Morgenandacht, 19.07.2018

von Prälat Prof. Dr. Gerhard Stanke aus Fulda

“Lieben heißt nicht vergleichen“

In einer Pause während einer Sitzung kam ich mit einem Teilnehmer auf dem Gang ins Gespräch. Ich weiß nicht mehr, um welches Thema es ging. Aber er hat dabei ein Wort von Bischof Augustinus zitiert, das mir haften geblieben ist. Nämlich: „Lieben heißt nicht vergleichen.“ Dieser Satz regte mich zum Nachdenken an. Lieben heißt nicht vergleichen.

Aber vergleichen wir Menschen nicht andauernd? Wir vergleichen die Preise beim Einkaufen, wir vergleichen die angebotenen Waren. Wir vergleichen die Urlaubsorte oder die Städte, die wir besuchen. Schüler vergleichen die Lehrer. Wir vergleichen Menschen, die ein öffentliches Amt innehaben, und beurteilen sie im Vergleich zu anderen. Es steckt tief in uns drin, dass wir Vergleiche ziehen und entsprechend urteilen.

Manchmal werden wir auch zu Vergleichen geradezu herausgefordert. An einem Gesprächsabend wurde der römische Kardinal Walter Kasper gefragt, welchen von den Päpsten, die er erlebt habe, er am meisten schätze. Er hat dann die Päpste jeweils in ihrer Besonderheit charakterisiert, sich aber auch durch die Nachfrage des Interviewers nicht dazu verleiten lassen, einen von ihnen an die erste Stelle zu setzen.

Wir vergleichen auch uns selbst mit anderen. Es kann sein, dass wir in unseren Augen dann ganz gut dastehen oder uns vielleicht minderwertig vorkommen im Vergleich zu dem, was andere geleistet oder aus ihrem Leben gemacht haben.

Oft ist es auch motivierend zu vergleichen. So können wir uns einen Mitmenschen zum Vorbild nehmen. Junge Fußballspieler zum Beispiel, die den Ehrgeiz haben, sich immer weiter zu verbessern, orientieren sich wahrscheinlich an einem weltbekannten Fußballstar. Das spornt an. In diesem Sinn haben Vergleiche auch eine positive Wirkung. Sie können Kräfte freisetzen.

Manchmal denke ich mir auch: Das oder jenes möchte ich auch so gut können wie andere. Wenn ich mich dann aber frage, ob ich so ganz in ihrer Haut stecken möchte, dann entdecke ich so manches, um das ich sie nicht beneide und ich bin froh, in meiner eigenen Haut zu stecken. So geht es uns Menschen. Das Vergleichen steckt in uns.

Was aber meint nun das Wort von Augustinus: „Lieben heißt nicht vergleichen?“ Worin liegt die Gefahr des Vergleichens? Das Problem liegt vielleicht darin, dass beim Vergleichen ein Anderer zum Maßstab wird, an dem der betreffende Mensch gemessen wird. Das heißt: Beim Vergleichen kann leicht die Einzigartigkeit des Menschen übersehen werden. Der Maßstab für jeden Menschen sind aber die eigenen Begabungen und Kräfte, die in ihm stecken - und nicht die Fähigkeiten anderer.

Es hat schon einen guten Grund, dass wir alle einzigartig sind. Wir alle können am Fingerabdruck erkannt werden. Wir alle sind im Tiefsten mit niemandem vergleichbar. Die Natur bringt lauter Originale hervor. Die Technik schafft dagegen oft identische Produkte. Das erwartet man auch von ihr. Was sie liefert, muss der Norm entsprechen.

In der Schöpfung ist jedes Exemplar ein Original. Jemand sagte einmal bedauernd: „Jeder Mensch wird als Original geboren und stirbt als Kopie.“

Aber soweit muss es ja nicht kommen. Denn Gott meint uns alle einzeln und liebt uns alle einzeln. Zum Propheten Jesaja sagte er: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst mir“. (Jes 43,1) Wir alle haben einen eigenen Namen bei Gott. Darauf nimmt auch die Offenbarung des Johannes, das letzte Buch des Neuen Testaments, Bezug. Es heißt dort: „Wer siegt, dem werde ich einen weißen Stein geben. Auf dem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn empfängt.“ (Offb 2,17)

Liebe schließt das Vergleichen aus. Ich glaube, dass Gott uns, wenn wir vor ihm stehen, nicht mit anderen vergleicht. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber schreibt in der Erzählung der Chassidim: „Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja: ‘In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Warum bist du nicht Mose gewesen? Man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?‘“ (Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim, S. 394)

Gottes Liebe vergleicht nicht.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 19.07.2018 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche