Morgenandacht, 24.05.2018

von Joachim Opahle aus Berlin

Nikolaus Kopernikus oder: Der Geist der Wissenschaft

Der göttliche Geist, an den die Kirchen am vergangenen Pfingstwochenende erinnert haben, ist schwer zu kontrollieren. Er ist wie der Wind, mal weht er wie ein leises Lüftchen, mal wie ein brausender Sturm. Und er weht, wo er will, und wohl auch wann er will. Im Evangelium wird er an einer Stelle als göttlicher Anhauch beschrieben. Als Jesus nach Ostern auf seine Jünger trifft, begrüßt er sie mit den Worten: Friede sei mit euch! Dann haucht er sie an und sagt: Empfangt den Heiligen Geist (vgl. Joh 20, 22). Das lateinische Anhauchen, die Aspiration, hat denselben Wortstamm wie Inspiration, Eingebung. Beide Male ist es der spiritus, der Geist, der etwas bewirkt. Zum Beispiel, dass mir ein Licht aufgeht nach langem Grübeln; dass es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen fällt und ich etwas entdecke, was mir vorher verborgen war.

Am heutigen 24. Mai wird die Wirkung dieses inspirierenden Geistes besonders deutlich, wenn wir auf den Kalender schauen. Denn heute ist der 475. Todestag von Nikolaus Kopernikus. Er hat die zu damaliger Zeit unerhörte Theorie vertreten, dass die Erde sich um die Sonne dreht – und nicht die Sonne um die Erde. Das war im beginnenden 16.Jahrhundert eine Sensation, und zwar eine, die Verunsicherung auslöste und vielen sogar Angst machte. Denn die kopernikanische Entdeckung stürzte viele vertraute Sicherheiten einfach um: dass die Erde nicht der Mittelpunkt der Schöpfung ist; dass es noch andere Planeten gibt; dass die Erde sich einmal in 24 Stunden um sich selber dreht und damit Tag und Nacht bewirkt, und vieles mehr. Seine Erkenntnisse waren damals so revolutionär, dass es fast 200 Jahre brauchte, bis sich durchsetzte, was heute selbstverständlich ist.

Das Kopernikanische Weltbild ist aus Beobachtungen und intellektuellen Überlegungen  hervorgegangen. Aus Neugier und Inspiration. Dabei war Nikolaus Kopernikus beileibe kein Kirchengegner. Er war ja Domherr im ermländischen Frauenburg, im heutigen Polen. Seine Theorien wurden von den kirchlichen Autoritäten zwar abgelehnt. Allerdings hat man ihn deswegen nicht verfolgt oder bedroht. Er galt eher als ein vergeistigter Theoretiker, der auf vielerlei Gebieten forschte. Als Arzt, Jurist, Mathematiker und Astronom interessierte er sich für so ziemlich alles, was zur damaligen Zeit im Bereich der Wissenschaft interessant war.

Kopernikus war ein Gelehrter, aber einer, der vermutlich jeden Tag betete und dabei um göttlichen Beistand für seine Theorien bat. Er kannte bestimmt die Lehre von den sieben Gaben des Heiligen Geistes, die Jahrhunderte zuvor vom Heiligen Bonaventura entwickelt wurde und die heute noch im katholischen Katechismus nachzulesen ist: Demnach bewirkt der göttliche Geist im Menschen sieben verschiedene Begabungen: Weisheit und Verstand, Rat und Stärke, wissenschaftliche Erkenntnis und Frömmigkeit, und schließlich Gottesfurcht. Dass es gerade sieben göttliche Geistesgaben sind, mag daran liegen, dass sieben als heilige, göttliche Zahl gilt. Vielleicht steckt auch das Bestreben nach einer einfachen Systematik dahinter, die den Glauben leichter verstehbar machen soll, ähnlich der sieben Sakramente, der sieben Tugenden oder der sieben Todsünden.

Und eigentlich, so überlege ich, war die menschliche Erkenntnis auch schon zu biblischen Zeiten ein göttliches Geschenk. Denn der Erfinder der Geistesgaben ist der Prophet Jesaia, der im siebten vorchristlichen Jahrhundert lebte und auch schon vom Geist des Verstandes und der Erkenntnis sprach (vgl. Jes 11, 2)

Dieser seit alter Zeit angerufene Geist der Erkenntnis hat durch alle Jahrtausende hindurch nichts von seiner Bedeutung verloren. Auch für heutige Wissenschaftler dürfte er anregend sein. Denn auch heute noch gibt es viel zu entdecken. Manche sagen, je mehr wir wissen, desto mehr erkennen wir, was wir noch nicht wissen.

Der Pfingstgeist jedenfalls, von dem in diesen Tagen in den Kirchen die Rede ist, ist ein Geist, der zu mehr Wissen und zu mehr Forschung einlädt. Zugleich aber mahnt er zur Demut. Denn er wird in einem Atemzug mit Weisheit, Frömmigkeit und Gottesfurcht genannt.


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Dieser Beitrag wurde am 24.05.2018 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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