Morgenandacht, 26.05.2018

von Joachim Opahle aus Berlin

Champions League-Finale oder: Der Geist der Begeisterung

Oft wird der Wind als Beispiel genommen, wenn es in der Bibel um den Geist Gottes geht. Die Eigenschaften der Luft sind dabei sehr anschaulich, denn obwohl man Luft nicht sehen kann, ist sie zu spüren. Als Sturm kann der Wind ganze Wälder vernichten, als Pressluft füllt er Autoreifen und trägt schwerste Lasten. Auch wenn es ganz windstill ist, spüren wir, dass kein Lüftchen weht. Selbst kleinste Bewegungen der Luft nehmen wir wahr. So könnte es auch sein mit der Wahrnehmung des Spirituellen im Alltag. Im Psalm 18 im Alten Testament wird gesagt, dass es der Atem Gottes ist, der die Luft in Bewegung versetzt. Gott ist es, der die Naturgewalten entfesselt, die Blitze des Himmels und die Tiefen des Wassers. Und immer wieder finden wir das Bild des Windes, das wie kein anderes die Anwesenheit des göttlichen Geistes verheißt.

Dieses Bild kann vieles bedeuten: göttlicher Atem, Ausdruck seines Geistes, Medium der göttlichen Offenbarung und zugleich Merkmal menschlicher Begeisterung. Die bekannteste biblische Erwähnung des göttlichen Geistes findet sich in der Pfingsterzählung der Apostelgeschichte. Sie greift zurück auf die alten Motive der hebräischen Bibel, die Gottes Gegenwart eher stürmisch beschreiben. So kommt in der Pfingsterzählung der göttliche Geist in einem Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt (Apg 2). Wörtlich heißt es:

„Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten, auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt“. (Apg. 2, 1-4a)

Hier zeigt sich die Wirkung des Heiligen Geistes sehr schön: Der Geist Gottes entflammt und rüttelt auf. Er bringt die Luft zum Knistern. Eine Kraft, die Aufbruch, Vitalität und Lebensmut signalisiert. Auch alles, was kreativ und phantasievoll ist, wird mit dem Geist des Schöpfers in Verbindung gebracht.

Sie glauben, so etwas hätten Sie noch nie erlebt? Dann gehen sie mal in ein Fußballstadion und erleben es mit, welche Begeisterungskräfte frei werden, wenn plötzlich ein verloren geglaubtes Spiel gewendet wird. Selbst übers Fernsehen vermittelt sich diese spezielle Begeisterung bei Sport und Wettkampf, egal ob bei Olympia oder beim Fußball.

Wenn heute Abend in Kiew in der Ukraine vor 70 000 Stadionbesuchern um den Sieg in der Championsleague gekämpft wird, können Sie sie spüren, diese Kraft der Begeisterung oder auch den Sturm der Entrüstung bei einer umstrittenen Schiedsrichterentscheidung.

Was den pfingstlichen Gottesgeist angeht, bleibt festzuhalten, dass er in Glaube und Kirche nicht nur für den Status quo, sondern auch für heilsame Unruhe und Überraschungen verantwortlich ist. Der Geist lenkt die Herzen und den Verstand auf neue Wege. Er lebt in Symbolen der Aufmerksamkeit und des Aufbruchs. Er ist luftig und sogar stürmisch wie der Wind, wärmend und erhellend wie Feuer, tröstend und heilend wie Salböl. In der Gemeinschaft der Christen kommt er allen gleichermaßen zu, nicht nur Priestern, Bischöfen oder gar allein dem Papst. Deswegen darf der Pfingstgeist kein Fallwind sein, kalt und von oben herab, von den Autoritäten. Er kann sich auch als Aufwind zu erkennen geben, warm und von unten, beseelt von den Gläubigen. Denn auch sie sind Träger des göttlichen Geistes.

Er ist dort zu finden, wo geistreich und kontrovers gesprochen werden kann; wo man damit rechnet, dass Neues nicht nur gedacht, sondern auch ausprobiert wird. Er ist experimentell und spielerisch wie ein Fußballmatch. Er kennt Überraschungen und konfrontiert uns mit Neuem, das vorher noch gar nicht gedacht wurde. Es kommt darauf an, dass wir uns darauf einlassen; dass wir nicht zu ängstlich sind. Dass wir immer wieder bereit sind, aufzubrechen zu neuen Ufern. Manchmal hilft da ein Sturm; manchmal ist es nur ein leises Säuseln, das den Geist Gottes befördert.


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Dieser Beitrag wurde am 26.05.2018 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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