Morgenandacht, 17.07.2018

von Prälat Prof. Dr. Gerhard Stanke aus Fulda

Ansehen durch Angeschaut-Werden

„Es gibt dich, weil Augen dich wollen, dich ansehen und sagen, dass es dich gibt“, schreibt die Dichterin Hilde Domin.

Ein Mensch, der angeschaut wird und zwar mit wohlwollenden Augen, erfährt, dass er gewollt ist. Natürlich wird bei einem, der sich so angesehen fühlt, das Selbstbewusstsein geweckt. Er spürt, dass er auch im übertragenen Sinn Ansehen hat …

Ich fand diesen Vers von Hilde Domin in dem Buch von Stephan Marks mit dem Titel „Die Würde des Menschen ist verletzlich.“ Er berichtet von einem Experiment, das er als fragwürdig bezeichnet, und das als Film bei YouTube verfügbar ist.

Stephan Marks schreibt:

„Der Film beginnt mit einem liebevollen Kontakt zwischen Mutter und einem einjährigen Säugling. Beide beziehen sich aufeinander und lächeln sich an. Nach einiger Zeit sagt der Versuchsleiter zur Mutter, sie solle sich kurz umdrehen und mit einem starren Gesicht zurückkommen. Das Kind reagiert fast sofort, es stutzt und wirft sich zurück, wie um sich zu sammeln. Kurz darauf versucht der Säugling auf verschiedene Weisen, das Lächeln der Mutter zurückzubekommen: Er lächelt, klatscht in die Hände, zeigt auf etwas, streckt die Arme aus. Als keine dieser Bemühungen eine Veränderung der mütterlichen Mimik bewirken, kommen - schon nach zwei Minuten – verschiedene Schmerzreaktionen: Das Kind erstarrt, verkrampft die Hände, beißt sich in die Faust, schreit und dreht sich schließlich weg. So stürzt das Baby schon in zwei Minuten in einen Abgrund von Panik und Verzweiflung.“

Soweit die Beschreibung des Experiments, das der Autor für „ethisch fragwürdig“ hält. Aber die Mutter hat das Kind dann wieder wie vorher angelächelt, und seine kleine Welt war wieder in Ordnung.

Wohlwollend angeschaut werden ist aber nicht nur für den Anfang des Lebens wichtig, sondern für das ganze Leben.

Ich erlebe es immer wieder, wie wichtig es ist, Menschen anzuschauen, sie zu grüßen, ihnen zuzulächeln oder auch stehenzubleiben und ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Wenn ich sie mit Namen ansprechen kann, merke ich, dass ihnen das gut tut. Leider gelingt mir das nicht oft genug.

Wenn ich durch die Stadt gehe, sehe ich bisweilen Männer oder Frauen auf dem Gehsteig sitzen und um Geld betteln. Früher habe ich ihnen im Vorbeigehen eine Münze in den Plastikbecher oder die Mütze geworfen. Bis mir bewusst wurde, dass das eigentlich demütigend ist. Ich werfe ihnen im Vorbeigehen etwas zu. Das ist lieblos. Jetzt bleibe ich stehen, schaue sie an, sage einen Satz und gebe ihnen dann eine Münze. Ich denke, das Angeschaut- und Angesprochen-Werden ist für sie so wichtig wie der Geldbetrag.

Mir fällt dazu eine Erzählung aus dem Lukasevangelium ein. Jesus ist auf dem Weg nach Jericho. Beim Einzug in die Stadt wird er von vielen umringt, die ihn sehen wollen. Unter ihnen ist auch der Oberzöllner Zachäus. Zachäus wird verachtet, weil er im Dienst der römischen Besatzungsmacht steht und den Leuten mehr Geld abnimmt als ihm zusteht, um es dann in die eigene Tasche zu stecken.

Auch Zachäus will Jesus sehen. Deshalb klettert er auf einen Baum. Denn er ist ziemlich klein. Und dann geschieht das Überraschende. Obwohl viele Menschen Jesus umdrängen und seine Aufmerksamkeit gewinnen wollen, sieht Jesus Zachäus oben auf dem Baum und spricht ihn an. Dabei macht er ihm keine Vorhaltungen, sondern äußert eine Bitte: Zachäus, ich möchte heute bei dir zu Gast sein, sagt er. Jesus traut ihm das Gute zu. Und das verändert Zachäus. Er klettert vom Baum herunter, nimmt Jesus auf und bereitet ein Festmahl für ihn vor. Und er sagt: „Herr, die Hälfe meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“  (Lk 19,8)

Jesus hat einen Blick für die einzelnen Menschen, besonders für jene, die kein großes Ansehen haben. Im Psalm 31 bittet der Beter: „Lass dein Angesicht über deinem Knecht leuchten“. (Ps 31,17)

So ist unser Gott: Ein leuchtendes Angesicht – mit Augen, die uns wohlwollend anschauen.


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Dieser Beitrag wurde am 17.07.2018 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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