Morgenandacht, 18.06.2018

von Martin Wolf aus Kaiserslautern

Klee und Löwenzahn

Wenn ich in diesen Frühsommertagen in die Kleingärten hinter meinem Haus blicke, dann sehe ich dort Anlagen, in denen Blumen und Gemüsepflanzen exakt angeordnet in Reih und Glied wachsen. Manches sieht so akkurat aus, als hätte da jemand die Pflanzen mit dem Lineal gesetzt. Die kleinen Rasenflächen daneben glänzen in sattem Grün und werden natürlich jede Woche mit Rasenmäher, Trimmer und Schere gestutzt. Und natürlich müssen in diesen Gärten auch die Büsche und Hecken eine genaue Form haben. Zugegeben, so ein Garten kann hier und da schon ein Fest fürs Auge sein. Miniaturausgaben englischer oder französischer Ziergärten sozusagen. Menschengemachte kleine Kunstwerke aus Blumen, Sträuchern und Obstbäumen.

Vereinzelt finden sich dazwischen aber auch Gärten, in denen ganz Vieles einfach so wachsen darf, wie es will. Dort steht das Gras dann schon mal hoch. Und zwischen den Grashalmen wachsen Klee, Schafgarbe und Löwenzahn. Laubhaufen liegen unter den Sträuchern herum und auch die Obstbäume werden nur selten geschnitten. Ich kann mir gut vorstellen, dass solche Gärten den akkuraten Kleingärtnern von nebenan mit ihren blühenden Kunstwerken öfter mal ein Dorn im Auge sind. Und doch mag ich diese etwas verwilderten Gärten ganz besonders. Weil ganz vieles darin Platz hat. Und weil Insekten, Vögel und anderes Kleingetier dort Nahrung und ein geschütztes Plätzchen zum Leben finden.

Sicher, schon ganz am Anfang der Bibel trägt Gott dem Menschen auf, sich die Erde untertan zu machen. Sie so zu bearbeiten und zu bebauen, dass sie ihm hilft und nützt. Das steht nicht nur einfach so neben vielem anderem in der Schöpfungserzählung. Nein, es gehört zum Auftrag Gottes an den Menschen unabdingbar dazu.

Und genau das machen wir Menschen ja auch. Fast jeder Wald, jeder Acker und jeder Garten trägt heute unsere Handschrift. Wir machen aus dem, was die Schöpfung so bereithält, Kulturlandschaften. Prägen ihr also unsere Vorstellungen und Wünsche auf. Zugegeben, anders wäre es wohl auch gar nicht möglich, Milliarden Menschen satt zu bekommen. Doch dazu gehört eben auch: Wir sortieren die Schöpfung in nützlich und schädlich, in erwünscht und unerwünscht. Pflanzen ebenso wie Tiere. Wir rotten aus, was uns stört und nicht in den Kram passt und mit ihm oft auch das, was eigentlich noch dableiben sollte. Die Wildbienen sind gerade vielleicht ein besonders prominentes Beispiel. Macht euch die Erde untertan und herrscht über die anderen Geschöpfe. Diese Aufforderung der Bibel gilt bis heute.

Und doch ist da etwas, dass mich bei all dem immer nachdenklicher macht. Es sind in der Regel ja nicht die gestylten Zier- und Nutzgärten oder die Monokulturen, wo das pralle Leben wohnt. Es sind die verwilderten Gärten und die Urwälder, in denen sich Gottes Schöpfung so richtig austoben kann. In denen dann plötzlich wieder Pflanzen- und Tierarten auftauchen, die wir aus unseren Kulturlandschaften längst vertrieben oder todgespritzt haben. Und dann fällt mir ein Bild aus meiner Kinderbibel ein, an das ich mich noch heute erinnere: der Garten Eden. Jener Paradiesgarten also, den Gott nach der Schöpfungserzählung selber angelegt und in den er dann den ersten Menschen hineingesetzt haben soll. Auf diesem Bild war er eine akkurat angelegte Parklandschaft zu sehen, garniert mit allerlei exotischen Tieren. Und keineswegs ein vor Leben strotzender Urwald. Gottes Paradiesgarten wurde in der Phantasie dieses Künstlers also zu etwas, das er selber schön fand.

Wenn ich nun in die Kleingärten hinter meinem Haus schaue, dann scheint mir Gottes Idee von der Schönheit der Schöpfung allerdings eine ganz andere zu sein als die, die sich da oft verwirklicht. Eine, die so gar nicht mit unserer Vorstellung von Ordnung und Sauberkeit zusammenzupassen scheint. Ich werde daran denken, wenn ich mich wieder mal anschicke, mir meinen Garten untertan zu machen.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 18.06.2018 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche