Morgenandacht, 20.06.2018

von Martin Wolf aus Kaiserslautern

Hirten gesucht

Sie sind noch immer ein Hingucker, wenn man ihnen irgendwo begegnet. Große Schafherden, die von Weide zu Weide ziehen. Geführt und behütet von einem Hirten mit seinen Hunden. Es ist ein idyllisches Bild und ein ganz und gar archaisches obendrein. Gehört doch der Beruf des Hirten zu den ältesten Berufen überhaupt. Seine Ursprünge dürften hinabreichen bis in die Frühzeit der Menschheit. In jene Epoche, als der Mensch anfing, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Aber das Bild vom Hirten mit seiner Herde ist auch eines, das mich jedes Mal, wenn ich irgendwo einer großen Schafherde begegne, unweigerlich an die Bibel denken lässt. Für die Verfasser der biblischen Schriften gehörte es zum Alltag. Hirten haben sie in der antiken Gesellschaft fast überall gefunden. Zudem ist es ein universales Bild. Die Menschen vor 2000 Jahren haben es vermutlich schon genau so verstanden, wie Menschen heute. Dass da einer ist, der nicht nur sein eigenes Ding und seinen Vorteil im Sinn hat. Der sich vielmehr selber zurücknimmt für seine Herde. Der sich sorgt, auf sie aufpasst und sie beschützt. Der jedes Individuum seiner Herde kennt und darauf achtet, dass es jedem Einzelnen gut geht. In etlichen Texten des ersten, des sogenannten Alten Testaments taucht das Bild vom Hirten auf. Und als Christ klingt mir natürlich auch der Satz aus dem zweiten, dem Neuen Testament im Ohr, in dem Jesus von sich selber sagt: „Ich bin der gute Hirt. Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“ (Joh 10,14) Eine deutlichere Ansage geht kaum. Es ist einerseits ein schöner, ein geradezu herzerwärmender Satz. Er beschreibt eine Sehnsucht, die ich auch selber kenne. Behütet zu sein. Frei von Sorgen und von Angst leben zu dürfen. Weil jemand mich liebt, mich beachtet, sich Sorgen um mich macht. Andererseits ist es aber auch ein Satz, der bei nicht wenigen, die ihn heute hören, gemischte Gefühle auslöst. Ich zum Beispiel möchte mich bei allen herzerwärmenden Gefühlen nur ungern mit einem unmündigen Schaf identifizieren. Ich will nicht gegängelt und ganz sicher nicht von einem Hirtenstab eingefangen werden. Von niemandem. Ich möchte selber über mein Leben entscheiden, mein eigener Herr sein. Nicht selten erlebe ich Menschen, die sehr heftig und ablehnend reagieren, wenn sie auch nur den vagen Eindruck haben: Da will mich einer gängeln, mir irgendwas vorschreiben. Will womöglich sogar, dass ich ihm gehorche. Sehr viele unter uns sind da mittlerweile ziemlich empfindlich. Die eigene Freiheit ist ein hohes Gut. Das schließt auch die Freiheit ein, Unsinn zu machen und sich in Sackgassen zu verrennen. Kurzum: Der Satz vom Hirten und der Schafherde ist heute zumindest zwiespältig. 

Doch auch mit dem Hirtenamt ist es nicht mehr so einfach. Nicht nur in der wirklichen Schafhaltung, wo die Hirten es immer schwerer haben, überhaupt noch Nachwuchs zu finden. Der Job ist ziemlich hart und das Einkommen eher bescheiden. Auch im übertragenen Sinn scheinen gerade schwierige Zeiten für Hirten zu sein. Die Zeit der unhinterfragten Autoritäten ist vorbei. Es reicht einfach nicht mehr aus, wenn Politiker, Wirtschaftsbosse oder Bischöfe in echter oder eingebildeter Machtfülle Entscheidungen fällen und erwarten, dass man ihnen blind folgt. Das Hirtenamt ist anspruchsvoller geworden. Die Herde ist zumeist nicht mehr bereit, kommentarlos hinterher zu trotten. Sie will ernst genommen und überzeugt werden.

Ich glaube allerdings, dass all das in dem biblischen Wort vom guten Hirten schon immer drin war. Ein Hirt, dem die ihm Anvertrauten ein Herzensanliegen sind, wird weder einsame Richtungsentscheidungen treffen noch seinen Willen rücksichtslos durchsetzen. Er muss einen klaren Kompass haben, aber trotzdem versuchen, unterschiedliche Vorstellungen zu versöhnen. Er muss offen und kompromissbereit sein, ohne dabei in einen konturlosen Schlingerkurs zu verfallen. Kein Job also für aufgeblasene Wichtigtuer und rücksichtslose Egomanen. Gute Hirten, wahrscheinlich sind sie mehr gefragt denn je.


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Dieser Beitrag wurde am 20.06.2018 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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