Morgenandacht, 21.01.2015

von Johannes Schießl aus München

Vernetzung

Früher galt einmal der Satz: Wer nicht weiter weiß, der gründet einen Arbeitskreis. Wenn allerdings dem Manager von heute die Argumente ausgehen, dann fordert er einfach mehr „Vernetzung“. Das gilt für die Wirtschaft, das gilt für die Politik, das gilt für die Kultur, und es gilt auch für die Kirchen. Auf eine geheimnisvolle Weise scheint das Wort „Vernetzung“ zu einer Art von Allheilmittel geworden zu sein.

Obwohl deutsche Hauptwörter, die mit einer Vorsilbe beginnen und auf Endsilben wie etwa „-ung“, „-heit“ oder „-keit“ enden, sprachlich eher als schwach gelten, so hat unser neues Zauberwort „Vernetzung“ doch eine recht erstaunliche Karriere hingelegt. Der aus der so genannten Systemtheorie stammende Begriff hat es sogar schon bis ins altehrwürdige und vielbändige „Lexikon für Theologie und Kirche“ – kurz „LThK“ – geschafft.

Dort heißt es, „Vernetzung“ habe eine ökologische, eine soziale und eine technische Dimension. – Eine solche Gliederung verspricht in der Tat einige Aufklärung. Doch dann lesen wir weiter, Zitat: „Ökologisch wird darunter die Interdependenz lebender Systeme im universalen Netzwerk des Lebens verstanden.“ Noch einmal: „die Interdependenz lebender Systeme im universalen Netzwerk des Lebens“. Aha. – Das könnte man aber auch knapper sagen, in etwa so: das Leben halt.

Von der zweiten Dimension des Begriffs, der sozialen, da meinten wir doch bisher eine anfanghafte Vorstellung zu haben: Eine gut vernetzte Person verfügt über ein Geflecht von Beziehungen zu anderen, sie kennt „Gott und die Welt“ und wird von „Gott und der Welt“ gekannt.

Wie es sich für ein gutes Lexikon gehört, darf auch hier die historische Komponente nicht fehlen: Aufgekommen sei der Begriff der „Vernetzung“ zuerst in der Bürgerrechts- und Umweltbewegung, so klärt uns das „LThK“ auf. Und er werde in christlichen Gruppen auch in Abgrenzung von hierarchischen Organisations-Formen verwendet. Soso, als ob im katholischen Rom irgendetwas wichtiger sein könnte als gute Netzwerke. Nun ja, die Gedanken schweifen ab… Nicht wirklich belehrt, schließen wir das Lexikon.

Bleibt schließlich noch die technische Dimension. Wohl ausgehend von den mehr oder weniger ausgeprägten Vernetzungen im Gehirn eines Menschen, hat die Informations-Technologie Computer-Netzwerke geschaffen, die unseren Arbeitsalltag bestimmen – und nicht nur den der Schreibtisch-Täter. Als Ausbund dieser Computer-Netzwerke darf sicher das Internet gelten, das mit all seinen Verästelungen inzwischen schier überallhin reicht. Keine Sorge, es folgt nun keine Kulturkritik des Internet. Nur so viel: Vom weltweiten Netz rührt wohl auch die inflationäre Verwendung des Wortes „Vernetzung“ her.

Und wenn man nicht von gestern sein will, die „Vernetzung“ scheint völlig immun gegen jede Form von Kritik: Kein Mensch kann was dagegen haben, wenn ein anderer mehr davon verlangt. Klar doch, wir müssen uns besser vernetzen. Wie sollten wir sonst in der Welt von heute weiterkommen?

Und das alles, obwohl das in der „Vernetzung“ steckende Ursprungswort Netz keineswegs nur positiv verwendet wird. Schon in der Bibel nicht. So heißt es bereits im Psalm 140: „Hochmütige legen mir heimlich Schlingen, Böse spannen ein Netz aus und stellen mir Fallen am Wegesrand.“

Im „Buch der Bücher“ werden mit Netzen etwa Fische und auch mal Vögel gefangen, gelegentlich bezeichnet das Wort zudem das Gewebe über der Leber. Also alles ganz konkret. Und das gemein-germanische Wort Netz meint laut deutschem Duden ein „durch Flechten oder Verknoten von Fäden oder Seilen entstandenes Maschenwerk.“

Wer schon einmal Fischer am Hafen beobachtet hat, der weiß, wie mühsam das sein kann, ein Netz zu knüpfen, zu entwirren oder zu flicken. Unserem abstrakten Denken und Reden schadet es gar nichts, wenn es immer wieder an seine Wurzeln erinnert wird. Für Freunde der „Vernetzung“ sei ganz zum Schluss noch einmal der Psalmist bemüht, Zitat: „Die Frevler sollen sich in ihren eigenen Netzen verfangen, während ich heil entkomme.“


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Dieser Beitrag wurde am 21.01.2015 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

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