Morgenandacht, 18.07.2018

von Prälat Prof. Dr. Gerhard Stanke aus Fulda

Wer verschafft den Opfern der Geschichte Gerechtigkeit?

Norbert Blüm, von 1982 bis1998 Arbeitsminister im Kabinett von Helmut Kohl, erzählte in einem Interview:

„Ich hatte einmal eine sehr heftige Diskussion über politische Gefangene mit dem chilenischen Diktator General Pinochet. Plötzlich zeigte der auf ein Kreuz in seinem Zimmer und sagte: ‚Hier bete ich jeden Tag.‘ Und ich sagte: ‚Herr Präsident, das wird Ihnen nicht helfen, denn der, vor dem Sie beten, kennt jeden, den Sie umbringen ließen, mit Namen. Und er wird Sie fragen: ‚Was hast du mit dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern gemacht?‘  Der Glaube, dass wir Kinder Gottes sind und über unser Leben Rechenschaft ablegen müssen vor einer Instanz, die keine Rücksicht nimmt auf Reichtum oder Macht, ist vielleicht eine der größten Stützen für die Idee von der Würde des Menschen.“  (Publik Forum Nr. 9, 2018, S. 28).

Soweit Norbert Blüm.

Gott als Anwalt der Würde des Menschen und der Gerechtigkeit unter den Menschen.

Vor kurzem las ich in einer großen deutschen Tageszeitung einen Artikel mit der Überschrift: „Wo der Staat seine Bürger gut versorgt, sinkt die Attraktivität der Religion.“ Die Autoren stützen sich auf eine Umfrage in 155 Staaten, in denen die religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung ganz unterschiedlich ist. Das Fazit der Autoren: Je mehr eine Gesellschaft die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen befriedigt, desto entbehrlicher wird der Glaube an Gott. Wenn der Wunsch nach Sicherheit erfüllt ist, schwindet die Suche nach einer überweltlichen schützenden Instanz.

Hat also Karl Marx recht, wenn er sagt: „Religion ist das Opium des Volkes?“ Mit Religion betäubt sich das Volk, statt die gesellschaftlichen Verhältnisse auf Gerechtigkeit hin zu verändern? Wenn es den Menschen wirtschaftlich besser geht, wird die Religion, nach der Lehre von Karl Marx, von allein sterben. Allerdings haben die politischen Systeme, die sich auf ihn beriefen, darauf nicht gewartet, sondern zumeist bekämpften sie die Religion mit allen Mitteln. Das ist auch heute noch – zumindest in mehreren kommunistischen Ländern – der Fall.

Aber was ist mit den Opfern der Geschichte? Kann eine noch so gerechte Gesellschaft in der Zukunft das Unrecht, das den Opfern widerfahren ist, aufwiegen? Wohl kaum!

Max Horkheimer, der Begründer der Frankfurter Schule, spricht in einem Interview von einer Hoffnung, nämlich:

„Dass es bei diesem Unrecht, durch das die Welt gekennzeichnet ist, nicht bleibe, dass das Unrecht nicht das letzte Wort sein möge.“

Und weiter:

„Ich möchte lieber sagen: Ausdruck einer Sehnsucht, einer Sehnsucht danach, dass der Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphieren möge.“ (Max Horkheimer, Die Sehnsucht nach dem ganz  Anderen)

Eine wirkliche Gerechtigkeit, so Horkheimer, gibt es nur, wenn die Opfer der Geschichte Gerechtigkeit erfahren. Aber innerweltlich ist das oft nicht möglich. Eine Rehabilitation nach ihrem Tod nützt ihnen nichts. Und eine noch so paradiesische Gesellschaft der Zukunft – wenn es sie denn gibt – kann ihr Leid nicht aufwiegen und ihnen keine Gerechtigkeit verschaffen. Gerechtigkeit für die Opfer gibt es nur, wenn es Gott gibt.

Gott – so meine Hoffnung - ist der Anwalt der Opfer in der langen Geschichte der Menschheit. Die Mächtigen werden erfahren, dass sie nicht das letzte Wort haben. Sie werden zur Rechenschaft gezogen. Das ist für mich eine positive Seite in der Rede vom Gericht, die die Menschen normalerweise eher ängstigt. Im Gericht wird auch das Verborgene aufgedeckt. Und dann mag es vielleicht auch Versöhnung zwischen Opfer und Täter geben. Das hoffe und wünsche ich.  Aber die Wahrheit muss auf den Tisch.

Gott wird Gerechtigkeit schaffen. Das ist für mich im Blick auf die Opfer der Geschichte ein tröstlicher Gedanke.


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Dieser Beitrag wurde am 18.07.2018 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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