Morgenandacht, 22.06.2018

von Martin Wolf aus Kaiserslautern

Demutstraining

„Gehen sie mal da hin, ihre Wirbelsäule hat es nötig.“ Freundlich lächelnd winkt mein Arzt mit einem Rezept, nicht ohne mit sanftem Druck hinzuzufügen: „Machen sie lieber jetzt was, sonst werden sie später große Probleme bekommen.“ Zum Aufbautraining sollte ich gehen, am besten in ein Rehastudio? Ein Gedanke, den ich mir selber bis vor kurzem niemals hätte vorstellen können. Dennoch bin ich brav dorthin gegangen und habe mich angemeldet. Widerwillig zunächst und mit einem unguten Gefühl. Es war eine gute Entscheidung. Nicht nur für meinen Körper - auch für die Seele.

So ein Rehastudio ist ja schon ein eigenartiger Ort. Denn dort treffe ich geballt auf all jene, die im umtriebigen Alltag mit seinen Wichtigkeiten eher wenig auffallen oder gleich ganz untergehen: Auf Menschen, die - wie man so leichthin sagt - ihr Päckchen zu tragen haben. Nicht selten ein ziemlich schweres. Da war etwa jener junge Mann, der nach einem schweren Unfall und mehreren Operationen das Laufen nun mühsam wieder lernen musste. Da war das freundliche alte Ehepaar, dem ich oft begegnet bin. Nach einem Schlaganfall war der Mann nicht nur halbseitig gelähmt. Er war auch völlig abhängig von der Hilfe seiner Ehefrau geworden. Hier in der Reha lernte er nun, wie er die Kontrolle über seinen Körper zumindest ein wenig zurückgewinnen kann. Sie und viele andere habe ich dort getroffen. Manche auch etwas näher kennen und schätzen gelernt. Eine Versammlung der Gefallenen und Versehrten, der Mühseligen und Beladenen. So kam es mir zunächst vor. Doch schon bald ist mir aufgefallen, dass keiner von ihnen dort gejammert oder sich beklagt hat. Wenn alle irgendwie beeinträchtigt sind, ein mehr oder weniger großes Handicap mit sich tragen, dann muss sich auch keiner seiner Einschränkungen schämen. Und ebenso wenig muss hier einer dem anderen beweisen, was für ein toller Hecht er doch ist. So ein Handicap macht einfach gelassener und demütiger. Auch mich selbst.

Und so habe ich mich durchaus wohlgefühlt unter Menschen, die nicht jammern und sich ständig beklagen. Die vielmehr versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Ich habe in erschöpfte, aber glückliche Gesichter gesehen. Still habe ich mich manchmal mitgefreut, wenn jemandem eine Übung gelungen ist, die Wochen vorher noch unmöglich erschien. Ein paar Schritte nur ohne fremde Hilfe durch den Raum zu gehen. Eine einfache Bewegung der Arme oder Beine, ohne gleich vor Schmerzen das Gesicht zu verziehen. Banalitäten also, über die ich im Alltag sonst gar nicht weiter nachdenke. Bewegungen, wie ich sie jeden Tag dutzende Male wie selbstverständlich mache. Und doch: Hier wurden sie zu winzigen Momenten des Glücks in einer von außen betrachtet eher traurigen Lage.

Mehr als ein Jahr lang bin ich fast jede Woche dort gewesen. Ich habe meinen Rücken gestärkt und natürlich auch meine eigenen, bescheidenen Erfolgserlebnisse mit nach Hause nehmen dürfen. Doch wichtiger noch: Ich habe diese Monate auch als eine Übung in Demut und in Dankbarkeit erlebt. Zu sehen und miterleben zu dürfen, wie in unglücklicher Lage aus mikroskopisch kleinen Fortschritten Momente echten Glücks entstehen, macht demütig. Weil es meinen Blick auf die kleinen und unscheinbaren Ereignisse im Leben lenkt und nicht alles normal und selbstverständlich erscheinen lässt. Und noch etwas: Unter denen, die ich dort getroffen habe, gehörte ich gewiss noch zu den Gesündesten, auch wenn manche deutlich jünger waren als ich. Mir ist dabei sehr bewusst geworden, dass das nur zu einem kleinen Teil mein Verdienst ist. Dass es vielmehr ein Glück, oder - als Theologe gesprochen - eine Gnade, ein Geschenk ist. Anders gesagt: etwas, für das ich jeden Tag demütig und dankbar sein darf.


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Dieser Beitrag wurde am 22.06.2018 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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