Wort zum Tage, 15.06.2018

Beate Hirt aus Frankfurt

Fastenbrechen

An Ostern esse ich manchmal viel zu viel Schokolade. Ich genieße sie einfach ganz besonders, wenn ich sie eine Weile weggelassen habe. Und das tue ich immer wieder in der Fastenzeit. 40 Tage Fasten vor Ostern: Das ist christliche Tradition. An Ostern wird dann das Fasten gebrochen. Heute beginnt dieses Fastenbrechen für die Muslime. Der Fastenmonat Ramadan ist zu Ende. Und beim „Fest des Fastenbrechens“ oder „Zuckerfest“ wird es vermutlich auch ziemlich viel Süßes und Leckeres geben, auf das man in den letzten Wochen verzichtet hat.

Ich habe vor einiger Zeit im Hessischen Rundfunk einen Film gesehen über das Fasten von Muslimen in Hessen. Und ich war beeindruckt davon, wie streng viele Muslime in meiner Region den Ramadan begehen. Da war zum Beispiel ein junger Mann, der in einer Bar arbeitet, er braucht den Job und das Geld. Aber er selbst trinkt gar keinen Alkohol und nimmt im Ramadan sogar bis Einbruch der Dunkelheit nicht einmal einen Schluck Wasser zu sich – und das bei richtig sommerlichen Temperaturen. In dem Film wurden auch die vielen Muslime gezeigt, die am Frankfurter Flughafen schuften und fasten: Sie kümmern sich ums Gepäck oder die Kontrollen, sie sorgen dafür, dass andere etwas zu essen bekommen auf ihren Reisen im Flugzeug – und sie selbst treffen sich erst nach Einbruch der Dunkelheit, um etwas zu sich zu nehmen.

Das ist ein Fasten, geb ich zu, das mir fremd ist. Aber es beeindruckt mich auch. Wenn ich in meiner Fastenzeit die Schokolade und das Süße weglasse, dann kämpfe ich höchstens gegen die Lust auf Süßes. Aber richtig Hunger oder Durst bekomme ich dabei natürlich nicht. Gläubigen Muslimen geht das im Ramadan anders. Sie bekommen damit auch eine Ahnung davon, wie es ist, ständig Hunger und Durst zu haben. So, wie das Millionen Menschen auf dieser Erde erleben müssen. Alle drei Sekunden stirbt ein Mensch an Hunger. Mitgefühl, Empathie mit den Armen und Hungernden dieser Welt zu entwickeln: Das ist auch ein wichtiger religiöser Sinn des Fastens, im Islam genauso wie im Christentum. Es geht darum, solidarisch zu sein mit den Hungernden dieser Welt. In der Bibel heißt es beim Propheten Jesaja: Ein Fasten, wie Gott es liebt, das bedeutet: „dem Hungrigen dein Brot zu brechen.“ (Jesaja 58,7)

Für mich ist das auch eine Aufgabe, für die Christen und Muslime sich zusammen tun sollten: Gemeinsam sollen wir den Hungrigen zu essen geben. Und uns engagieren für mehr Gerechtigkeit auf dieser Erde. Ich wünsche mir, dass wir uns dafür im Miteinander der Religionen immer mehr einsetzen. Und den Musliminnen und Muslimen bei uns wünsch ich heute von Herzen: ein frohes „Fest des Fastenbrechens“!


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Dieser Beitrag wurde am 15.06.2018 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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