Morgenandacht, 23.06.2018

von Martin Wolf aus Kaiserslautern

Verlorenes Paradies

„Zum Paradies mögen Engel dich geleiten“. Mit dem ergreifenden Gesang aus der katholischen Totenliturgie haben wir im März den früheren Bischof von Mainz, Karl Kardinal Lehmann, im Mainzer Dom zu Grabe getragen. Ich durfte diesen Gottesdienst kommentieren und habe dabei wieder gemerkt, wie sehr mich dieser Gesang auch selbst berührt: Zum Paradies mögen Engel dich geleiten. Dabei ist ja Vieles in diesen paar Worten enthalten, das unklar, wenn nicht heute gar fragwürdig erscheint: Die Engel zum Beispiel! Gibt’s die, und wenn ja, wie soll ich sie mir vorstellen? Und natürlich das Paradies! Das ganz besonders. Man kennt es in allen drei monotheistischen Religionen. Für mich ist es einer der schillerndsten Begriffe in der Bibel, wobei das Wort Paradies selber dort nur wenige Male vorkommt. Und doch entfaltet es eine geradezu magische Kraft. Entstehen doch bei fast jedem Menschen Bilder im Kopf, wenn dieses Wort fällt: Paradies. Etwas Schönes, Angenehmes ist es meistens, das wir in unserer Phantasie damit verbinden. Und in der Regel auch etwas ziemlich Irdisches: der einsame weiße Sandstrand am türkisfarbenen Meer, der liebevoll angelegte Garten hinterm Haus. Paradies: oft ein Wunsch- oder Traumort unserer Phantasie. Ein Bild für Glückseligkeit, frei von Sorgen. Ein Zustand, den es in der Wirklichkeit offenbar viel zu selten gibt.

Und Gott sah, dass es gut war! So beginnt die jüdische und christliche Bibel. Da wird erzählt, wie Gott am Anfang alles erschaffen hat. Immer wieder betrachtet er zwischendurch sein Werk. Fast wie ein Tischler, der jeden Fortschritt an dem Möbelstück, an dem er gerade baut, kritisch begutachtet. Und Gott sah, dass es gut war, heißt es dann. So geht es weiter bis zum letzten Schöpfungstag, an dem er schließlich die Menschen erschafft. Noch einmal betrachtet er sich sein Gesamtwerk. „Es war sehr gut“, heißt es nur. Für mich steckt in diesem Mythos eine Menge drin. Bosheit, Verlogenheit, Gewalt, Mord und Krieg. All das ist ja in diesem Moment noch nicht da. Doch es wird bald hinzukommen. Durch den Menschen. Auch das hat der Verfasser des Mythos scharfsinnig gesehen. So bleibt das Paradies also in dieser Erzählung ein gedachter, idealer Zustand. Frei von allem, was uns das Leben vermiest und zur Qual macht. Nicht umsonst haben Menschen danach immer wieder versucht, sich das Paradies hier auf Erden zurückzuholen. Es selber zu erschaffen. Es ist fast immer brutal danebengegangen. Ob es die Widertäufer waren, die in Münster im Mittelalter ein Horrorregime errichtet haben oder das Paradies der Arbeiter und Bauern im vergangen Jahrhundert. Auch das endete ja bekanntlich im Desaster. Es scheitert immer wieder an uns selbst.

Der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl hat davon vor einigen Jahren in drei Kinofilmen erzählt. Alle drei tragen den Titel „Paradies“. Sie erzählen von Menschen auf der Suche nach dem erhofften Glück, das es am Ende aber doch nicht gibt. Traum und Wirklichkeit kommen einfach nicht zusammen. Jedenfalls nicht hier und jetzt.

Darum finde ich es spannend, dass die Vision vom Paradies, von der die Bibel an ihrem Anfang erzählt, ganz am Ende, auf ihren letzten Seiten, wieder auftaucht. Der Traum einer Welt, in der es keine Tränen, keine Trauer, keine Klage und keine Mühsal mehr gibt. Es ist jene Hoffnung, die im März beim Trauerzug durch den Mainzer Dom so ergreifend besungen worden ist. Zum Paradies mögen Engel dich geleiten. Es steht am Anfang und am Ende, das ist die Zuversicht, die sich da ausdrückt.

Die Sehnsucht danach, die können wir in uns wachhalten. Und im besten Fall dann so leben, dass wir dem Paradies im Hier und Jetzt zumindest näher kommen.


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Dieser Beitrag wurde am 23.06.2018 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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