Morgenandacht, 21.07.2018

von Prälat Prof. Dr. Gerhard Stanke aus Fulda

Visionen motivieren zum Handeln

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer“, sagt Antoine de Saint-Exupéry, der Autor des kleinen Prinzen. Wer also ein Schiff bauen will, braucht eine Motivation, die über das Praktische hinausgeht. Er braucht ein Ziel, das fesselt, das fasziniert. Darin liegt die Kraft zum Durchhalten.

Für jene Politiker, die vor Jahrzehnten den Einigungsprozess in Europa angestoßen haben, gab es auch ein solches Ziel. Es ging um die Vision von einem Europa, in dem die einzelnen Länder sich nicht als Konkurrenten oder gar als Feinde sehen, sondern als Partner, um die gemeinsame Zukunft zu gestalten. Eine Zukunft der Versöhnung, des Friedens, der Achtung vor den Menschenrechten und des gegenseitigen Respekts, der Zusammenarbeit, des Wohlstands und der Freiheit. Das waren die Bausteine für ein neues Europa. Mit ihnen konnten Gräben zugeschüttet und Wege zueinander gebaut werden.

Papst Franziskus verwendet in seiner Enzyklika „Laudato si“ ebenfalls das Bild vom „gemeinsamen Haus“. Und er meint damit seine Zukunftsvision von einem Haus, das die Menschen aller Völker und Rassen bewohnen. Er schreibt:

„Die dringende Herausforderung, unser gemeinsames Haus zu schützen, schließt die Sorge ein, die gesamte Menschheitsfamilie in der Suche nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Entwicklung zu vereinen. ….Die Menschheit besitzt noch die Fähigkeit zusammen zu arbeiten, um unser gemeinsames Haus aufzubauen. Ich möchte allen, die in den verschiedensten Bereichen menschlichen Handelns daran arbeiten, den Schutz des Hauses, das wir miteinander teilen, zu gewährleisten, meine Anerkennung, meine Ermutigung und meinen Dank aussprechen. Besonderen Dank verdienen die, welche mit Nachdruck darum ringen, die dramatischen Folgen der Umweltzerstörung im Leben der Ärmsten der Welt zu lösen.“ (Nr. 13)

Jesus hat auch von einer Vision gesprochen, nämlich vom Reich Gottes. Der Evangelist Markus schreibt, dass Jesus sein öffentliches Wirken mit folgendem Ruf begonnen hat: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15)

Das Reich Gottes bricht an. Was heißt das? Es heißt: In dem, was Jesus sagt und tut, ist Gott am Werk. Jetzt greift Gott ein. Programmatisch wird das deutlich in der Antwort, die Jesus Johannes dem Täufer ausrichten lässt. Dieser fragt vom Gefängnis aus, ob Jesus wirklich der Messias ist. Er ist verunsichert, weil Jesus nicht so machtvoll auftritt, wie er das hofft. Daraufhin sagt Jesus den Abgesandten von Johannes: „Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet.“ (Mt 11,4 f) Das Reich Gottes zeigt sich also darin, dass Menschen Heilung und Heil, Freiheit und Gerechtigkeit erfahren. Das will Gott. Dafür tritt Jesus ein. Und er lädt ein mitzuhelfen, dass das, was Gott mit der Welt und den Menschen vorhat, wahr wird, nämlich eine Menschheit, in der sich die Sehnsucht jedes Menschen nach Leben, Frieden, Freiheit und Liebe erfüllt.

Diese Sehnsucht wird in unserer Welt leider immer wieder enttäuscht: durch Egoismus, Gewalt und Unrecht und zuletzt auch durch den Tod. Deshalb reicht die Vision Jesu über den Tod hinaus. Das Neue, das in Jesus auf- und anbricht, wird bei Gott durch den Tod hindurch zur Wirklichkeit. Die Sehnsucht der Menschen nach einem Leben, das frei ist von Angst und Schmerz, Entfremdung und Tod, geht in Erfüllung.

Jeder Sonntag erinnert uns an diese Verheißung Jesu. Sie kann uns dazu bewegen, Versöhnung zu stiften, Leben zu retten, Wunden zu heilen und einander gut zu sein. Dann leben wir nicht nach dem Motto: “Ich zuerst“ oder “Wir zuerst“, sondern

“Wir miteinander und füreinander.“


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Dieser Beitrag wurde am 21.07.2018 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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