Morgenandacht, 21.06.2018

von Martin Wolf aus Kaiserslautern

Hören auf die Stille

Wer je die Gelegenheit hatte, das Stück zu hören, der wird es wohl nie wieder vergessen. 4:33, so heißt es. Ein Stück des amerikanischen Komponisten John Cage, einem Wegbereiter der modernen, zeitgenössischen Musik. Vor 66 Jahren hat er es geschrieben. Wobei, schreiben ist eigentlich das falsche Wort, denn das Stück hat gar keine Noten. Keine Einzige. Es besteht vielmehr aus vier Minuten und 33 Sekunden Stille. Vor ein paar Jahren habe ich dieses Stück live erlebt. Auf den ersten Blick ist es eine skurrile Szene. Da sitzt ein vollbesetztes Sinfonieorchester auf der Bühne des Konzertsaals. Die Musiker halten zwar ihre Instrumente in den Händen, spielen sie aber nicht. Der Dirigent tritt ans Pult, gibt den Einsatz und verharrt dann reglos mit dem Taktstock in der Hand. Mehr als vier Minuten lang.

Als das Stück 1952 in New York uraufgeführt wurde, verursachte es einen handfesten Skandal. Die Besucher hatten Eintritt bezahlt und fühlten sich verschaukelt. Sie wollten Musik hören und hörten - nichts. Doch ganz so einfach ist es eben nicht. Es passiert ja nicht einfach Nichts in der Stille. Weil es die reine Stille so nicht gibt. In unserem Konzertsaal erklang damals vier Minuten lang keine Musik, ja, aber still war es dort natürlich nicht. Da räusperten sich Konzertbesucher oder scharrten mit den Füssen. Irgendwann ertrugen es einzelne nicht mehr. Einer fing an zu pfeifen, andere kicherten, irgendjemand rief dumme Bemerkungen in den Saal. Das seltsame Musikstück von John Cage wird so schnell auch zum Lehrstück über die Unfähigkeit, auch nur wenige Minuten Stille zu ertragen.

Die Idee zu dem berühmten Stück soll John Cage übrigens gekommen sein, als er sich einmal in einem sogenannten schalltoten Raum aufhielt. Einem Raum also, der so abgeschirmt ist, dass kein Geräusch mehr von außen hineindringen kann. Aber auch alle Geräusche im Innern des Raums werden von speziell präparierten Wänden verschluckt und nicht mehr reflektiert. Cage hielt sich dort also auf, um so etwas wie totale Stille zu erfahren und bemerkte bald, dass es sie auch dort nicht gab. Er hörte trotzdem noch etwas, und sei es das Rauschen des eigenen Blutkreislaufs in seinen Adern.

Für mich hat dieses seltsame Stück freilich auch etwas Religiöses. Auf den ersten Blick scheint es der totale Gegensatz zu sein zu den großartigen Oratorien eines Johann Sebastian Bach. Doch während Bach die biblischen Geschichten in wunderbarer, mitreißender Musik erzählt, die Herz und Gemüt erfüllen, verweist das Stück von John Cage auf einen ganz anderen, aber ebenfalls wichtigen Aspekt des Glaubens. Auf die Fähigkeit zum konzentrierten, gesammelten Hören und darauf, wie unendlich schwer uns das manchmal fällt. Denn genau darum geht es ja: um das aufmerksame Hinhören auf das, was gerade jetzt ist. Das kann auch das Vogelgezwitscher sein, wenn ich morgens nach dem Aufwachen nochmal die Augen schließe. Das kann der Mensch sein, der mir heute Mittag am Tisch gegenüber sitzt. Und manchmal, da kann es vielleicht sogar Gott sein.

So jedenfalls erzählt es die Geschichte des jungen Samuel in der Bibel. Samuel leistet im Jerusalemer Tempel Dienst. Eines Nachts hört er in der Stille leise seinen Namen. Er glaubt, dass sein Lehrer ihn gerufen hat. Aber der war es nicht. Dasselbe ereignet sich auch in der zweiten Nacht. Als Samuel in der dritten Nacht dann wieder seinen Namen hört, da dämmert es dem Lehrer: „Wenn er dich wieder ruft“, rät er dem Samuel, dann antworte: „Rede Herr, dein Diener hört.“ Und so kommen sie schließlich in Kontakt, Samuel und Gott.

Wenn zahlreiche Menschen heute ganz bewusst die Stille suchen, im Kloster, auf den Bergen, in der Wüste, dann wollen sie womöglich auch konzentriert hinhören auf das, was gerade ist. Um sich dann überraschen zu lassen von dem, was kommt.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 21.06.2018 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche