektueller des 19. Jahrhunderts. John Henry Newman gehört zu jenen Männern und Frauen, die bei der Suche nach dem Sinn ihres Lebens nicht stehen geblieben sind, bis sie wussten, wer sie sein und wozu sie ihre Lebenskraft nutzen sollten.

Nach Schätzung der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung leben zurzeit mehr als 7,6 Milliarden Menschen auf der Welt. Angesichts dieser Zahl erscheint die Berufungs-Definition Kardinals Newmans utopisch. Kann es so viele Arten des Seins und der Aufgaben geben, wie je Menschen auf dieser Erde leben, lebten und leben werden?

Biografien von Persönlichkeiten, deren Leben herausragend von ihrer Berufung geprägt war, zeigen, dass sie eine Form menschlicher Existenz gelebt haben, in der Sein und Tun zusammenfielen: Augustinus von Hippo, Florence Nightingale, Clara Schumann, Dietrich Bonhoeffer. Selbst wenn die genetischen Daten von Menschen völlig gleich sind und sie einen einzigen Lebensraum teilen, sie also ähnlicher nicht sein und aufwachsen können, bleiben ihre Berufungswege offen. So zeigt die Bibel in der Erzählung von den Zwillingsbrüdern Esau und Jakob, wie Berufung ein vorgezeichnetes Schicksal auf den Kopf stellen kann: Esau ist als Erstgeborener der Erbe seines Vaters. Sein Bruder, obwohl nur wenige Minuten später geboren als er, wird in der Geschlechterfolge keine Rolle spielen. Doch durch eine List ihrer Mutter Rebekka, die den charmanten Jakob mehr liebt als den sperrigen Erstgeborenen, erschleicht sich Jakob den väterlichen Segen und damit die Berufung, das Erbe der Stammeltern Israels weiterzutragen. Esau bleibt der unglückliche Zweite.

Daran zeigt sich: Berufung geschieht unabhängig von familiärer Rangordnung, von Vorleistungen und auch – wie in diesem Beispiel - unabhängig von moralischen Standards. Berufung durchbricht und durchkreuzt menschliche Pläne und gesellschaftliche wie religiöse Strukturen. Das gilt nicht nur für die Großen, die Lichtgestalten der Menschheitsgeschichte, sondern für jeden Menschen.

Die Quelle dieser Andersheit aller Berufungen in Sein und Tun ist nicht im Menschen verortet. Sie entspringt paradoxerweise der unteilbaren Einheit Gottes, in der jede Andersheit und alle Gegensätze vereint sind. Aus Gott wird der Mensch als sein einmaliges Gegenüber geboren. Von ihm her haben wir die einzigartige Färbung unseres Lebens geschenkt bekommen. Sie ist durch nichts zu tilgen, nicht durch Irrtum, Versagen oder Schuld noch durch Verweigerung oder Gleichgültigkeit dieser Berufung gegenüber.

Indem jeder und jede mit einer einzigartigen Berufung geboren wird, so glauben die Christen und Christinnen, nennt Gott jeden und jede mit einem einzigartigen Namen. Wir sind aufgerufen und ermächtigt, die Welt besser zu machen, dem Bösen zu wehren und niemandem zu erlauben, Gottes Schöpfung zu missachten oder zu zerstören. In solch humaner Pluralität sind wir mit allen Menschen verbunden: mit denen, die Großartiges aus ihrer Berufung heraus leisten; mit denen, denen ihre Berufung nichts bedeutet, mit denen, die sich mit der Suche nach ihrer Berufung schwer tun und mit denen, die ihre Berufung im Alltag immer wieder dankbar wahrnehmen und leben.


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Dieser Beitrag wurde am 04.08.2018 gesendet.


Über die Autorin Sr. Aurelia Spendel OP

Sr. Aurelia Spendel OP, Dr. theol., wurde 1951 geboren. Sie ist Dominikanerin und lebt in Augsburg.

Kontakt: 
aurelia.spendel@t-online.de