Am Sonntagmorgen, 29.07.2018

von Christine Hober aus Bonn

Hat die christliche Ethik die Tiere vergessen?

Autorin
Wie wir mit Tieren umgehen und sie behandeln, ist in den letzten Jahrzehnten immer wieder Thema öffentlicher Diskussionen. Mit Tieren und mit den Pflichten, die Menschen gegenüber Tieren haben, beschäftigt sich seit Mitte der 70er Jahre auch die philosophische und theologische Ethik an den Universitäten. Kurt Remele, Autor des vor zwei Jahren erschienenen Buches „Die Würde des Tieres ist unantastbar“ ist einer von mehreren Autoren, die in letzter Zeit Monographien zum Thema veröffentlicht haben, so auch Michael Rosenberger, Clemens Wustmans und Martin M. Lintner. Kurt Remele arbeitet als katholischer Theologieprofessor am Institut für Ethik und Gesellschaftslehre der Universität Graz. Seit über drei Jahrzehnten forscht er intensiv zu Fragen der Tierethik und der christlich-anthropozentrischen Weltsicht.

Das anthropozentrische Weltbild, das den Menschen als Maß aller Dinge setzt, macht Kurt Remele für das nur zögerlich einsetzende Umdenken über die Würde und Stellung des Tieres verantwortlich. Über Jahrtausende habe sich ein falsches Verständnis des biblischen Schöpfungsauftrags „Macht Euch die Erde untertan, herrscht über die Tiere“ in das Bewusstsein von Kirche und Christen eingebrannt. Und das, obwohl der biblische Schöpfungsbericht im Buch Genesis auch davon spricht, dass Gott die Tiere segnet (Gen 1,22) und dass Menschen und Tiere einen gemeinsamen Lebensatem haben (Gen 1,29). Damit nicht genug: Nach der Sintflut schließt Gott nicht nur mit Noah und seinen Nachkommen einen Bund, sondern auch mit den Tieren:

Sprecher
„Und Gott sprach zu Noah: Dies (gemeint ist der Regenbogen) ist das Zeichen des Bundes, den ich zwischen mir und allen Wesen aus Fleisch auf der Erde aufgerichtet habe.“ (Gen 9,17).

Autorin
Noch deutlicher formuliert das Buch Kohelet die Ähnlichkeit zwischen Mensch und Tier:

Sprecher
Was die einzelnen Menschen angeht, dachte ich mir, dass Gott sie herausgegriffen hat und dass sie selbst erkennen müssen, dass sie eigentlich Tiere sind. Denn jeder Mensch unterliegt dem Geschick und auch die Tiere unterliegen dem Geschick. Sie haben ein und dasselbe Geschick. Wie diese sterben, so sterben jene. Beide haben ein und denselben Atem. Einen Vorteil des Menschen gegenüber dem Tier gibt es da nicht. Denn beide sind Windhauch. Beide gehen an ein und denselben Ort. Beide sind aus Staub entstanden, beide kehren zum Staub zurück. Wer weiß, ob der Atem der einzelnen Menschen wirklich nach oben steigt, während der Atem der Tiere ins Erdreich hinabsinkt?“ (Koh 3,18-21)

Autorin
Leider sind diese und andere biblische Texte zur Bedeutung der Tiere innerhalb der Schöpfung in den Hintergrund geraten – zu sehr hat sich die Vorstellung, der Mensch als Vernunftwesen sei die Krone der Schöpfung und alle Tiere stünden unter seiner Herrschaft, verfestigt. Insofern verwundert es kaum, dass sich das von Remele beklagte anthropozentrische Weltbild auch im Katechismus der Katholischen Kirche wiederfindet. Diese anthropozentrische Position schreibt nur dem Menschen einen Eigenwert zu. Das heißt, alle anderen Lebewesen können letztlich nur dann wertvoll sein, wenn sie für den Menschen gut sind. Wörtlich heißt es:

Sprecher
Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bild geschaffen hat. [,,,] Somit darf man sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen. Man darf sie zähmen, um sie dem Menschen bei der Arbeit und in der Freizeit dienstbar zu machen. Medizinische und wissenschaftliche Tierversuche sind sittlich zulässig, wenn sie in vernünftigen Grenzen bleiben und dazu beitragen, menschliches Leben zu heilen und zu retten.“ (§ 2417)

Autorin
Kurt Remele kritisiert die unklare Formulierung dieses Paragrafen 2417, da nahezu jede Tierquälerei durch ihn gerechtfertigt werden könne. Aber nicht nur das, sondern auch der Inhalt sei problematisch, weil der Katechismus an dieser Stelle dem widerspricht, was Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato sí aus dem Jahr 2015 über die Tiere sagt.

Die zweite Enzyklika von Papst Franziskus befasst sich mit aktuellen Fragen der Schöpfungstheologie, der Umwelt, der Ökologie und des Klimawandels. Intensiv hat der Papst sich dabei von herausragenden Wissenschaftlern beraten lassen. Dabei knüpft er bewusst an den Sonnengesang des Franz von Assisi aus dem Jahr 1225 an, der die Würde des Menschen genauso preist wie die Würde des Tieres, ja die Würde der gesamten Natur. Die Umweltenzyklika nimmt das Verhältnis des Menschen zu seinen Mitgeschöpfen in den Blick und spart dabei nicht mit Kritik an unserem Verhalten den Tieren gegenüber. Kurt Remele und mit ihm Rainer Hagencord, Gründer und Leiter des weltweit ersten Instituts für Theologische Zoologie in Münster, sehen in der Enzyklika Laudato sí einen Paradigmenwechsel in Bezug auf das Verhältnis von Mensch und Tier. Zwar stellen die heutige Bibelexegese und auch kirchenamtliche Erklärungen der evangelischen wie der katholischen Kirche fest: Der biblische Herrschaftsauftrag rechtfertigt nicht die Ausbeutung und Unterdrückung der Tiere, sondern ist als „verantwortungsvolles Leiten, liebende Sorge und fürsorgendes Behüten“ zu verstehen. Diese wohlmeinenden Formulierungen können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier noch immer der menschliche Blickwinkel maßgebend ist. Ganz zu schweigen von der verheerenden Wirkungsgeschichte dieser Bibelstelle.

Wer aber, wie Remele, über die Würde des Tieres und deren Verletzung spricht, erzeugt Bilder von Tiertransporten, Schlachthöfen und dahinsiechenden Hühnern, von Tötungsstationen für Hunde oder Pferdekutschen im überbordenden Straßenverkehr der Weltmetropolen. Der Begriff der Würde des Tieres wird bei Remele weniger philosophisch – etwa im Sinne von Kants Selbstzweckformel –, sondern vielmehr als „Ausdruck eines intensiven Protestes gegen all diese und andere Grausamkeiten verstanden sowie als Appell an christliche Gemeinschaften und alle Menschen guten Willens, etwas Konkretes dagegen zu tun.“ (R., 28) Das hat auch Franziskus erkannt, denn tatsächlich hat noch kein Papst so klar den Eigenwert – und damit die Würde - jedes einzelnen Geschöpfes und darüber hinaus die Verbundenheit aller Geschöpfe miteinander betont wie er.

Sprecher
Jedes Geschöpf, besonders die Lebewesen, [hat] einen intrinsischen Wert, in seiner Existenz, seinem Leben, seiner Schönheit und seiner Interdependenz mit anderen Geschöpfen.“

Autorin
Besonders hervorzuheben ist, wie Franziskus Menschen- und Tierliebe miteinander verknüpft.

Sprecher
Das Herz ist nur eines, und die gleiche Erbärmlichkeit, die dazu führt, ein Tier zu misshandeln, zeigt sich unverzüglich auch in der Beziehung zu anderen Menschen. Jegliche Grausamkeit gegenüber irgendeinem Geschöpf widerspricht der Würde des Menschen‘.“ (Laudato Sí, Nr. 92)

Autorin
Im Klartext: Die Verletzung der Tierwürde beschädigt die Menschenwürde und richtet sich damit letztlich gegen den Menschen selbst. Ein Indiz für eine zutiefst unheile Situation.

Dass die Verletzung der Tierwürde mit der anthropozentrischen Denkweise zusammenhängt, bringt Franziskus unmissverständlich zum Ausdruck.

Sprecher
„Der letzte Zweck der anderen Geschöpfe sind nicht wir." (Laudato Sí, Nr. 83)

Autorin
Das heißt: Die Tiere und auch die Erde sind nicht nur für uns da. Denn, so Franziskus weiter:

Sprecher
„Wir sind nicht Gott. Die Erde war vor uns da und ist uns gegeben worden … die Harmonie zwischen dem Schöpfer, der Menschheit und der Schöpfung wurde zerstört durch unsere Anmaßung, den Platz Gottes einzunehmen. Wir sind begrenzte Geschöpfe.“ (Laudato Sí, Nr. 92)

Autorin
Papst Franziskus‘ Aufruf zum Umdenken, insbesondere im Hinblick auf die Würde des Tieres, sieht Kurt Remele als Baustein für eine neue christliche Tierethik. Eine ähnliche Auffassung vertritt auch Rainer Hagencord, der die Umweltenzyklika Laudato Sí als Mahnung sieht, die Schöpfungstheologie in die Mitte der kirchlichen Verkündigung zu stellen. Hagencord verlangt ein Umdenken, insbesondere, wenn es um Ernährung und den Umgang mit Tieren geht:

Sprecher
„Wer Tiere tötet, berührt immer das Geheimnis des Lebens und somit die Dimension des Göttlichen, weil das Blut Sitz des Lebens ist und somit das Göttliche repräsentiert. Wenn wir also Tiere töten, ist das mehr als das Herstellen von Lebensmitteln.“ (Katholisch.de, 22.1.16)

Autorin
Das mag unbequem sein für alle, die gerne Fleisch essen, und dies aus einer erlernten Selbstverständlichkeit heraus. Möglicherweise hilft es, sich ins Bewusstsein zu rufen, dass Tiere Geschöpfe sind, durch die Gott sich uns mitteilt.Tiere haben insofern spirituelle Bedeutung, als Gott sich in allem zeigt, was lebt. Hagencord:

Sprecher
„Durch jedes Geschöpf, das wir ausrotten, nehmen wir Gott eine Möglichkeit sich auszudrücken.“ (Katholisch.de, 22.1.16)

Autorin
Demzufolge dürfen Tiere – als unsere Mitgeschöpfe – nicht zu Objekten der Ethik herabgewürdigt werden, so wie es über Jahrhunderte in Philosophie und Theologie üblich war.

Von der Antike bis zur Aufklärung herrschte die Meinung vor, dass Tiere vernunft- und seelenlose Lebewesen seien, die nur zum Wohl der Menschen existieren würden und zum Gebrauch durch ihn bestimmt seien. Gleichwohl gab es in der Geschichte des Christentums immer auch eine tierfreundliche Minderheit. Zu nennen wären hier - neben vielen bekannten und unbekannten Heiligen - besonders Franziskus von Assisi (1181-1226) im 13. und Philipp Neri (1515-1595) im 16. Jahrhundert. Philipp Neri verzichtete auf Fleisch, nicht aus asketischen Gründen, sondern aus Respekt vor den Tieren. Der zweifellos bekannteste tierliebende Heilige bleibt Franz von Assisi, der nicht nur den Vögeln predigte, sondern sich als Teil der Schöpfung verstand und nicht als ein den Tieren übergeordnetes Wesen. Er war zwar kein Vegetarier, trat aber vehement der Ansicht entgegen, dass Tiere wertlos seien, wenn sie dem Menschen keinen Nutzen bringen.

Es waren jedoch nicht nur Heilige oder Theologen, die sich für das Wohl der Tiere einsetzten. Es gab immer auch Christen an der Basis, die sich zum Beispiel im 19. Jahrhundert in der „Bewegung des gegen Tierversuche auftretenden Antivivisektionismus und des Tiere als Nahrung verweigernden Vegetarismus“ (Remele 133) engagierten. Etwa zur gleichen Zeit entwickelte der englische Kardinal John Henry Newman eine Art „Tiertheologie“: das Leiden, das unschuldigen Tieren zugefügt werde, sei moralisch genauso zu bewerten wie die Schmerzen und Leiden, die Jesus Christus vor seinem Tod zugefügt wurden. So seine Überzeugung.

In der Leidensfähigkeit der Tiere ein maßgebliches Kriterium für den Umgang mit ihnen zu sehen, entspricht innerhalb der Tierethik der pathozentrischen Position. Dass die Empfindungsfähigkeit der Tiere einer der Hauptgründe ist, warum Menschen Tiere mit Respekt behandeln sollen, vertritt auch der anglikanische Geistliche Humphrey Primatt schon im Jahr 1776:

Sprecher
Ein Tier ist nicht weniger schmerzempfindlich als ein Mensch. Es hat ähnliche Nerven und Sinnesorgane. Auch wenn es sich nicht verbal oder in einer Menschenstimme beschweren kann, so zeigen uns die Schreie und das Stöhnen, die es von sich gibt, wenn ihm körperliche Gewalt angetan wird, dennoch ganz klar, dass es schmerzempfindlich ist.“ (Remele 31)

Autorin
Nur wenige Jahre später äußert sich der englische Philosoph Jeremy Bentham in ähnlicher Weise. Für ihn ist die entscheidende Frage, die das Verhalten des Menschen gegenüber Tieren bestimmen soll, weder „Können sie [die Tiere] logisch denken?“ noch „Können sie sprechen?“, sondern einzig „Können sie leiden?“

Die biozentrische Position wiederum erkennt in jedem Leben einen eigenen Wert. Albert Schweitzer ist ihr berühmtester Vertreter. Seine Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ hat herausragende Bedeutung auch für heutige Tier- und Naturschutzorganisationen. Sein Grundsatz lautet: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“. Also ist es gut, Leben zu erhalten, böse dagegen, Leben zu vernichten.

Zunehmend engagieren sich auch zeitgenössische Theologinnen und Theologen als Anwälte der Tiere. Seit Jahrzehnten beklagt der bekannte – aus der Kirche ausgetretene – katholische Theologe Eugen Drewermann den christlichen Anthropozentrismus. Der vor zwei Jahren verstorbene Schweizer Kapuziner Anton Rotzetter, der gemeinsam mit dem Priester und Biologen Rainer Hagencord 2008 das Institut für Theologische Zoologie gründete, sieht in der Tatsache, dass Tiere den Menschen als Nahrung dienen, eine „historische Bedingung, die es zu überwinden gilt wie andere rein geschichtliche Bedingungen auch: etwa die Unterordnung der Frau.“ (Remele, 128)

Hier mag manch einer protestieren. Wenn wir aber davon ausgehen, dass sämtliche Geschöpfe des Universums von ein und demselben Vater erschaffen worden und durch unsichtbare Bande verbunden sind, kann eine konsequente christliche Tierethik – so jedenfalls die Überzeugung von Kurt Remele - nur zu folgendem Schluss kommen:

Es ist dem Menschen nur erlaubt, sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern zu bedienen, wenn „eine unentrinnbare Notwendigkeit dafür vorliegt.“ In den Ländern, „in denen es ausreichend Alternativen zu einer fleischlichen Ernährung gibt“, so Remele, „ist eine gesundheitswissenschaftlich informierte vegetarische, wenn nicht gar vegane Ernährungsweise im allgemeinen als ethisch vorzugswürdig“ zu betrachten. In den Ländern, „in denen es ausreichend Alternativen zu einer fleischlichen Ernährung gibt“, so Remele, „ist eine gesundheitswissenschaftlich informierte vegetarische, wenn nicht gar vegane Ernährungsweise im allgemeinen als ethisch vorzugswürdig“ zu betrachten.(R. 141) Dass sich Remeles Forderung als moralische Norm für unser Essverhalten durchsetzen wird, mag an der Realität vorbeigehen und auch für manche Christen utopisch klingen.

Dennoch sollte der auf dem diesjährigen Katholikentag geprägte Slogan „Frieden beginnt auf dem Teller“ uns zu denken geben. „Frieden beginnt auf dem Teller“ heißt in letzter Konsequenz: Erst wenn wir keine Tiere mehr töten, um sie zu essen und damit ihre Würde als Mitgeschöpfe achten, werden wir zugleich mehr Achtsamkeit und Respekt vor unseren Mitmenschen und vor der Schöpfung überhaupt haben.

Natürlich handelt es sich hier um eine Vision, um einen idealen Zustand, der hier auf Erden vermutlich niemals erreicht wird. Ähnliches gilt ja auch für die Forderungen der Bergpredigt. Dennoch kann diese Vision ein stückweit dazu beitragen, das von Jesus verheißene Reich Gottes sichtbar zu machen.


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Dieser Beitrag wurde am 29.07.2018 gesendet.


Über die Autorin Christine Hober

Christine Hober, Dr. theol., arbeitet als Lektorin und Autorin. Sie lebt in Bonn, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Kontakt
c.hober@arcor.de