Himmlische Wohnungen

Wort zum Tage, 16.05.2018

Rainer Dvorak aus Würzburg

Wer hier einkauft, muss nicht auf den Preis achten. Denn es gibt keine Preise und keine Kasse. In diesem Laden ist alles umsonst. Man geht einfach hin und holt sich, was man braucht. Ohne Bezahlung und ohne Gegenleistung. Ganz umsonst. Deshalb heißt dieser Laden auch Umsonstladen.

Knapp 100 von diesen Umsonstläden gibt es mittlerweile in Deutschland, meistens in größeren Städten. Sie heißen Nullkommanix, Brauchbar oder – schön hintergründig – Systemfehler. Die Idee ist einfach: Viele Menschen haben Dinge, die sie nicht mehr brauchen, aber die eigentlich „viel zu schade zum Wegwerfen“ sind. Damit die nicht im Mülleimer landen oder noch länger den Keller verstopfen, werden sie einfach im Umsonstladen vorbei gebracht. Andere Menschen suchen genau diese Dinge, wollen oder können dafür aber kein Geld ausgeben. Jeder kann kommen, auch wenn er nicht bedürftig ist. Einzige Bedingung: Er darf nicht mehr als drei Dinge mitnehmen und soll aus ihnen keinen Profit schlagen.

Umsonstläden stellen alles auf den Kopf, was man mit Konsum verbindet, zum Beispiel den Satz: „Was nichts kostet, ist auch nichts wert!“ Dinge, die für einen Menschen wertlos geworden sind, werden im Besitz eines anderen Menschen plötzlich wertvoll. Umsonstläden setzen damit ein Zeichen gegen Konsumwahn, Profitlogik und die Verschwendung von Ressourcen. Hier fließt zwar kein Geld, aber es kommt eine andere Währung ins Spiel: Die Genugtuung darüber, dass Dinge nicht mehr ungenutzt in der Ecke liegen und das gute Gefühl, vielleicht jemandem helfen zu können. Dazu das Strahlen in den Augen, wenn der dann ergattert hat, was er sich nicht leisten konnte.

Umsonstläden stehen für eine Binsenweisheit, die im Hamsterrad des Lebens gerne vergessen wird: Was ich mir im Leben wirklich wünsche, kann ich nicht kaufen: Ich kann mir das neueste Handy kaufen, aber nicht die Freude daran. Ich kann es mir womöglich leisten, mich in einen Golfclub einzukaufen, aber ob ich dort die Freunde finde, die ich mir erhoffe, davon steht nichts im Aufnahmevertrag. Und ich kann für Geld mein Leben versichern, mir aber nicht die Lebenszeit erkaufen, die ich noch genießen möchte.

Die Bibel hat das schon immer gewusst: Der Prophet Jesaja stellt die Grundsatzfrage: „Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht?“ Mit anderen Worten: Das Beste im Leben gibt es glatt umsonst. Gratis. Entweder ich lasse es mir schenken oder ich werde es nicht haben.


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Dieser Beitrag wurde am 16.05.2018 gesendet.


Über den Autor Rainer Dvorak

Dr. Rainer Dvorak, Jahrgang 1962, ist Direktor der Katholischen Akademie Domschule in Würzburg. Zuvor war er tätig als Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Würzburg, als Ökumenereferent der Diözese Würzburg und als Leiter von „Theologie im Fernkurs.“ Dvorak ist verheiratet und hat drei Kinder.

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