Morgenandacht, 07.07.2018

von Pastoralreferent Thomas Macherauch aus Bruchsal

„Maßstab Mensch“

Ich besitze einen Zollstock, der sich von den üblichen Werbeexemplaren deutlich unterscheidet: den „Maßstab Mensch“. Dieser Zollstock ist auf beiden Seiten bedruckt: mit den üblichen 200 Zentimetern, sodass man ganz klassisch damit messen kann; seine eigene Körpergröße zum Beispiel. Er ist aber auch bedruckt mit Zitaten, Namen und Schlagworten aus der Geschichte der Medizin und Philosophie und aus der Bibel. Für mich macht genau das diesen „Maßstab Mensch“ so interessant und reizvoll.

Schon das Wort „Mensch“ hat eine besondere Tradition. Es ist vom Deutschen über das Jiddische ins Englische gewandert. In allen drei Sprachen heißt es bis heute gleich, nämlich „Mensch“. Gemeint ist damit nicht irgendeine beliebige Person. Wer im Jiddischen von „wirklicher“ und „echter Mensch“ oder im Englischen von „a real Mensch“ spricht, meint so viel wie „eine Seele von Mensch“. Ein „wirklicher Mensch“ ist besonders aufrichtig und rechtschaffen, vertrauenswürdig, tapfer und achtsam. „A real Mensch“ hat Charakter. Er ist einer, den man sich als Partner und Freund wünscht, gerade wenn man in Not ist.

Viele Menschen haben gute Eigenschaften. Aber ein „wirklicher Mensch“ vereint gleich mehrere von denen in sich. Der Begriff wird daher eher selten verwendet. Ein „echter Mensch“ ist authentisch und tut das Richtige, weil er Maß nimmt am anderen, weil er ihn respektiert in seiner Würde und Größe und in dem, was ihn einmalig macht. Er sorgt sich um ihn, ob der nun arm oder reich ist, gesund oder krank, ob er hübsch oder hässlich ist, mächtig oder hilflos. Ihm geht es nicht um Äußeres, sondern um den Wesenskern des anderen. Er ist sich bewusst, dass alles, was er tut, Folgen hat. Das macht ihn bedächtig und umsichtig. Er ist daher achtsam – zuhause, draußen und bei der Arbeit. Und wenn er etwas falsch macht, dann gibt er das zu. Er braucht nämlich keine Fassade aufrechtzuerhalten, weil er von Grund auf ehrlich und aufrichtig ist.

Wer sich selber mit diesem „Maßstab Mensch“ misst, bei dem könnte Frust aufkommen. Dieses Ideal von einem Menschen, das allein schon in dem Begriff „Maßstab Mensch“ anklingt, legt die Messlatte nämlich ganz schön hoch. Und dann sind da auch noch Beispiele aufgedruckt von Gandhi und seinem gewaltlosen Widerstand, von Franz von Assisi, Luther und Galilei. Von Menschen also, die die Welt geprägt und Geschichte geschrieben haben, weil sie etwas Besonderes geleistet, etwas entdeckt, sich irgendwie hervorgetan und Maßstäbe gesetzt haben. Und das kann einen ganz schön einschüchtern.

Gut nur, dass auf dem Zollstock auch Bibelzitate stehen. Ich finde, die bewirken nämlich grad das Gegenteil: Sie machen Mut. Da heißt es zum Beispiel: „Du, Gott, umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich“ (Ps 139). Und weiter, dass Gott jeden Menschen kennt, noch bevor er geboren ist. Dass er jeden Einzelnen segnet und bei ihm ist. Das heißt doch, dass ich als Mensch zunächst mal sein darf, wie ich bin. Denn ich bin von Gott gewollt und geliebt, auserwählt und gesegnet. Das bedeutet: Ich habe eine Würde allein dadurch, dass ich bin. Ich muss nicht gleich so großartig sein wie die großen Leuchten der Menschheit. Ich darf wachsen, größer werden und reifen; an den Umständen, die mir das Leben beschert, und an den Personen, die mir begegnen.

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat das mal auf seine Art ausgedrückt. Er hat gesagt: „Ich werde am Du“. Auch der Satz steht auf dem Zollstock. Ich wachse an meinem Gegenüber, dadurch, dass ich mich ständig mit ihm und mit der Welt, die mich umgibt, auseinandersetze. Ich darf also werden, mich entwickeln, wachsen. Und wenn ich damit beginne, den anderen so zu respektieren wie er ist, wenn ich auf ihn Rücksicht nehme, weil er vielleicht mit meinem Tempo nicht mithalten kann oder weil er meine Hilfe braucht, dann ist ein Anfang gemacht. Ob ich mich dann mit ihm solidarisiere, ihm helfe und am Ende vielleicht sogar ein kleiner Franz von Assisi werde oder ein kleiner Gandhi, das kann sich ja dann immer noch zeigen.


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Dieser Beitrag wurde am 07.07.2018 gesendet.


Über den Autor Thomas Macherauch

Als gebürtiger Karlsruher, geboren 1977, ist Thomas Macherauch nach seinem Studium der Katholischen Theologie in Freiburg Pastoralreferent in der Erzdiözese Freiburg geworden. Nach seiner journalistischen Medienausbildung am ifp München betreute er die Öffentlichkeitsarbeit seines Dekanats und war Pastoralreferent in der katholischen Seelsorgeeinheit Mühlhausen. Seit Februar 2015 ist Thomas Macherauch Dekanatsreferent im Katholischen Dekanat Bruchsal. Kontakt:         referent@kath-dekanat-bruchsal.de
Information:  www.kath-dekanat-bruchsal.de

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