Morgenandacht, 25.05.2018

von Joachim Opahle aus Berlin

Lebenshilfe oder: Der Geist des Rates

Auf meinem täglichen Weg zur Arbeit komme ich regelmäßig an einem Zeitungskiosk vorbei, direkt neben der Bushaltestelle. Ich nutze die Wartezeit, indem ich die Überschriften auf den Titelseiten der Illustrierten lese. Die sind bunt, freundlich und einladend formuliert. Häufig geht es ums Wohlergehen und um die seelische Gesundheit. „Akzeptieren wie es ist. Was wir gewinnen, wenn wir das Leben in allen seinen Höhen und Tiefen annehmen“,  titelt die jüngste Ausgabe von „Psychologie heute“. Im Monat zuvor widmete sie sich der „Kunst der Zuversicht“ und kündigte im Untertitel an: „Wie es Ihnen gelingt, den Blick immer wieder auf das Positive zu richten“. Das Yoga-Journal daneben macht auf mit dem Stichwort „Mitgefühl - Der kraftvolle Weg zur Verbindung“ und verheißt „Wege zu ihrem wahren Potential“

Ich staune, welche Zweifelsfälle des Lebens in den Zeitschriften behandelt werden: ob Arbeit verlorene Zeit ist; oder: wohin die Gier nach immer mehr Geld und Wohlstand führt. Auch heikle Fragen werden aufgeworfen: Was tun, wenn der Ex – Mann nervt? Oder wenn der Neue ein Stubenhocker ist. Eine Frauenzeitschrift fragt gleich ganz direkt: „Geht’s noch? Was tun, wenn alles zu viel wird?“.

Das Konzept geht auf. Lebenshilfe in allen möglichen Bereichen ist gefragt. Die Welt ist eben komplex – und je mehr wir über unser Zusammenleben wissen, desto größer werden die individuellen Fragen des Lebens.

Früher war das scheinbar leichter. Meinen jedenfalls manche. Da gab es starke gesellschaftliche Konventionen und die Kirche gab klare Anweisungen für alle möglichen moralischen Fragen. Heute ist man da zurückhaltender. Die Leute sollen selbst entscheiden, sagt der Staat, und will keinesfalls alles durch Gesetze und Richtlinien regeln. Und auch die katholische Kirche erinnert neuerdings wieder mehr an das Gewissen des Einzelnen.

Entscheidungen werden aber nicht unbedingt leichter, nur weil ich sie jetzt selber fällen muss.

An den zurückliegenden Pfingsttagen wurde in den Kirchen viel über den Heiligen Geist und seine Wirkung gesprochen. Dass er als leiser Wind oder heftiger Sturm daher kommt, dass er Tröster und Friedensbringer ist, dass er weht wo er will. Der göttliche Geist, der an Pfingsten über die Jünger Jesu kam, und der in den Kirchen bis heute angerufen wird, stattet die Christen aus mit wertvollen Eigenschaften. Das gilt übrigens nicht nur für die Getauften. Jeder, der sich der Botschaft Jesu verbunden fühlt, kann das Sausen des göttlichen Windes spüren, erklärt Jesus dem jüdischen Ratsherren Nikodemus (Joh 3,8). Und der Apostel Paulus kommt sagt einfach nur: „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit!“ (2 Kor 3, 17).

Mir kommt es so vor, als seien die Lebenshilfe-Zeitschriften unserer Tage so etwas wie eine säkulare Version des religiösen Seelen-Coachings, das mit den Gaben des biblischen Heiligen Geistes verheißen wird: Beide Male werden wir zur Optimierung unserer Psyche eingeladen. Im traditionellen Kanon der biblischen Geistesgaben wird vom Geist des Rates und der Stärke gesprochen. Psychologen denken da vielleicht eher an die Kunst der Zuversicht, an stabile Ich-Identität und mentale Selbstbehauptung. Einen gravierenden Unterschied gibt es aber: Während Lebenshilfe vor allem auf die eigene Kraft zur Erneuerung setzt, sind die Gaben des Heiligen Geistes ein Geschenk, eine Gnade, die allerdings auch gepflegt sein will. Beide aber bauen im letzten darauf, dass der Geist eine Kraft ist, die uns von außen, von anderen zugesprochen werden muss.  

Genau das wünsche ich Ihnen: dass Sie jemanden finden, der Ihnen einen weisen Rat geben kann, oder ein Wort von Gewicht. Vielleicht sind Sie ja auch selbst so jemand. Ein gutes Wort ist ein Schlüssel zum Glück. Der Geist weht schließlich, wo er will. Nicht auszuschließen, dass sich seine Spuren auch auf einer Zeitschrift am Kiosk finden lassen.


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Dieser Beitrag wurde am 25.05.2018 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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