Morgenandacht, 19.06.2018

von Martin Wolf aus Kaiserslautern

Viele kleine Wunder

Mit ein paar Kollegen besuche ich eine Partnergemeinde in Ruanda. Nun stehen wir hier in Ostafrika, inmitten grüner Wiesen vor einem Rohr, aus dem frisches Quellwasser fließt. Es ist ruhig hier, fast idyllisch. In der Nähe weiden Kühe. Etwas oberhalb steht eine Kirche. Und genau dort soll einer jungen Frau vor Jahren die Gottesmutter Maria erschienen sein. Mehrmals. Inzwischen sei dies der wichtigste Wallfahrtsort, den sie im Land haben, sagen uns unsere ruandischen Begleiter. Nur wenige Menschen sind an diesem Wochentag außer uns hier, doch an den Festtagen soll es voll sein. Oben in der Kirche und hier unten an diesem Rohr, aus dem das kühle Wasser fließt. Besonderes Wasser. Wundertätiges Wasser. Schon mehrere Menschen, erzählen sie uns, seien durch dieses Wasser von Krankheiten geheilt worden.

Ich gebe zu: Es sind Geschichten wie diese, die mich immer ein bisschen ratlos zurücklassen. Doch an diesem Ort mitten in Afrika fühle ich mich auch unweigerlich an Lourdes erinnert. Den berühmten französischen Wallfahrtsort am Fuß der Pyrenäen, der jedes Jahr von hunderttausenden Menschen aufgesucht wird. Unter ihnen unzählige Schwerstkranke. Es gibt verblüffende Gemeinsamkeiten. Vor fast genau 160 Jahren hatte eine Müllerstochter nahe dem Örtchen Lourdes eine Erscheinung. Sie habe die Heilige Maria gesehen und mit ihr gesprochen, berichtet sie. Schon bald darauf wird die Grotte von Massabielle, wo sich die Szene abgespielt haben soll, zu einer Wallfahrtsstätte. Auch dort gibt es eine Quelle mit vermeintlich wundertätigem Wasser. Inzwischen hat sich rund um dieses Zentrum eine ganze Wallfahrtsindustrie etabliert hat. Soweit sind sie hier in Ruanda natürlich noch lange nicht. Aber ein bisschen hoffen sie schon darauf, dass fromme Besucher in Zukunft auch hierhin reisen werden, zu ihrer Wallfahrtskirche und an ihre wundertätige Quelle. Was die Menschen in Afrika und in Europa in jedem Fall verbindet, sind nicht nur die verblüffend ähnlichen Geschichten. Es ist auch der tiefe Glaube an einen Gott, der da und ansprechbar ist und der auch heute noch Wunder geschehen lässt.

Besonders wahrscheinlich erscheint das freilich weder hier noch dort. In Lourdes hat es bis heute nur siebzig kirchlich anerkannte Wunderheilungen gegeben. Heilungen schwerer Krankheiten also, die nach medizinischen Kriterien bis heute nicht zu erklären sind. Siebzig unter Abermillionen Kranken, die in den vergangenen 160 Jahren dorthin gepilgert sind. Das ist fast wie ein Hauptgewinn im Lotto. Sicher, man könnte auch sagen: immerhin siebzig. Immerhin siebzig Mal der Einbruch des Unerklärlichen. Siebzig Mal die Gewissheit: Marias Fürsprache hat geholfen. Und doch glaube ich, dass die allermeisten Menschen nicht mit dieser konkreten Erwartung dorthin pilgern. Mit der Hoffnung also auf das ganz große Wunder, auf die Spontanheilung ihrer Gebrechen.

Als ich vor Jahren Lourdes besucht habe, da habe ich natürlich auch vor der Grotte von Massabielle gestanden. Etwas ratlos, wie später in Ruanda, und doch irgendwie tief berührt. Ich habe die schier endlose Karawane der Kranken gesehen, die ruhig dort vorbeigezogen ist. In Rollstühlen, mit Krücken, gestützt von freiwilligen Helfern. Ihre Gesichter sind mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Zufrieden, getröstet und irgendwie bestärkt zogen viele von ihnen weiter, nachdem sie den Felsen berührt hatten. Nicht das große, weltumstürzende Wunder war es, was sich dort ereignete. Vielleicht aber ganz viele kleine. Die Gewissheit: Ich bin nicht alleine mit meiner Last. Da ist noch jemand Größeres, der darum weiß. Der auch jetzt auf mich schaut und diesen Weg mit mir geht. Es ist die Kraft des Gebets, die man dort erspüren kann.

Welche Kraft das Beten haben kann, hat Jesus selber einmal mit einem Bild umschrieben: „Wenn jemand zu diesem Berg sagt: Heb dich empor und stürz dich ins Meer, und wenn er in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dann wird es geschehen“ (Mk 11,23). Das war wohl kaum wörtlich gemeint. Aber es ist ein Bild dafür, wie Beten mich verändern kann. So sehr, dass es im wahrsten Sinne „Berge versetzt“.


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Dieser Beitrag wurde am 19.06.2018 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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