Morgenandacht, 16.07.2018

von Prälat Prof. Dr. Gerhard Stanke aus Fulda

Worte können verletzen und heilen

„Das eigene Wort, wer holt es zurück, das lebendige eben noch ungesprochene Wort?“

So beginnt ein Gedicht von Hilde Domin. Es trägt die Überschrift „Unaufhaltsam“. Die Dichterin wurde 1909 in Köln geboren. Nach ihrem Studium, unter anderem an der Universität in Florenz, ging sie als Lehrerin nach England und war später Universitätsdozentin in Santo Domingo. Seit 1961 lebte sie in Heidelberg und ist dort am 22. Februar 2006 gestorben. Sie erhielt zahlreiche Literaturpreise für ihre Gedichte.

Hilde Domin schreibt weiter:

„Ein Vogel käme dir wieder. Nicht ein Wort, das eben noch ungesagte, in deinen Mund. Du schickst andere Worte hinterdrein, Worte mit bunten, weichen Federn. Das Wort ist schneller, das schwarze Wort. Es kommt immer an, es hört nicht auf, anzukommen. Besser ein Messer als ein Wort. Ein Messer kann stumpf sein. Ein Messer trifft oft am Herzen vorbei. Nicht das Wort.

Am Ende ist das Wort, immer am Ende das Wort.“
(Hilde Domin, Rückkehr der Schiffe. Gedichte)

„Das Schwarze Wort“ – ich denke dabei an die fake news, jene bewussten Lügen, in der Absicht, dadurch den Ruf eines anderen Menschen zu schädigen oder eigenes Versagen zu vertuschen oder bestimmte Ziele zu erreichen. Die Unkultur der falschen Behauptungen hat zugenommen, ebenso die Dreistigkeit, mit der sie vorgetragen werden.

Unterhalb der Stufe der erfundenen falschen Behauptungen gibt es noch viele andere Formen im Umgang mit dem Wort, die Menschen verletzen können. In unserem Grundgesetz heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Aber diese Würde ist sehr wohl verletzlich. Sie kann auch durch Worte verletzt werden, zum Beispiel wenn Menschen verspottet oder verhöhnt werden, weil sie einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe angehören. Oder man macht sich über Menschen lustig, die einen Fehler begangen haben und erzählt ihn genüsslich weiter.

Natürlich gibt es Verhaltensweisen, die aufgedeckt werden und wofür auch Menschen zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Aber es gibt auch menschliche Schwächen, die nicht an die große Glocke gehören.

Worte können wie Messer sein, die verletzen. Hilde Domin sagt: Sie sind sogar noch schlimmer als Messer. Denn diese können stumpf sein oder das Ziel verfehlen. Verletzende Worte aber treffen immer.

Worte können aber auch wie Balsam sein und heilen. Worte der Anerkennung, des Dankes oder auch der Entschuldigung können guttun.

Manchmal warten gerade jene, die immer wieder anecken und von ihren Mitmenschen als schwierig angesehen werden, auf so ein gutes Wort.

Dag Hammarskjöld schreibt in seinem Buch „Zeichen am Weg“ über einen solchen Menschen:

 „Er war unmöglich. Nicht dass er seine Arbeit schlecht tat: im Gegenteil, er verwandte auf die Aufgaben, die man ihm stellte, unendlich viel Mühe. Aber seine Art brachte ihn in Gegensatz zu allen und schadete schließlich seinem Tun.“

„Als es zur Krise kam und alles ans Licht musste, belastete er uns: An ihm gab es nichts, aber absolut nichts auszusetzen. Ebenso stark, wie sein Selbstgefühl danach verlangte, schuldlos zu sein, war es unseren Gefühlen zuwider, Schritt um Schritt die Wider-sprüche in seiner Verteidigung darzulegen, ihn Stück um Stück vor sich selber auszuziehen. Aber Gerechtigkeit gegen andere verlangte das. Als ihm der letzte Lügenfetzen genommen war und wir erkannten, dass es nichts mehr zu sagen gab, da kam es unter krampfhaftem Weinen: Aber warum habt ihr mir niemals geholfen, warum habt ihr mich nicht zurechtgewiesen? - Ich habe erkannt, dass ihr gegen mich wart. Und Furcht und Unsicherheit haben mich weiter und weiter in das getrieben, was ihr jetzt tadelt. Es ist schwer gewesen, alles. Ich erinnere mich eines Tages, an dem ich mich freute: Einer von euch meinte, dass etwas, was ich vorgebracht hatte, wahrhaft gut sei.“

Gute Worte sind Gold wert. So hat mich in einer schwierigen, mit Ängsten verbunden Situation das Wort Jesu ruhig werden lassen: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20).


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Dieser Beitrag wurde am 16.07.2018 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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