Morgenandacht, 22.01.2015

von Johannes Schießl aus München

Barmherzigkeit

Welches Buch hat Papst Franziskus während des Konklave gelesen? Wie er später öffentlich bekannt hat, war es ein Werk des deutschen Kurienkardinals Walter Kasper mit dem Titel „Barmherzigkeit“ – ein etwas altmodisch anmutender Begriff, der durch das Wirken des neuen Papstes nun gründlich entstaubt wird.

Was aber meint Barmherzigkeit eigentlich? Auf jeden Fall mehr als Mitleid, wie Kardinal Kasper im Interview mit einer großen deutschen Wochenzeitung betont, da müsse noch ein aktives Element dazukommen. Die bedingungslose Zuwendung, gerade zu den Armen und Gebrochenen betrifft nicht bloß den Geldbeutel beziehungsweise den Klingelbeutel. Barmherzigkeit – so Kasper weiter – „schaut dem anderen ins Auge“. Eine solche Haltung ist nicht gestrig, sie bleibt selbst im modernen Sozialstaat notwendig, auch wenn er noch so gut funktioniert.

Barmherzigkeit ist ein Kernanliegen der ganzen biblischen Botschaft, auch wenn es im Hebräischen und Griechischen mehrere Wörter für das Gemeinte gibt. So heißt es etwa schon bei der Erneuerung des Bundes am Sinai im alttestamentlichen Buch Exodus (34,6) völlig unmissverständlich: „Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Güte und Treue.“ Auch im Neuen Testament kommt der Barmherzigkeit Gottes eine zentrale Rolle zu. So ist zum Beispiel in den beiden großen Lobgesängen des „Benedictus“ und des „Magnificat“ vom „Erbarmen Gottes“ die Rede.

Auch wenn Barmherzigkeit zunächst als Eigenschaft Gottes gilt, als Antwort auf das Entgegenkommen Gottes ist dann auch vom Menschen Barmherzigkeit gefordert: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist“, so lautet die wohl prägnanteste Formulierung dazu im Lukas-Evangelium (6,36). Ausgefaltet wird diese Forderung etwa in den grandiosen Beispielgeschichten vom verlorenen Sohn – oder wie es besser heißen müsste – vom barmherzigen Vater und der vom barmherzigen Samariter – wahrlich keine randständigen Texte. Aber mehr noch: Barmherzigkeit zu üben verspricht himmlischen Lohn, wenn Jesus in den Seligpreisungen vorhersagt: „Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden.“

Der biblische Befund ist also ziemlich eindeutig, wäre da nicht die Spannung zu einem anderen grundlegenden Begriff, zu dem der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit, die jedem „das Geschuldete“ zukommen lassen will, wie der benediktinische Denker Elmar Salmann schreibt. In unnachahmlicher Knappheit fasst die Spannung zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit schon der mittelalterliche Kirchenlehrer Thomas von Aquin auf Lateinisch zusammen: „Iustitia sine misericordia crudelitas – Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit.“ Andererseits gelte aber auch: „Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit bedeutet Auflösung – Misericordia sine iustitia dissolutio.“

Das hört sich freilich ein wenig so an, als stünden beide Begriffe – Barmherzigkeit und Gerechtigkeit – auf einer Ebene. Doch das kann nicht das letzte Wort sein. Sicher, es geht nicht ohne Gerechtigkeit, aber am Ende steht das Erbarmen doch über dem Recht. Oder wie es Kardinal Kaspar in dem vorhin schon erwähnten Interview formuliert hat: „Barmherzigkeit geht über Gerechtigkeit hinaus, indem sie auf die Person schaut und ihr immer wieder eine Chance gibt.“

Doch wie geht das nun, Barmherzigkeit üben? Auch hier hat die Tradition Rezepte entwickelt, die man immer wieder neu verheutigen muss, nämlich die so genannten leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit. Je sieben sind es, und da ist für jeden etwas dabei. Zum Schluss seien sie hier einfach aufgezählt:

Zunächst die leiblichen Werke der Barmherzigkeit: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde aufnehmen, Nackte bekleiden, Kranke besuchen, Gefangene befreien und Tote bestatten. Etwas später dazugekommen sind die so genannten geistigen Werke der Barmherzigkeit, als da sind: Unwissende lehren, Zweifelnde beraten, Trauernde trösten, Irrende auf den rechten Weg bringen, Unrecht ertragen, Beleidigungen verzeihen sowie schließlich: für die Lebenden und Toten beten. Auch wenn nicht jeder alles tun kann: Das wenn kein Lebensprogramm ist!


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Dieser Beitrag wurde am 22.01.2015 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

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