Feiertag, 21.05.2018

von Pfarrer Lutz Nehk Aus Berlin

Der Feiertag der Ökumene - Pfingsten und die Folgen

Der Pfingstmontag gilt auch als Feiertag der Ökumene. Alle christlichen Konfessionen berufen sich auf das Pfingstfest als Geburtstag der einen Kirche, die sich im Verlauf der Geschichte mehrfach spaltete. Vielerorts feiern sie heute aber gemeinsam Gottesdienst und fragen sich: Wie kann die Spaltung überwunden werden? 

Die kleine Bäckerei und der große Autokonzern, der Fußballclub und das Gartencenter – Unternehmen, Vereine, Einrichtungen, sie alle haben ein Gründungsdatum. Einen Tag, an dem urkundlich festgelegt ist, dass sie existieren. Und das wird gefeiert. Vielleicht jedes Jahr, auf jeden Fall aber, wenn es ein Jubiläum gibt. 25, 50, 75, 100 Jahre und noch viel mehr. Mit Stolz macht man mit seinem Alter Werbung. Seit neunzehnhundertsoundsoviel! Alter ist hier kein Makel, sondern eine Auszeichnung, ein Qualitätsmerkmal. Was hat man nicht alles überstanden! Krisen, schlechte Zeiten, wirtschaftliche Flauten und Druck der Konkurrenz. Aber: Wir haben durchgehalten. Wir machen weiter.

Sie ist wohl eine der ältesten Institutionen der Welt: die Kirche. Sie ist kein Wirtschaftsunternehmen und kein Verein. Aber sie ist eine „Gemeinschaft aus Menschen gebildet“, die sich nach den Spielregeln menschlichen Zusammenlebens organisiert hat. Hat die Kirche auch ein Gründungsdatum? Gute Frage. Ja, Pfingsten. Pfingsten, übersetzt der 50. Tag nach Ostern, wird gemeinhin als Gründungsdatum der Kirche begangen.

Aber es taucht gleich eine zweite Frage auf: Welche Kirche ist denn eigentlich gemeint? Die lutherische oder reformierte Kirche? Die russisch, griechisch, syrisch orthodoxe Kirche? Die anglikanische Kirche? Die römisch-katholische Kirche? Die Zahl der Kirchen ist im Laufe der Geschichte unüberschaubar geworden. Und das ist ein Problem.

Der Pfingstmontag ist in Deutschland ein Tag, an dem viele Christinnen und Christen dieser Tatsache mutig ins Auge blicken. Vielerorts feiern sie heute gemeinsam Gottesdienst und sie fragen sich: Wie können die vielen christlichen Kirchen, zu einer Einheit finden? Wie kann die Spaltung überwunden werden? Wie kann man mit den entstandenen Unterschieden leben?  Wie können Christen gemeinsam stolz sein auf das Erbe, das sie mit der Idee der Gründung verbindet? Der Pfingstmontag ist der Feiertag der Ökumene.

Am Anfang der Kirche stehen die von Jesus berufenen Jünger

Wenn Christinnen und Christen in ihren Gottesdiensten ihren Glauben bekennen, dann sprechen sie das „apostolische Glaubensbekenntnis“. Das ist ein Text, der die wichtigsten Glaubensinhalte in kurzer und prägnanter Form zusammenfasst. Es ist der Glaube an Gott, den Vater, an Gott, den Sohn und an Gott, den Heiligen Geist. Von Bedeutung ist hier die Bezeichnung „apostolisch“. Das soll deutlich machen: Dieser Glaube ist der Glaube des Anfangs, der Glaube, der von den Aposteln überliefert wurde. Er macht die Kirche zu einer apostolischen Kirche. In katholischen Gotteshäusern gibt es einen schönen Hinweis auf dieses von den Aposteln gelegte Fundament des Glaubens. Es sind die zwölf „Apostelleuchter“, Kerzenleuchter die an der Wand abgebracht sind und an hohen Feiertagen angezündet werden.

Das ist ein wichtiger Hinweis auf die Gründungsidee: Jesus lädt Menschen ein – beruft sie – mit ihm zu gehen, von ihm zu lernen und mit ihm zu arbeiten. Es sind einfache Leute. Keine Mächtigen, keine Reichen, keine Bildungsbürger, nicht die Weisen und Klugen. Er nennt sie einmal „die Unmündigen“ (vgl. Matthäusevangelium 11,25). Mit ihnen beginnt er seinen Weg und seine Botschaft. Die Kerngruppe seiner Jünger, seiner Schülerinnen und Schüler sind die Apostel.

„Die Namen der zwölf Apostel sind: an erster Stelle Simon, genannt Petrus, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes, Philippus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus, Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn ausgeliefert hat.“ (Matthäusevangelium 10, 2-4)

Die Gründungsidee: Menschen führen das Werk Jesu weiter

Die Gründungsidee der Kirche ist also eine Gemeinschaft von Menschen. Sie begleitet ihren „Herrn und Meister“ in den Jahren seines öffentlichen Wirkens. Sie wird auch die Gemeinschaft sein, die das Werk Jesu auf Erden weiterführt. Er überträgt ihnen die Verantwortung für die Frohe Botschaft vom Reich Gottes.

„Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder, einige aber hatten Zweifel. Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Matthäusevangelium 28, 16-20)

Wenn Christinnen und Christen der vielen Kirchen heute (am Pfingstmontag) gemeinsam Gottesdienst feiern, dann ist das für sie eine Feier der Gemeinschaft im Glauben. Ein Wort wird dabei immer wieder in dem Mittelpunkt gestellt: die Einheit. Sie ist eine ganz wichtige Gründungsidee der Kirche. Besonders im Johannesevangelium wird an dieses Anliegen Jesu ausführlich erinnert.

Für Jesus ist klar: Der Vater – im Himmel – und er, der Sohn, der Mensch geworden ist, sind eine unzertrennbare Einheit. „Ich und der Vater sind eins“, sagt er und wird darüber auch nicht mit den Schriftgelehrten diskutieren (vgl. Johannesevangelium 10, 30). Diese Einheit mit dem Vater ist für ihn der Maßstab der Einheit seiner Jüngerinnen und Jünger mit ihm und untereinander.

„Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit.“ (Johannesevangelium 17, 21-23)

Die Vorgabe Jesu: Gemeinschaft und Einheit

Gemeinschaft und Einheit – zwei starke Gründungsideen der Kirche. Sie sind die Vorgaben, mit denen Jesus die Gemeinde seiner Jüngerinnen und Jünger vertraut macht. Er selbst lässt sie die Gemeinschaft und Einheit erfahren. Da sind zum einen die vielen Gespräche, die Jesus immer wieder mit seinen Jüngern führt. Er führt sie ein in die Idee seiner Sendung. Er braucht sie ja nicht als einfache Mitläufer. Sie sollen im Herzen ergriffen, überzeugt sein: Das ist der richtige Weg, ein Weg der für die Menschen gut ist. Ja, manchmal scheint Jesus auch etwas ernüchtert zu sein, wenn er sie fragt: „Begreift und versteht ihr immer noch nicht? Ist denn euer Herz verstockt?“ (Markusevangelium 8, 17) Und es ist das gemeinsame Essen, das ein starkes Zeichen der Einheit und der Gemeinschaft ist. Ob es nun die kleine Runde, die wunderbare Speisung vieler Tausend Menschen oder das Essen mit Zöllnern und Sündern ist. Das gemeinsame Brotbrechen wird ein Erkennungszeichen der Gemeinschaft der Jünger.

Er wird sie mit diesen Erfahrungen ausgestattet nach seiner Himmelfahrt in der Welt zurücklassen. Was aber geschieht, wenn der Herr und Meister nicht mehr da ist?

„Gottes Beistand wird kommen“ – Pfingsten!

Jesus lässt die Apostel und die vielen anderen Jüngerinnen und Jünger über die Zukunft nicht im Unklaren. Er wird bald nicht mehr da sein. Er wird zu seinem Vater gehen und für seine Freunde einen Platz vorbereiten. Und als ob der das Entsetzen spürt, das diese Ansage auslöst fügt er hinzu:

„Ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit. Der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Johannesevangelium 14, 16-17.26)

Hier wird Pfingsten angekündigt. Hier wird der Geist angekündigt, der auf die Apostel und Maria, die Mutter Jesu, herabkommen wird. Der Geist, der wirkt, dass alle Menschen die eine frohe Botschaft in vielen Sprachen verstehen.

Rein äußerlich sind ja die Feuerzungen, die auf die Jünger herabkommen, das Zeichen des Pfingstfestes. Es geht aber um eine innere Kraft, die wirkt. Eine Kraft, die zusammenhält. Wie groß war doch die Versuchung, auseinander zu gehen. Das Unternehmen als beendet zu erklären. Das ist jetzt vergessen. Die Jünger erfahren den Geist als eine Ermutigung den gemeinsamen Weg fortzusetzen. Den Leuten von ihrem Weg mit Jesus zu berichten. Davon, wie er Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Bösen waren. Wie Gott sich in diesem Jesus offenbart hat (vgl. Apostelgeschichte 10, 38). „Jesus Christus ist der Herr aller.“ Dieses öffentliche Bekenntnis der Jünger, ist ein Werk des Geistes. Pfingsten wird der Gründungstag der Kirche.

Es ist erstaunlich, wie rasant in der Apostelgeschichte das Wachstum dieser neuen Gemeinschaft beschrieben wird. „Sie lobten Gott und fanden Gunst beim ganzen Volk. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.“  (Apostelgeschichte 2, 47) An einem Tag waren es dreitausend, an einem anderen fünftausend. Und dann dies: Saulus, einer der ärgsten Feinde der Jüngergemeinde Jesu bekehrt sich, lässt sich taufen und wird zu einem der engagiertesten und erfolgreichsten Verkünder der Botschaft von der Auferstehung Jesu. Die Gemeinde wächst nicht nur in Jerusalem, nicht nur in der jüdischen Gemeinschaft. Leute, die nicht dazu gehören, sie werden die Heiden genannt, kommen zum Glauben an den Auferstandenen, empfangen ebenso den Heiligen Geist und werden getauft. Für sie wird man auch die Voraussetzungen der Zugehörigkeit erleichtern: Wer nicht zur jüdischen Religion gehört, muss auch die Gesetze und Rechtsvorschriften nicht einhalten, bis auf wenige Ausnahmen. Das müssen ungeheuerliche, vielleicht sogar beängstigende Erfahrungen gewesen sein, die dieses Pfingstereignis ausgelöst hat.

Heute muss es um das gemeinsame Fundament gehen

Es ist ja schon etwas kurios: Am Pfingstsonntag wird der Geburtstag, der Gründungstag der Kirche gefeiert. Und tags darauf steht der Defekt der Einheit, einer der wesentlichen Gründungsideen auf der Tagesordnung. Unter den Gläubigen wächst der Wunsch nach Einheit. Es wird auch immer mehr das Unverständnis darüber deutlich, dass viele Dinge nicht möglich sind. Die theologischen und kirchenrechtlichen Fragen und Probleme sind für viele keine ausreichende Begründung. Mehr noch wird es als Ärgernis empfunden, wenn deutlich erkannte Möglichkeiten der Öffnung und Erleichterung nicht verwirklicht werden.

Gewiss. Es gibt auch Viele, die der ganzen Ökumene distanziert gegenüberstehen. Sie haben vielleicht Angst, ihre konfessionelle Identität zu verlieren. Wird jetzt alles katholisch? Wird jetzt alles evangelisch?

Aber gerade um diese Frage geht es am Pfingstmontag nicht. Es geht um das Evangelische, das Orthodoxe und das Katholische, das der einen Kirche innewohnt. Das gemeinsame Haus hat ein gemeinsames Fundament. Das soll heute herausgestellt werden. Dankbar dürfen Christen für die gemeinsamen Wurzeln in der Frohen Botschaft Jesu sein.

Was Paulus der damals noch jungen Gemeinde in Galatien geschrieben hat, das ist heute allen christlichen Kirchen gesagt:

„Alle seid ihr durch den Glauben Söhne und Töchter Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ (Galaterbrief 3, 26-28)

Wenn sich die getrennten Kirchen am Pfingstmontag treffen, um in Gottesdiensten die Ökumene zu „feiern“, dann ist es die Einsicht um die Notwendigkeit der Hilfe Gottes, bei diesem Unternehmen. Darum setzt sie ihre Hoffnung auf das Gebet Christi für die Kirche, auf die Liebe des Vaters zu uns und auf die Kraft des Heiligen Geistes. Auf die Kraft, die am Pfingsttag wahrgenommen wurde, als der Geist, in dem eine große Gemeinschaft entstehen kann.

Papst Franziskus lenkt den Blick heute auf Maria

Von Papst Franziskus kam nun die Anweisung, den Pfingstmontag zum „Gedenktag Marias, Mutter der Kirche“ zu machen. Ist damit der Pfingstmontag als „Feiertag der Ökumene“ vom Tisch? Maria, Heiliger Geist und Einheit der Kirche schließen sich gegenseitig ja nicht aus. Immerhin ist Maria durch das Wirken des Geistes Gottes schwanger geworden und hat den Sohn zur Welt gebracht. Sie hat ihren Sohn von der Geburt bis unter das Kreuz begleitet. Und schließlich hat sie zusammen mit den Aposteln am Pfingsttag den Heiligen Geist empfangen.

Ich finde es sehr angemessen, dass Papst Franziskus Maria nicht als „Königin der Kirche“, sondern als „Mutter der Kirche“ sieht. Hier wird die „Männerkirche“, die sie faktisch, aber nicht theologisch ist, durch dieses wichtige weiblich, mütterliche Element entkrampft.

In Maria eine Mitstreiterin für die Einheit der Kirche zu sehen ist eine gute Idee. Das ist gewiss eine sehr katholische und wohl auch orthodoxe Sicht. Aber die evangelische Kirche hat Maria nicht verbannt. Viele alte evangelische Gotteshäuser sind Marienkirchen. Ein guter Ansatz für eine gemeinsame Marienfrömmigkeit.

In Marienwallfahrtskirchen kann man immer wieder kleine Tafeln sehen, auf denen Menschen der Gottesmutter für ihre Hilfe in der Not danken.  Vielleicht findet sich dann ja mal an einem Wallfahrtsort eine solche Tafel der Ökumenischen Räte: „Maria hat geholfen.“


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 21.05.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche