Spurensuche, 30.06.2018

von Dr. Ute Stenert aus Bonn

„Die Freiheit des Menschen wird im Digitalen verspielt.“

Bischof Gebhard Fürst. Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart/Uwe Renz

Die Digitalisierung verändert die Welt grundlegend: was das für das Menschsein und das Wirken der Kirche bedeutet, darüber sprach Dr. Ute Stenert mit dem katholischen „Medienbischof“ Gebhard Fürst.

Digitalisierung steht für weltweite Vernetzung von Kommunikation. Sie ermöglicht die massenhafte Speicherung und Verarbeitung von Informationen. Alle wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Neuerungen werden mittels Informations- und Kommunikationstechnologien digitalisiert. Der Vorsitzende der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, Gebhard Fürst, Bischof von Rottenburg-Stuttgart, im Interview mit Dr. Ute Stenert über die Konsequenzen dieser Entwicklung.

Dr. Stenert: Ist der Prozess der Digitalisierung ein Fluch oder ein Segen?
Bischof Fürst: Zunächst birgt er viele Chancen. Wir stehen am Beginn einer neuen Epoche: Internet und künstliche Intelligenz fangen gerade erst an, ihre ganze Macht zu entfalten. Viele zukünftige Entwicklungen sind heute noch nicht abschätzbar.

Dr. Stenert: Manche kritisieren: Hierzulande sprechen wir viel darüber, wie die Digitalisierung die Wirtschaft revolutioniert. Zu kurz komme dabei die Diskussion, wie sie unser Zusammenleben verändert.1 Ist die Kritik berechtigt?
Bischof Fürst: Ich teile die Einschätzung. Auch wenn der Megatrend Digitalisierung große Möglichkeiten bietet, muss man hinterfragen: Lässt sich die Informationsflut beherrschen? Wie sichern wir Teilhabe für die bisher digital Abgehängten? Müssen Algorithmen und Big Data gezähmt werden? Aufgrund der unschätzbaren Folgen der Digitalisierung kommt es daher darauf an, dass wir wach bleiben und die Reflexion über ethische Fragen nicht vergessen. Dieses Wachbleiben ist unabdingbar. Nur so können wir mithelfen, den gesamtgesellschaftlichen Lernprozess im Interesse des Menschen voranzubringen und als Kirche mitzugestalten. Denn ungeachtet aller Chancen der Digitalisierung stehen fundamentale Dimensionen des Menschseins und unseres demokratischen Zusammenwirkens auf dem Spiel.

Dr. Stenert: In bisher nicht gekanntem Ausmaß?
Bischof Fürst: Richtig, denn die Digitalisierung greift revolutionär in unser Menschsein ein. Die Kommunikation, die bisher eine digital gestützte Kommunikation zwischen Menschen war, wird ergänzt und zunehmend dominiert von einer menscheunab-hängigen, umfassend digitalisierten Kommunikation von Computerwelten. Sie steuern sich autonom und nach nicht mehr durchschaubaren komplexen Prozessen selbst. Dies bewirkt eine schleichende, unsichtbare und universale technologische Selbstorganisation durch digitale Netze und Computersysteme. Hier bleibt der kommunizierende Mensch außen vor. Er wird von der digital gesteuerten „Kommunikation in Big Data“ massiv bestimmt, beeinflusst, ja entmündigt! Das ist kein Segen!

Dr. Stenert: Wo sehen Sie in diesem Veränderungsprozess Ihre Aufgabe als „Medienbischof“?
Bischof Fürst: Ich möchte mitwirken an der humanen Gestaltung der digitalen Gesellschaft. Als Vorsitzender der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz weise ich öffentlich immer wieder auf Potenziale, aber auch auf Risiken für das Zusammenleben hin. Einem Digitalisierungswahn zu verfallen, hilft niemandem. Digitalisierung ohne kritische Begleitung und verantwortete Gestaltung hat fatale Konsequenzen. Worauf das hinausläuft ist leicht zu sehen: die Urteilsfähigkeit des Menschen wird geschwächt. Durch Fakten, die die Digitalisierung schafft, kommt es zur schleichenden Entmündigung des Menschen. Er durchschaut nicht mehr, was geschieht. Die totale Unübersichtlichkeit des Netzes wird zur objektiven Überforderung des Menschen. Die Gründe für die Überforderung liegen außerhalb seiner selbst. Die Freiheit des Menschen wird im Digitalen verspielt. Kritisches Innehalten, um kompetent mitgestalten zu können, tut Not, um der Menschen willen, um unserer Zivilisation willen.

Dr. Stenert: Der frühere Bundesverfassungsrichter, Paul Kirchhof, sagte beim Zweiten Katholischen Medienkongress: „Technik ist nur gut, soweit sie Freiheit garantiert und schafft, ansonsten muss man dagegen kämpfen“2
Bischof Fürst: Kirchhofs Fazit ist nicht nur ein Appell: Er ist der Handlungsauftrag an die Kirchen, sich für Schwache einzusetzen. Wir müssen immer wieder deutlich machen: das Menschsein des Menschen muss gewahrt bleiben – und seine Würde.

1 vgl. Jörg Dräger: Werkstattgespräch: Digitalisierung im Dienst der Gesellschaft, in: Change – Das Magazin der Bertelsmann Stiftung, 2/2017, S. 10, abrufbar im Internet unter: www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/Infomaterialien/IN_changeMagazin_02_2017.pdf.

2 Paul Kirchhof: Formatierte Freiheit – Digitalisierung als Chance und Risiko, Katholischer Medienkongress, Bonn 17.10.2017, abrufbar im Internet unter: www.katholischesmedienhaus.de/medienkongress-2017-rueckblick/.


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Dieser Beitrag wurde am 30.06.2018 gesendet.


Über die Autorin Ute Stenert

Dr. Ute Stenert, Jahrgang 1971, ist Leiterin des Referats Rundfunk und Medienethik im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Seit über 20 Jahren ist sie als freie Autorin für unterschiedliche Medien tätig.