Morgenandacht, 20.01.2015

von Johannes Schießl aus München

Muße

Weiße Strände, schöne Menschen, leckeres Essen: Die bunten Plakate der Reise-Veranstalter gaukeln einem das verlorene Paradies vor. Jedes Jahr ein bisschen anders, aber immer wird Freiheit und Glück versprochen. Und die Lockvögel ziehen nach wie vor: Rund 70 Millionen Urlaubsreisen unternehmen die Deutschen pro Jahr, die fast 80 Millionen Kurzreisen noch gar nicht mitgerechnet. Als Ziel des Urlaubs haben bei einer Umfrage drei Viertel der Teilnehmer das Kästchen „Stress abbauen“ angekreuzt. Verwunderlich nur, dass ein Fünftel nachher zugibt, der letzte Urlaub sei „sehr anstrengend“ gewesen.

Der Mensch von heute hetzt. Am Ende stirbt er „lebensmüde, nicht lebenssatt“, wie der große Denker Max Weber den Unterschied zu den biblischen Patriarchen beschrieben hat. Schon der Alltag der Schüler wird durchgetaktet, die Arbeitswelt braucht immer rascher Erfolg. Schneller, höher, weiter: Das Credo des Fortschritts greift zusehends auch auf die Freizeit über, die aus Angst vor Leere mit Terminen zugestopft wird. Der Urlaub ist beherrscht von der Jagd auf Sehenswürdigkeiten oder dem Nervenkitzel extremer Erfahrungen.

Erstaunlich, dass gleichzeitig das schon in die Mottenkiste geworfene Wort von der „Muße“ wieder gesellschaftsfähig wird. Darum sollte es in der Freizeit gehen: in Ruhe den eigenen Bedürfnissen und Interessen nachzugehen. In der Antike war das klarer als heute: Sokrates nennt die Muße den „schönsten Besitz von allen“, Aristoteles tituliert sie als „Schwester der Freiheit“, und der große Redner Cicero formuliert für heute fast schon provokativ: „Nichtstun erquickt.“

Doch schon bald wird die Muße in die Nähe des Müßiggangs gerückt, der bekanntlich aller Laster Anfang sein soll. Arbeit wurde der Muße immer mehr vorgezogen. Immerhin blieben noch die vielen Feiertage, die dem Leben Rhythmus und Inhalt gaben. Aber die banale Logik des Kapitals – „Genug ist nie genug“ – drängte auch sie immer weiter an den Rand – ein Prozess, der bis heute nicht abgeschlossen ist. Man denke nur an die immer wieder aufflammende Diskussion um die Sonntagsarbeit.

In einer vom kaum zähmbaren Kapitalismus geprägten Welt dient der Urlaub nur noch der Wiederherstellung der Arbeitskraft, für Muße bleibt kaum mehr Platz. Dazu ein Zitat: „Arbeitsrechtlich ist Urlaub eine Dienstbefreiung des Arbeitnehmers zum Zweck der Erholung auf bestimmte Zeit unter Fortgewährung des regelmäßigen Arbeitsentgelts.“ Trockener als dieser Lexikonsatz geht es kaum. Und selbst der Urlaub wird zum puren Konsum, die „Freizeitindustrie“ – welch ein Wort – beutet die verbliebenen Sehnsüchte aus.

Den meisten Menschen mangle es an Erholungsfähigkeit, stellte der Freizeitforscher Henning Allmer einmal fest. Entspannung müsse erst wieder erlernt werden. Dafür gibt es kaum Rezepte. In die richtige Richtung weist der Münchner Zeitforscher Karlheinz Geißler, wenn er den Satz „Wir haben keine Ferien, wir machen sie“ aufs Korn nimmt. Allein schon die Frage „Was machen wir in den Ferien?“ sei verräterisch. Die Aussage „Nächstes Jahr müssen wir endlich richtig Urlaub machen“ aber offenbare das ganze Dilemma. Die Frage muss eher heißen: Was machen die Ferien, der Urlaub mit uns? Solches Denken wird manchen Urlaubsplan auf den Kopf stellen.

Schon vor 150 Jahren hat der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau die fatale Wirkung der Hetze erkannt. 28-jährig zog er sich in eine Holzhütte am Waldensee in Massachusetts zurück, um ein Leben im Einklang mit der Natur auszuprobieren. Auch wenn wir so radikale Schritte nicht tun können oder wollen, so ist doch von Thoreaus Fazit zu lernen. Zitat:

„Nach innen kehr‘ dein Aug‘ und du wirst finden an tausend unerforschte Regionen. Bereise sie und werde wohl bewandert in deiner eig’nen Heimatweltenkunde.“ In sich findet der Mensch aber nicht nur den Spiegel der Schöpfung, in sich findet er zudem den Abdruck der Anderen, auch der längst verstorbenen. Oder um es mit dem Barock-Dichter Angelus Silesius zu sagen: „Halt‘ an, wo laufst du hin, der Himmel ist in dir.“


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Dieser Beitrag wurde am 20.01.2015 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

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