Morgenandacht, 20.07.2018

von Prälat Prof. Dr. Gerhard Stanke aus Fulda

Umgang mit der Macht

„Wenn Du den Charakter eines Menschen kennen lernen willst, so gib ihm Macht.“

Dieses Wort stammt von Abraham Lincoln, dem ersten Präsidenten der Vereinigen Staaten von Amerika. Mir gegenüber hat ein Freund diese Aussage in folgendem Zusammenhang zitiert: „Ich war überrascht, dass ein Mensch, den ich gut zu kennen meinte, sich schließlich zum Negativen veränderte, weil er in einer neuen leitenden Position war. Er hatte jetzt mehr Macht als vorher. Er war vorher sehr entgegenkommend und freundlich, dann zeigte er auf einmal andere Züge. Er war bestimmend, entzog sich Gesprächen und wurde plötzlich verletzend.“

Ich glaube, in dem Satz von Lincoln liegt viel Wahrheit. Ich erinnere mich auch an Menschen, die sich plötzlich anders verhielten, nachdem sie eine wichtige Position erreicht hatten. Waren sie vorher sehr hilfsbereit, fast schon unterwürfig, zeigten sie sich dann von einer völlig anderen Seite: Sie schafften Distanz, ließen andere ihre Macht spüren. Vielleicht haben Sie auch schon solche Erfahrungen gemacht?

Das Wort des amerikanischen Präsidenten hat mich dazu angeregt, einmal darüber nachzudenken, was Menschen erfahren, wenn ihnen das Gegenteil passiert, wenn ihnen die Macht genommen wird.

Die vorherrschende Erfahrung ist: Er oder sie wird für die Umgebung uninteressant. Solange der Betreffende etwas zu sagen hatte, suchte man seine Nähe und seine Sympathie. Jetzt, da er keinen Einfluss mehr hat, schwindet sein Ansehen. Vielleicht kleben manche Menschen deshalb an ihren Posten, weil sie fürchten, in die Bedeutungslosigkeit zu versinken, wenn sie nichts mehr zu sagen haben. Es zeigt sich dann allerdings auch, wer von jenen, die vorher die Nähe suchten, das nur getan haben, weil sie sich selbst einen persönlichen Vorteil erhofften. So kann man auch sagen: Was du einem Menschen wirklich bedeutest, zeigt sich erst dann, wenn du keine Macht mehr hast.

In der Botschaft Jesu finden sich häufig Worte, die vor der Herrschsucht und der Habsucht warnen. Und in der Tat sind diese beiden unseligen Kräfte oft die Ursache von Krieg und Streit. Herrschsucht zeigt sich in dem Wunsch, über andere Macht zu haben, andere zu unterwerfen und abhängig zu machen. Manche halten vielleicht auch an der Macht fest, weil sie früher selbst einmal unter ihresgleichen zu leiden hatten und nicht wollen, dass sich diese negativen Erlebnisse wiederholen.

Auch die Habsucht ist oft eine Wurzel von Gewalt und Krieg: die Gier nach immer mehr Besitz – bis hin zur Ausbeutung von Menschen, Tieren und ganzen Ländern. 

Die Warnung Jesu vor Herrschsucht und Habsucht lenkt den Blick auf ihn selbst. Wie ging er mit der Macht um, die er hatte? Am Ende des Matthäusevangeliums sagt er sogar: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden.“ (Mt 28,18) Und er setzt sie ganz bewusst ein. Wozu? Um Menschen zu heilen und um sie vom Bösen zu befreien. Um Schuld zu vergeben und einen neuen Anfang zu schenken. So rief er eine Bewegung ins Leben, die den Mächtigen in Religion und Staat gefährlich wurde. Als es ihnen nicht gelang, ihn mundtot zu machen, beschlossen sie, ihn zu töten und führten diesen Beschluss bis zum bitteren Ende durch.

Gerade hier zeigt Jesus, dass er seine Macht nicht einsetzt, um sich selbst zu retten, sondern bereit ist, in den Tod zu gehen. Er blieb seiner Botschaft treu und betete am Kreuz für jene, die ihn kreuzigten. Er rief nicht nach Rache oder Strafe, sondern bat um Vergebung für alle. Er setzte seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil ein, sondern für andere, getreu seinem Wort: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ (Mk 10,45)

Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie sehr sich das Zusammenleben unter den Menschen zum Positiven ändern würde, wenn Jesu Lebensmotto maßgebend würde: Statt Herrschsucht und Habsucht - Dienen und Teilen.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 20.07.2018 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche