Morgenandacht, 09.06.2018

von Katharina Pomm aus Apolda

Innere Landschaft

Ganz am Anfang perlen leise, murmelnde Flötentöne in die erwartungsvolle Stille.
Nur begleitet von behutsam gezupften Streichinstrumenten. Fast so, als schöpfte die perlende und murmelnde Melodie immer mehr Kraft, steigen Lautstärke und der Reichtum an Tönen rasch an. Zu den Flöten kommen sehr bald andere Blasinstrumente dazu. Das Zupfen der Streicher wird immer kräftiger und schließlich übernehmen sie mit großen, majestätischen Melodiebögen das musikalische Thema.

Der Komponist Bedrich Smetana erweckt in seiner Tondichtung „Die Moldau“ die großartigen Flusslandschaften seiner Heimat zum Leben.

Das Zarte, Leise und Geheimnisvolle einer Quelle, liebliche Bachlandschaften, majestätische Flussläufe, Ehrfurcht gebietende Stromschnellen und gefährliche Strudel, bildschöne Städte an den Ufern und dann das großartige Einmünden des breiten Stroms in das viel größere Meer.

Lauter Bilder, die nicht mit Farben gemalt, sondern aus Tönen und damit aus Empfindungen, aus Gefühlen erschaffen werden. Damit das ganze Werk in seiner Großartigkeit wirken kann, braucht es mich als Zuhörerin. Wenn ich mit meinen eigenen Empfindungen Teil dieser Gefühls-Landschaft werde, erst dann wird eine Ansammlung verschiedener Töne zu einer musikalischen Geschichte. 

An diese großartige Komposition habe ich mich erinnert, als ich auf eine rund 1700 Jahre alte Meditation aus dem heutigen Syrien stieß. Ihr Verfasser ist Ephräm der Syrer, der ungefähr um das Jahr 306 im Grenzgebiet der heutigen Länder Türkei und Syrien geboren wurde. Er starb am 9. Juni 373 in Edessa.

Ephräm der Syrer war ein Hymnendichter. So wie ein Komponist mit Tönen, so malt der Hymnendichter Ephräm mit Worten eine innere Landschaft. Ein Bild, in das der Zuhörer oder die Zuhörerin eintauchen und sich in Gedanken bewegen kann. Er schreibt:

Jage (...) den guten Bestrebungen nach, auf daß sie dir als Kanäle dienen, damit dein Leben, mag es auch vorübergehen, nach seinem Verlaufe in Gott stille stehe! Leite das Bächlein deines Lebens zu Gott hin, damit es dir, nachdem es hier versiegt ist, dort ein Meer des Lebens werde!

Du nennst in der vergänglichen Welt ein Lebensflüßchen dein Eigen; leite es zu Gott hinüber, auf daß es ein Ozean des Lebens werde!“*

Ich bin in diese Bilder Ephräms sehr gerne eingestiegen. Sie fangen auf ganz unaufdringliche Weise die Dynamik meines Lebens ein: Bäche, Flüßchen, Kanäle, Meer und Ozean – da denke ich an quirlige Lebendigkeit, an staunenswerte Schönheit, an spielerische und lustvolle Gestaltungskraft. Aber auch an Erscheinungsformen, die sich immer wieder wandeln, an ein Ziel, ein Zusammenfließen.

Und in allem entdecke ich eine Art Wesensverwandtschaft zwischen mir und Gott.

In die Worte Ephräms kann ich eintauchen wie in Musik. Sie laden mich ein, meine eigene innere Landschaft zu betreten. Ein Vorgang, der – erstaunlicherweise – alles andere als selbstverständlich ist. Hier gibt es kein Zuschütten mit Forderungen  oder moralischen Belehrungen, statt dessen Bilder zwischen Kreativität, Freiheit und unermesslichem Geborgensein bei Gott.

Ich staune, was mir Menschen fremder Zeitepochen und Kulturräume mit ihrer Kunst ermöglichen: das Göttliche zu erahnen. Atem zu holen. Inneren Landschaften Raum zu geben. Für mich ist so eine Meditation keine bloße Träumerei. Musik, Poesie, Gebet – all das hilft mir dabei, den Abgründen von Gewalt und Verzweiflung in unserer Welt zu widerstehen und meine spielerische Freude am Leben wach zu halten.

* Ephräm d. Syrer († 373) - Rede über den Text: „alles ist Eitelkeit und Geistesplage!“ (Pred 1,14.) Nr 6


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Dieser Beitrag wurde am 09.06.2018 gesendet.


Über die Autorin Katharina Pomm

Katharina Pomm wurde im Februar 1980 in Aachen geboren. Nach dem Theologiestudium in Tübingen und Münster begann sie ihre pastorale Ausbildung und Tätigkeit im Bistum Erfurt. Nach der Arbeit in Pfarreien und Hochschulgemeinden entschied sie sich 2013 bewusst für die Klinikseelsorge. Dort arbeitet sie heute als Seelsorgerin, sowie in der Aus- und Weiterbildung von pflegerischem und ärztlichem Personal. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebt sie im thüringischen Apolda. Freiräume nutzt sie so oft es geht zum Verreisen – am liebsten in die Berglandschaften der Alpen oder an den Atlantik vor der Küste Portugals. Kontakt
katharina@pomm.de