Morgenandacht, 19.01.2015

von Johannes Schießl aus München

Schöpfung

Man könne den lieben Gott doch auch im Wald finden, dazu brauche man nicht in die Kirche zu gehen. Immer wieder hört man diesen Satz – dem aber gar nicht so leicht beizukommen ist. Denn das Staunen über die Schöpfung verweist unmittelbar auf den Schöpfer – ganz gleich zu welcher Jahreszeit, ob nun im Frühling, wenn alles grünt und blüht, in der flirrenden Hitze des Sommers, im Herbst mit seinen bunten Farben oder in der klirrenden Kälte des Winters.

Der unvergessene Münchner Kardinal Julius Döpfner bekannte in der häufig zitierten letzten Radio-Ansprache vor seinem Tod im Jahr 1976: „Manche Stunden auf herrlichen Berggipfeln waren mir eine unvergessliche Gottesbegegnung.“ Man muss kein Alpinist sein, um diesen Satz nachzuvollziehen. Welcher Wanderer mit offenen Sinnen wollte diese Erfahrung allen Ernstes in Frage stellen? Ganz Ähnliches gilt ja auch von einem Spaziergang am Meer mit einer steifen Brise im Gesicht.

Trotzdem ist der Satz vom lieben Gott im Wald eine Ausrede. Wer nämlich in der Natur nicht nur seine Ruhe sucht, sondern hinter ihr Gott zu erspüren beginnt, den drängt es in den Dialog. Zuerst in das meist stille Gespräch mit dem, der alles Leben erschaffen hat. Das nennt man Gebet, das wir gemeinhin viel zu arg auf unsere kleinen Sorgen und Nöte verkürzen. Mindestens genauso geht es da um Lob und Dank. Oder sollte es zumindest.

Und den Gottsucher drängt es auch in die Gemeinschaft Gleichgesinnter. Das genau ist Kirche – oder wenigstens ihr Idealfall. Insofern sind Wald und Kirche kein Widerspruch, ja nicht einmal eine echte Alternative. Beide können sich gegenseitig befruchten und steigern – bis in ungeahnte Höhen.

Im Gottesdienst bekennen Christinnen und Christen jeden Sonntag aufs Neue ihren Glauben an Gott, „den Schöpfer des Himmels und der Erde“. Dass sich hinter dieser schlichten Formulierung die halbe christliche Theologie verbirgt, das wird den wenigsten bewusst. Ganz anders als die Schönheit der Schöpfung, die fast jedem einsichtig ist.

Wohl alle Religionen kennen faszinierende Schöpfungsmythen. In unserer jüdisch-christlichen Überlieferung betont das Buch Genesis gleich zu Anfang der Bibel in der großen Erzählung von der Erschaffung der Welt wie in einem Kehrvers immer wieder: „Und Gott sah, dass es gut war.“ Um im zweiten und doch älteren Schöpfungsbericht gleich hinzuzufügen, dass der Mensch die Erde „bebauen und behüten“ solle.

Was Gottes Geist aus dem Nichts heraus wirkt und was selbst der Sintflut standhält, wird dann später im Johannes-Evangelium mit Christus, dem „Logos“, verbunden. Schöpfung und Erlösung sind also letztlich zwei Seiten einer Medaille, die Schöpfung strebt auf den „neuen Himmel und die neue Erde“ zu, wie es in der wunderschön poetischen Formulierung der Offenbarung des Johannes am Ende der Bibel heißt.

In der Welt von heute, die stark von den Naturwissenschaften und der Individualisierung geprägt ist, haben sich andere Erklärungsmuster nach vorne geschoben. Näherhin meint der moderne Mensch, dass er gerade mit der Evolutionstheorie eigentlich alles Leben auf der Erde vollständig erklären kann. Und andererseits sind doch recht viele Zeitgenossen davon überzeugt, dass sie ausschließlich selber ihres Glückes Schmied sind. Doch letztlich sind beide Positionen, wenn sie nur nicht auf die Spitze getrieben werden, kein Gegensatz zum Schöpfungsdenken.

So genial und stimmig etwa die Evolutionstheorie ist, so kann sie doch das Wunder des Lebens letztlich nicht einholen, das weit über den naturwissenschaftlichen Rahmen hinausgeht. Wichtig dabei ist, dass Schöpfung, richtig verstanden, nicht einen einmal festgeschriebenen Zustand meint, sondern vielmehr einen immer weiter gehenden Prozess, an dem auch wir Anteil haben.

Andererseits bewahrt das Schöpfungsdenken den Menschen davor, sich zu überheben. Er kann eben nicht alles selber machen, und er muss es auch gar nicht. Vielmehr darf er sich aufgehoben wissen im Schöpfungsplan Gottes und sogar an ihm mitwirken. So wird eine starke und nachhaltige Aufforderung spürbar, Gottes Schöpfung zu bewahren.


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Dieser Beitrag wurde am 19.01.2015 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

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