Morgenandacht, 12.05.2018

von Diakon Dr. Dr. Andreas Bell aus Köln

Maria

Hoffentlich können Sie sagen: Endlich Samstag! Morgen ist der Tag des Herrn und heute der seiner Mutter. Das ist uralte Tradition und weitest-gehend vergessen. In der alten christlichen Liturgie wurden manche Wochentage bestimmten Themen oder Personen gewidmet. Sonntag ist wie gesagt der Tag des Herrn, und die Kirche feiert seine Auferstehung, und da hat sich schon vor vielen hundert Jahren der Brauch entwickelt, den Tag vorher seiner Mutter Maria zu widmen. Sie lebte halt früher. Diese Widmung des Samstags an Maria ist auch deswegen in Vergessenheit geraten, weil die Marienfrömmigkeit insgesamt manch fragwürdige Blüte getrieben hat. Die Kirchen der Reforma­tion haben da sehr zu Recht einigen Wildwuchs kritisiert. Dabei hat alles ganz harmlos angefangen.

Gehen wir zurück ins fünfte Jahrhundert, als Maria den Titel „Gottesgebärerin“ bekam. Die junge Kirche wollte damit nur ausdrücken, dass ihr Sohn Jesus nicht bloß ein besonders frommer oder tugendhafter Mensch gewesen ist, sondern wirklich Gottes Sohn, also Mensch und Gott zugleich. Eigentlich wurde also nicht Maria als Frau mit besonderen Eigenschaften verehrt, sondern gemeint war ihr Sohn Jesus, weil er der Christus, der Gottessohn ist. Im Laufe der Jahrhunderte aber ist dann Maria gewisser­maßen in den Vordergrund gewandert, wo sie bis heute zuweilen ihren Sohn etwas verdeckt. Ich kann daher verstehen, wenn die typisch katholische Marienfrömmigkeit vielen Menschen fragwürdig erscheint. Die Theologie müsste in der Tat ein schärferes Auge darauf haben.

Heißt das jetzt, man soll die ganze Marienverehrung gleich über Bord werfen? Nein. Bei Licht betrachtet ist Maria enorm vielschichtiger und interessanter als diese ätherische Jungfrau aus bemaltem Gips.

Ein Blick in die Bibel bringt Klarheit. Über Maria als historische Person erfahren wir aus­gesprochen wenig. Sie nimmt stattdessen verschiedene Rollen ein. Zum Beispiel wird sie in der Verkündigung durch den Engel zum Prototypen des Gläubigen, der zunächst erschrickt, wenn er merkt, persönlich von Gott angesprochen zu sein. Dann zeigt Maria, dass der Glaube fruchtbar wird, wenn man die unverdiente Liebe Gottes ganz an sich heranlässt, sozusagen durch sich hindurch strömen lässt. Ab jetzt wird Maria ein paar Mal eher negativ geschildert. Zum Beispiel, wo sie im Markusevangelium mit Jesu Geschwistern auftaucht, nur damit Jesus die Gelegenheit hat, seine Jünger als wahre Geschwister zu bezeichnen. Also: Glaube geht vor Blutsverwandtschaft. Und zum Schluss zeigt Maria bei der Kreuzigung Jesu beispielhaftes Durchhaltevermögen und Treue.

Maria als Vorbild zu nehmen, heißt, ihre Rollen zu übernehmen. Sich zuerst einmal zu fragen: Traue ich Gott? Mache ich ernst damit, sein bedingungslos geliebter Sohn oder Tochter zu sein? Lasse ich die Liebe fruchtbar werden, indem ich selber zum Liebenden werde?

Marienverehrung kann sich aber auch in der Frage ausdrücken: Wie gehe ich mit meiner Familie, also meiner Herkunft um? Definiere ich mich darüber? Also bin ich ganz und gar Kind meines Vaters und meiner Mutter? Oder habe ich da was eigenes? Kann ich mich lösen von den Erwartungen und inneren Bildern der Eltern und mein eigenes Ding machen? Meinem Gewissen und meinen Überzeugungen treu bleiben?

Genau genommen ist ja Maria eine regelrecht antibürgerliche Frau. Schauen wir uns die Fakten an: Das Kind ist nicht vom Ehemann, und der verschwindet auch noch sehr bald aus der Erzählung. Der eigene Sohn behauptet, seine wahre Familie seien die Glaubensbrüder und –schwestern. Und trotzdem hält sie zu ihrem Sohn, wenn er als Schwerverbrecher verurteilt und hingerichtet wird.

In Wahrheit ist Maria also nicht das ewige Mädchen, sondern eine mutige und risikobereite Frau. Sie träumt nicht bloß von der Liebe, sondern lebt die Liebe und gibt sich ihr hin. Lässt sich von ihr verwandeln. Und sagt gewissermaßen als Krönung über sich: „Ich bin die Magd des Herrn.“ Also keines Menschen Magd. Niemandem untertan als einzig dem himmlischen Vater, der die Liebe ist. 

So wäre ich auch gerne.


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Dieser Beitrag wurde am 12.05.2018 gesendet.


Über den Autor Diakon Dr. Dr. Andreas Bell

Dr. Dr. Andreas Bell arbeitet in der katholischen Erwachsenenbildung. Nach den Studien der Chemie, Philosophie und Theologie war er als Sportimmunologe, Hochschulseelsorger und Lehrbeauftragter für medizinische Ethik tätig, bevor er vor elf Jahren zurück ins Heimaterzbistum Köln kam und dort den Dialog mit den Wissenschaften betrieb. Als Diakon predigt er an der Kölner Jesuitenkirche und Kunststation Sankt Peter. Kontakt
Andreas.Bell@Erzbistum-Koeln.de