Morgenandacht, 23.05.2018

von Joachim Opahle aus Berlin

Bücherverbrennung oder: Gegen den Ungeist

„Zu Pfingsten, da sind die Geschenke am geringsten…“ Das ist alles, was manch einem zu Pfingsten einfällt. Dieser Spruch bringt eine Ratlosigkeit zum Ausdruck: das, was da im Evangelium berichtet wird über den Heiligen Geist und seine Wirkungen, das ist nicht ohne weiteres zu veranschaulichen. Während an Weihnachten ein Kind in der Krippe liegt, und an Ostern zumindest das Sterben Jesu sehr realistisch vor Augen steht, ist das Pfingstereignis viel abstrakter.

Was der Geist Gottes bewirkt, kann man noch am leichtesten dort sehen, wo er nicht da ist; wo er fehlt; wo ein Ungeist herrscht: Vor 85 Jahren, im Mai 1933 wurden überall in Deutschland Bücher verbrannt. Nur wenige Monate nach der Machtergreifung Hitlers begannen nationalsozialistische Studentenbünde an den Universitäten den sogenannten „Deutschen Geist“ von unliebsamen Gedanken zu bereinigen. Die Bücher verfemter Autoren wurden öffentlich verbrannt. Auf dem Bebelplatz in Berlins Mitte, gegenüber der Hedwigskathedrale, geriet die Bücherverbrennung zu einem besonders schaurigen mitternächtlichen Ritual. Mit pathetischem Gestus polemisierte Propaganda-Minister Göbbels gegen den „Ungeist der Vergangenheit“ und gegen den sogenannten „überspitzten jüdischen Intellektualismus“. Im Feuer landeten die Bücher von Thomas und Heinrich Mann, Sigmund Freud, Berthold Brecht, Heinrich Heine, Erich Kästner und anderen. Auf youtube kann man die Rede heute noch finden.

Ein Mahnmal erinnert an den Ort dieser Bücherverbrennung in Berlin: Ein unvermitteltes Loch im Boden, abgedeckt mit einer gläsernen Platte, gibt den Blick frei auf eine unterirdische Bibliothek; man sieht jedoch nur leere Regale. Alle Bücher sind weg. Der jüdische Künstler Micha Ullman erläuterte, sein Denkmal bestehe zum einen aus leeren Bücherregalen; zum anderen aber aus staunenden Betrachtern, die vor dem Loch stehen, nach unten blicken und sich fragen, wie wohl eine Welt aussehen würde ohne Bücher, ohne kritischen und oppositionellen Geist.

Das Denken der Anderen zu bestimmen und zu beherrschen, ihren Geist zu vereinnahmen, das ist immer wieder eine Versuchung der Mächtigen. Dagegen steht der biblische Geist Gottes, der zu Pfingsten in den Kirchen angerufen wird. Er hat viele Wirkungen; zu den wichtigsten gehört die Fähigkeit, Versöhnung zu stiften, Verhärtungen aufzulösen, Wunden zu heilen und Frieden zu schenken. Und er ist auch hilfreich, wenn es darum geht, die Geister zu unterscheiden. Denn nicht jeder Geist ist heilig, nicht jeden eigenen Vogel kann man als Boten Gottes ansehen.

Der Apostel Paulus beschreibt sehr konkret, welche Hinweise auf den Geist Gottes es gibt, wenn er in seinem Brief an die christliche Gemeinde in Galatien von den Früchten des Geistes spricht, nämlich Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Güte, Sanftmut und Treue (Gal 5, 22 – 25). Es sind Wirkungen des göttlichen Geistes, die besonders auf die Veränderung unseres Charakters abzielen. Manche damaligen Christen hatten diese Wirkungen offenbar vergessen, denn sie waren sehr zerstritten. An die Gemeinde in Kolossä richtet der Apostel beispielsweise die Mahnung: „Legt ab euern Zorn, Wut, Bosheit, Lästerung…Belügt euch nicht gegenseitig….Ertragt einander und verzeiht einander…Der Friede Christi regiere in euren Herzen….“ (Kol 3,8 – 15)

Das alles sind Wirkungen, die vom Geist Gottes ausgehen, wenn Christen sich diesem göttlichen Geist verpflichten und unter seiner Inspiration zusammenleben wollen. Leicht ist das nicht, und auch fromme Gläubige damals wie heute sind nicht vor Zorn, Bosheit, Lästerung und Lüge gefeit. Aber sie haben eine Anleitung, die sehr konkret und unmissverständlich ist.

In einem berühmten Hymnus aus dem 13.Jahrhundert wird sehr anschaulich bebildert, was der friedensstiftende Geist Gottes bewirkt. Er gibt den Müden Ruhe, spendet Kühlung in der Hitze, tröstet, die weinen. Und er kann noch mehr, denn in dem lateinischen Hymnus heißt es weiter:

„Wasche was schmutzig ist
Tränke was trocken ist
Heile was verwundet ist
Biege was erstarrt ist
Wärme was kalt ist
Leite was irre geht…“ (1)

(1)    Quelle: Stephan Langton, Hymnus Veni creator spiritus, in: Stefan K. Langenbahn: Veni, Creator Spiritus, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Band 10 (2001), 591–592


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Dieser Beitrag wurde am 23.05.2018 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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