Am Sonntagmorgen, 01.07.2018

von Elena Griepentrog aus Berlin

Aufbruch im Osten - die Wiederbegründung des Zisterzienserklosters Neuzelle

Autorin
Das Jahr 1817 war ein trauriges Jahr für die Zisterzienser in der Niederlausitz. Seit 1268 schon gab es ihr Kloster in Neuzelle, in der Nähe von Frankfurt an der Oder. Blühende Zeiten hatte es erlebt, aber auch viele tragische Zeiten über-lebt. Zwei Mal fielen die Hussiten ein, sie töteten fast alle Mönche. Oder der dreißigjährige Krieg, mit verheerenden Zerstörungen. Immer bauten die Zisterzienser ihr Kloster wieder auf. Doch dann der Super-Gau: Fast ein halbes Jahrtausend hatte Neuzelle zu Böhmen gehört und damit zu Österreich. Auf dem Wiener Kongress fällt die Lausitz nun an Preußen. Und schon zwei Jahre später, 1817, löst der protestantische König das Kloster auf. Rund 550 Jahre Zisterzienser in Neuzelle - einfach ausgelöscht.

28. August 2017. Die Glocken der ehemaligen Klosterkirche läuten kräftig. Rund 150 Menschen klatschen Beifall im Klosterhof, als vier Männer in schwarz-weißer Ordenstracht aus dem Auto steigen. Neuzelles Bürgermeister reicht Brot und Salz. Die Männer sind sichtlich gerührt, die Einheimischen ebenfalls. Die Zisterzienser sind wieder da, nach genau 200 Jahren!

Die vier Zisterzienser-Mönche kommen aus dem blühenden österreichischen Kloster Heiligenkreuz im Wienerwald. In nur 30 Jahren hat sich die Zahl der Mönche dort verdoppelt. So entsteht die Idee, ein Tochterkloster zu gründen. Wolfgang Ipolt, Bischof des Bistums Görlitz, lädt die Zisterzienser nach Neuzelle ein. Die vier Mönche sind die Vorhut. In diesem Jahr, im September 2018, wird das Kloster offiziell neugegründet, dann mit insgesamt sechs Mönchen. Die beiden Hauptziele: Ein funktionierendes Kloster aufzubauen. Und das gemeinsame gesungene Gebet in der Kirche, sieben Mal am Tag. Alles nimmt von hier aus seinen Anfang, sagt Frater Aloysius Maria Zierl, ein nachdenklicher junger Mann.

Fr. Aloysius      
„Wenn man auf unser Ordensleben schaut, da ist der erste Ort der Mission das Chorgebet. Und von dem heraus sind wir einfach davon überzeugt, dass auch das Gebet verwandeln wird. Also, wir werden auch in zwei Jahren, wenn wir hoffentlich zehn, zwölf oder irgendwann vielleicht mehr sind, auch nicht durch die Straßen rennen und sagen: Glaubt und glaubt und glaubt. Drum wird bei allem, was kommt, das Gebet weiterhin unsere Hauptaufgabe sein, für die wir halt auch da sind.“

Autorin
Die ganze Welt mit all ihren Problemen und die Nöte Einzelner nehmen die Mönche mit in ihr Gebet. Und wohl auch die eigenen Sorgen. Denn noch ist die Finanzierung der Neugründung keinesfalls gesichert. Eigentümerin des Klosters samt weiträumigem Gelände ist eine Stiftung des Landes Brandenburg. Seit 1992 restauriert sie Stück für Stück die Gebäude, ist aber nicht zuständig für die kirchliche Klosterneugründung. Das Bistum Görlitz allerdings ist mit gerade einmal 30.000 Katholiken das kleinste und ärmste Deutschlands. So ist man dringend auf Fundraising und Spenden angewiesen, auch ein Förderverein ist bereits gegründet. Vieles ist noch nicht geklärt, vieles auch noch nicht fertig. Doch jedes Jahr kommen mehr Besucher in das einzige Barockkloster Brandenburgs. Sie bestaunen nicht nur die prächtige Kirche in ihrem satten Gelb und Weiß, sondern auch den wieder errichteten Barockgarten samt Orangerie, das Museum „Himmlisches Theater“ mit wertvollen Passionsdarstellungen als Bühnenbilder und den weiten Blick über die Oderauen bis nach Polen. Nicht zuletzt natürlich die Klosterbrauerei am idyllischen Klosterteich.

Autorin
Gerade einmal zwei Prozent sind in der Region katholisch. Dazu kommen rund 17 Prozent Protestanten. Die Zisterzienser-Mönche aus dem katholischen Österreich bezeichnen diese Situation als „erfrischend“. Nichts sei hier selbstverständlich. Und immer wieder gebe es Überraschungen, sagt Frater Aloysius aus dem Allgäu.

Fr. Aloysius
„Die zwei Prozent Katholiken, die es hier gibt, sind halt sehr emsig. Und haben uns mit einer unglaublichen Liebe irgendwie und Offenheit aufgenommen, die wir in dieser Dichte, glaube ich, alle nicht erwartet hätten.“

Autorin
Beim Einkaufen, auf Ämtern oder einfach auf der Straße - immer wieder werden die Mönche einfach angesprochen, auch von den vielen Nicht-Christen. Viele Einheimische sind neugierig und meistens freundlich, selbst im nahen Eisenhüttenstadt, der ehemaligen sozialistischen Musterstadt, erzählt Pater Simeon Wester, ein gemütvoller Rheinländer.

P. Simeon
„Wir sind ja allein schon durch unser Auftreten, dadurch, dass wir hier im Habit herum laufen, schon vielen ein Fragezeichen. Das ist ja schon mal was. Die Menschen haben ja alle die gleichen Fragen. Es ist ja nicht so, als wenn nur die Frommen die Fragen hätten, was am Ende des Lebens, am Anfang des Lebens, also woher sie kommen und wohin sie gehen, sondern die stellen sich ja alle Menschen. Und wir versuchen, eine Antwort darauf zu geben, einfach durch unsere Existenz.“

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Und natürlich auch durch ihre Arbeit, in der Schule beim Religionsunterricht, bei der Jugendarbeit in der Pfarrgemeinde oder in der Seelsorge. Die Mönche fühlen sich sehr wohl in der Lausitz. Inzwischen - geben sie zu. Denn es gab auch harte Zeiten - nachdem die Euphorie des Anfangs verflogen war und der Alltag einzog. Mitbrüder und Freunde waren plötzlich weit weg. Dazu die Wohnsituation. Kein Gebäude auf dem Klostergelände gehört den Mönchen. Sie wohnen äußerst beengt im ehemaligen Pfarrhaus, eher WG als Kloster. Der für Mönche so wichtige Rückzug, Alleinsein mit Gott, ist nur schwer möglich. Doch die verlässliche Unterstützung der Einheimischen hat vieles wettgemacht, erzählt Pater Kilian.

P. Kilian
„Wenn man aus seiner geliebten Heimat auch weggeht, und wenn man merkt, das ist hier alles noch kein Kloster, und die Architektur ist anders als daheim, also ich glaube, dass man Heimweh hat, ist kein Wunder (Lachen). Und immer an diesen Tagen, wo man vielleicht mutlos geworden ist, kam jemand und hat einfach nur ganz kurz gesagt: Schön, dass Sie da sind. Das hilft, wirklich!“

Wie aber ist Pater Kilian überhaupt ins Kloster gekommen? 

P. Kilian
„Zunächst mal wollte ich eine Woche meine Ruhe haben und habe deswegen gegoogelt, nach „Kloster auf Zeit“. Ich war nicht gläubig, evangelisch getauft, aber nur auf dem Papier, also keine Glaubenspraxis. Ja, und dann bin ich vor zwölf Jahren für eine Woche in dieses Kloster gefahren, im Wienerwald, und eigentlich fast auch gleich da geblieben.“

Autorin
Pater Kilian ist ein großer, feinsinniger Mann, Anfang 40, studierter Ökonom. Er hat den wohl spektakulärsten Weg in den Orden.

P. Kilian
„Also, nach drei Tagen hatte ich eine sehr intensive Gottesbegegnung, die im Kern drei Tage, im erweiterten Bereich 14 Tage gedauert hat, und nach dieser einen Woche Kloster auf Zeit bin ich zurückgefahren, habe meine Sachen gepackt und bin fünf Tage später ins Kloster gezogen. Was auch ein ungewöhnliches Tempo ist insgesamt (Lachen), aber auch ein tiefes Verständnis der Oberen, ein großes Vertrauen der Oberen natürlich ausgedrückt hat damals in Heiligenkreuz, und sie haben einfach erkannt und auch darauf vertraut, dass dieses Berufungserlebnis, dass sie ja mitbekommen haben (Lachen), dass das echt ist.“

Autorin
Die Überzeugung, im Kloster am richtigen Ort zu sein, habe immer gehalten, auch durch manche Krise hindurch, sagt Pater Kilian. Geholfen habe ihm das Vertrauen, dass Gott ihn für etwas gebrauchen könne. So war der Zisterzienser auch gleich bereit, sich aufzumachen in das Abenteuer Neuzelle.

Pater Simeon, Anfang fünfzig und ab September Prior der Klosters, hat Kirchenmusik studiert und tourte viele Jahre als Musiker durch Europa. Bis er sich mit Mitte 30 zum Klosterleben hingezogen fühlte.

P. Simeon
„Ich glaube zutiefst daran, dass der liebe Gott Menschen wie zu allen Zeiten ruft und ihnen eine Alternative zeigt, wie das Leben schön und glücklich werden kann. Und dann bin ich da halt hingefahren nach Heiligenkreuz, und es hat funktioniert. Die haben mich auch so genommen wie ich bin, war am Anfang sicherlich auch nicht einfach, so einen abgelebten Musiker da … (Lachen), ist immer so ein bisschen heikel bei Künstlertypen, da muss man immer so ein bisschen vorsichtig sein, ob die nicht so eine fixe Idee haben. Aber es hat bisher funktioniert, ich bin dem Herrn sehr dankbar dafür.“

Autorin
Das Kloster Neuzelle. Jedes Jahr wird das barocke Kleinod in Brandenburg ein Stück mehr restauriert. Es bringt der stillen Region in idyllischer hügeliger Landschaft, direkt an der Grenze zu Polen, neues Leben. Touristen! Arbeitsplätze! Auch viele Veranstaltungen: Feste, Konzerte mit namhaften Musikern, ein Opernfestival, Ausstellungen. Noch attraktiver ist die Gesamtanlage, seit hier wieder „echte Mönche“ leben. Doch die Belebung der Region scheint nicht der einzige Grund zu sein, dass Christen wie die meisten Nicht-Christen den Mönchen wohlgesonnen sind. Pater Kilian

P. Kilian
„Ich glaube, dass vielleicht bei einigen bewusst oder unbewusst doch so die Ahnung da ist: Kloster, das hat was mit Stabilität zu tun, das hat auch was mit einer Wegorientierung von einem reinen Konsumismus zu tun, sondern im Idealfall, und da sind sicherlich viele Idealismen dabei, ist das ein Ort, wo man ehrlichen Menschen begegnen kann, wo es eine gewisse Ruhe gibt vielleicht, eine gewisse Gleichmäßigkeit, vielleicht auch eine Diskretion, auch das sicherlich hier in der Gegend oder vielleicht in den ganzen ehemaligen DDR-Gebieten ein Thema, wo man merkt, da sind viele Verletzungen, dieses ‚wem kann ich trauen, wem nicht‘.“

Autorin
Und auch die Gemeinschaft zieht Menschen an, glaubt Pater Simeon.

P. Simeon
„Dass in einer Gesellschaft, in der alle Gemeinschaften irgendwie sehr angegriffen und auch teilweise auseinandergerissen werden, also bis in die kleinste Urzelle der Gesellschaft, die Familie, die auch immer wieder unter Zerreißproben steht in den Belastungen des Alltags, dass eine funktionierende Gemeinschaft, also eine Gemeinschaft, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptiert, aber trotzdem sagt, wir haben das gleiche Ziel, und das ist das, was uns eint. In einen Fußballverein, der gut zusammen spielt, treten sie lieber ein als in eine Mannschaft, die sich nur am Kloppen ist.“ (Lachen)

Autorin
Ein Gästehaus – auch dies soll irgendwann neben dem Kloster entstehen. Für Gruppen und Einzelgäste, die in die klösterliche Stille und Besinnung eintauchen möchten. Zunächst aber brauchen die Mönche selbst ein festes Dach über dem Kopf. Wo die bald sechs Mönche künftig unterkommen werden, ist noch unklar.

Und dennoch fühlen sich die Mönche in Neuzelle schon zu Hause, nach nicht einmal einem Jahr. Sie führen gern durch die ursprünglich gotische Kirche und das barocke Klostergelände. Aus der jüngeren Geschichte stammt das rund drei Meter hohe Kreuz auf dem so genannten Scheibengarten, ein Hügel mit terrassenförmig angelegtem Garten. Das Kreuz aus schlichten Holzbalken wurde 1948 errichtet, nach dem Krieg. Neuzelle war für viele DDR-Katholiken ein geistlicher Ankerpunkt. Bis in die 1970er Jahre hinein kamen hier jedes Jahr 1500 Jugendliche zur Jugendwallfahrt. Noch heute kommen Pilger und Wallfahrer nach Neuzelle. Und auch altgediente Ordensleute aus der gesamten Region zieht es immer wieder in das Kloster mit seiner langen Geschichte, erzählt Frater Aloysius.

Fr. Aloysius
„Eine Schwester hat erzählt, das fand ich irgendwie ziemlich krass, die hat gesagt, wissen Sie, bei uns, wir sterben aus. Aber hier geschieht etwas Neues. Und hier entsteht etwas Neues. Und für die ist das mit so viel Hoffnung verbunden. Anscheinend einfach nur, dass jemand neu hierher kommt und es wagt, auch gegen Widerstände und so etwas. Wir selber, wir sind keine Helden. Aber irgendwie durch unser Dasein ist das für viele ein Hoffnungszeichen, ganz komisch, aber auch sehr bewegend.“


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Dieser Beitrag wurde am 01.07.2018 gesendet.


Über die Autorin Elena Griepentrog

Elena Griepentrog, geb. 1968, ist Hörfunk-Journalistin/Feature-Autorin und arbeitet für die Kulturwellen verschiedener ARD-Sender. Ihr Schwerpunkt liegt auf den Themen Gesellschaft, Religionen  und Psychologie. Daneben arbeitet sie als Business- und Entwicklungs-Coach. Der Fokus liegt hier auf dem Thema: erfülltes Leben - erfülltes Arbeiten. Sie ist Inhaberin des Coaching-Instituts „leben und arbeiten in Farbe!“ in Berlin.

Kontakt

www.elena-griepentrog.de