Am Sonntagmorgen, 03.06.2018

von Eva-Maria Will aus Köln

Was im Angesicht des Todes trägt.

Zugverspätungen und längere Bahnhofsaufenthalte haben manchmal auch ihr Gutes: Dann nutze ich die geschenkte Zeit, um in der Buchhandlung die Auslagen sowie die Bestsellerliste zu studieren. Bei einem solchen Rundblick fallen mir immer wieder die vielen Titel der Ratgeberliteratur auf, die auch vor den Fragen rund um Tod und Trauer keinen Halt macht. Die große Auswahl zeigt an, dass es offensichtlich einen Markt dafür gibt. Natürlich stößt Ratgeberliteratur bei solch existentiellen Fragestellungen an ihre Grenzen. Das erklärt, warum es auch eine steigende Nachfrage nach Selbsthilfegruppen sowie Begleitung durch Therapeuten und Seelsorger gibt. Aber wie kommt es, dass der Bedarf immer größer wird?

In unserer Gesellschaft haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht zuletzt aufgrund wachsender Mobilität viele Familienstrukturen aufgelöst. Ausbildung und Beruf führen dazu, dass die erwachsenen Kinder nicht mehr selbstverständlich am selben Ort wohnen wie ihre Eltern. Viele Menschen leben zudem allein. Hinzukommt, dass unsere Gesellschaft immer älter wird. Frauen werden im Durchschnitt etwa 83 Jahre alt und überleben ihre Ehemänner durchschnittlich um rund fünf Jahre. Und wenn dann die Angehörigen und Freunde wegsterben, stehen viele hochaltrige Menschen allein da.

Das war früher meist anders. Ich erinnere mich gut daran, was ein alter Freund der Familie gern erzählte, wenn er von den letzten Tagen seiner Großmutter sprach:

Sprecher
Als meine Oma sehr krank wurde, holten meine Eltern sie zu uns nach Hause. Meine Mutter kochte ihr das, was sie noch essen und vertragen konnte. Sie las ihr die Briefe vor, die ihr Bruder an meine Großmutter geschrieben hatte. Und als es ans Sterben ging, wachte nicht nur meine Mutter an ihrem Bett, sondern nach und nach kamen auch mein Vater und meine Tanten und Onkel. Sie waren dabei, als meine Großmutter starb. Sie weinten und hielten ihr abwechselnd die Hand. Dann wuschen die Frauen meine Oma und zogen ihr das schwarze Kleid an. Als sie aufgebahrt war, durften auch wir Kinder zu ihr. Sie sah ganz friedlich aus. Am nächsten Tag kamen auch andere Angehörige, um Abschied zu nehmen. Die Nachbarn gingen in unsere Kirche und hielten die Totenwache: Sie beteten in den Tagen bis zur Beerdigung für meine Großmutter den Totenrosenkranz. Das war sehr tröstlich.“

Dieses gemeinsame Tun war bereits ein Teil der Trauerarbeit. Doch heute sind mit den fehlenden Sozialstrukturen auch oft die Trauernetzwerke weggebrochen. Wer ist noch da, wenn ein Mensch stirbt? Und wer weiß, was dann zu tun ist? In Deutschland gibt es eine lange vom Juden- und Christentum geprägte Tradition der rituellen Begleitung rund um das Lebensende. Feste Riten und Bräuche stellen dabei eine Art Geländer dar, an dem man sich entlang bewegen kann. Bekannte Abläufe helfen, wenn eine Krise kommt. Doch in unserer individualisierten Gesellschaft wird heute vieles infrage gestellt. Das führt dazu, dass man neue Antworten finden und Entscheidungen fällen muss, die früher gar nicht möglich, aber eben auch nicht nötig waren: Wie soll die Großmutter bestattet werden? Sarg oder Urne, Friedhof oder Friedwald oder gar Bestattung auf hoher See? Soll es einen Gottesdienst geben? Ist eine Todesanzeige in der Zeitung sinnvoll und notwendig? Und was tun, wenn im Betrieb ein Kollege oder in der Schule eine Lehrerin stirbt? Und wenn man keine Antwort auf die Fragen weiß? Dann ist guter Rat teuer. Oft bleibt eine Leerstelle übrig. Das verunsichert.

Vor diesem Hintergrund ist auch folgende Begebenheit zu sehen, die mir vor einigen Wochen eine ehemalige Kollegin erzählt hat:

Sprecherin
 Wegen eines akuten Nierenleidens musste ich ins Krankenhaus. Bei der Operation gab es jedoch Komplikationen, und ich musste eine Weile auf der Intensivstation bleiben. Die Tage waren oft sehr lang. Wie schön war es dann, wenn jemand zu mir ans Bett kam, um etwas Ablenkung zu bringen. Meine beste Freundin und ihr Mann kamen zwei Mal zu Besuch. Genau genommen war es nur Christa, meine Schulfreundin, die mich besuchte. Denn Helmut, ihr Mann, blieb beide Mal im Foyer sitzen und wartete, bis seine Frau den Besuch bei mir beendet hatte.“

Helmut war es offensichtlich unangenehm, die schwerkranke Frau zu besuchen. Ich weiß von mir selbst, wie schwer es sein kann, auf kranke Menschen zuzugehen. Der Gedanke daran bereitet mir oft schon Unbehagen, weil es nicht leicht ist, einen Menschen leiden zu sehen. Das rührt an und bringt mich in Verlegenheit. Was soll ich nur sagen? Was ist, wenn ich die falschen Worte wähle? Außerdem könnte es sein, dass Menschen in einer solchen Situation lieber in Ruhe gelassen werden wollen? Doch die Erfahrung zeigt, dass die meisten Menschen dankbar reagieren, wenn man sie besucht oder sich überhaupt meldet.

Es gibt eine ermutigende Geschichte, die wahrscheinlich vielen bekannt ist, die aber in diesem Zusammenhang sehr anschaulich macht, worauf es ankommt: In dieser biblischen Erzählung will ein Gesetzeslehrer von Jesus wissen, was das wichtigste Gebot ist, und wer sein Nächster ist, dem er sich zuwenden soll. Selbstverständlich kennt der Schriftgelehrte die Regeln und das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe, aber er will Jesus austesten. Wörtlich heißt es im Lukasevangelium (Lk 10,25-37):

Sprecher
Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben! Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging vorüber. Ebenso kam auch ein Levit zu der Stelle; er sah ihn und ging vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam zu ihm; er sah ihn und hatte Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Und am nächsten Tag holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien meinst du, ist dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle du genauso!

Was ist das Entscheidende an dieser Geschichte? Für mich ist es etwas ganz Schlichtes: Jesus lädt den Gesetzeslehrer ein, einmal die Perspektive zu wechseln, um tatsächlich begreifen zu können, was der Sinn des Gebotes ist. Er bittet den Mann also, sich in die Lage des Verletzten hineinzuversetzen, mehr noch, sich in ihn hinein zu fühlen und etwa folgende Fragen zu stellen: Wie fühle ich mich wohl, wenn man meine Taschen durchwühlt und mich bestohlen hat? Wie mag es mir gehen, wenn ich schwer verletzt und hilflos am Boden liege? Was könnte ich empfinden, wenn jemand nach einem flüchtigen Seitenblick einfach vorübergeht?

Der Schlüsselsatz in dieser Geschichte lautet: „Er sah ihn und hatte Mitleid“ (V. 33). Das Mitgefühl wird zum spontanen Impuls zu handeln. Der Samariter überlegt nicht erst, ob er Lust hat, dem Fremden zu helfen, ob das gerade in seinen Terminkalender passt und was er dafür als Lohn erhält, sondern er wird einfach aktiv.

Sprecher
Das Tun des Samaritersist ein Handeln, das nicht aus einem Gebot, einem Gesetz, einer Vorschrift, einem Grundsatz erfolgt, sondern aus der freien Entscheidung eines mitfühlenden Menschen heraus[1],

so Reimer Gronemeyer und Andreas Heller in ihrem Buch „In Ruhe sterben“.

Genau das ist für den Evangelisten Lukas der Geist christlicher Nächstenliebe. Sie fragt nicht danach, wer der andere ist, sondern wem ich mich als Nächster erweisen kann. Und dann heißt es weiter:

Sprecher
„Und am nächsten Tag holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“ (V. 35)

Nachdem der Samariter die Erstversorgung des Verwundeten geleistet hat, bringt er ihn in eine Herberge und gibt ihn in die Hände des Wirtes, der den fremden Gast pflegt. Genau das ist auch die Idee der Hospizbewegung:

Sprecher
Sie begreift menschliches Leben als Pilgerschaft, das auf Gastfreundschaft angewiesen ist, um Weg und Ziel zu finden. Hospize bieten eine absichtslose Gastfreundschaft an im bedingungslosen Interesse am anderen um seiner selbst willen[2].

Deshalb wird jeder Mensch, der in ein Hospiz kommt, auch respektvoll Gast genannt, denn er ist kein „Fall“, sondern eine Persönlichkeit.

Ein weiteres Schlüsselwort in der Geschichte vom barmherzigen Samariter ist das der „Sorge“. Der Samariter bleibt beim Ausgeraubten, der am Wegesrand liegt und kümmert sich um dessen Wunden. Dafür haben wir in Deutschland heute ein ausgebautes und vernetztes Gesundheitssystem: In Kranken­häusern, aber auch in Alten- und Pflegeheimen und Hospizen wird die medizinische Versorgung sichergestellt. Aber genügt das? Nein, das allein reicht sicher nicht aus. Denn viele Menschen leiden ja nicht nur an einer Krankheit oder unter heftigen körperlichen Schmerzen, die zumindest teilweise durch Medikamente gut gelindert werden können, sondern sie leiden an Einsamkeit, der quälenden Verzweiflung über Fehler und Versäumnisse in ihrem Leben und der Angst vor dem Sterben.

Es geht also nicht nur um Pflege, sondern – wie Gronemeyer und Heller anmerken - um sehr viel mehr: um menschlichen Beistand, um Respekt, um Würde.

Sprecher
Uns muss die Frage beschäftigen, „wie es gelingen kann, die wachsende Zahl älterer, hochaltriger und sterbender Menschen so zu umsorgen, dass sie nicht als ein Entsorgungsproblem gesehen werden, sondern als Aufgabe einer humanen Gesellschaft und einer kompetenten, empathischen und würdigenden Sorge.[3]

Wer andere umsorgen will, schafft einen geschützten Raum – im Gleichnis eine Herberge -, in dem Menschen aus ihrem Leben erzählen können. Menschen, die Schwerkranke besuchen, bringen vor allem Zeitgeschenke mit und sind ansonsten einfach da. Sie halten den Kummer aus, hören zu und erkennen, wenn noch etwas geregelt werden muss. In einem Fall ging es um einen Vater, der im Sterben lag und dessen Wunsch es war, noch einmal seine vier erwachsenen Kinder zu sehen. Erst als auch seine älteste Tochter aus dem Ausland angereist war und er mit ihr am Sterbebett sprechen konnte, war er soweit: Er konnte Abschied nehmen und in Ruhe und Frieden sterben. Wer mit Menschen in einer solchen Situation sprechen will, tut das oft weniger mit Worten als mit einem Händehalten oder einer Umarmung. In stationären und ambulanten Einrichtungen, aber auch in Kirchengemeinden gibt es mehr Männer und Frauen, als wir denken, die sich beispielsweise in Besuchsdiensten freiwillig und unentgeltlich um Kranke oder Trauernde kümmern. Sie verstehen diesen Dienst als Ehrensache. Viele handeln dabei aus dem Geist christlicher Nächstenliebe, tun das Menschenmögliche und überlassen dann alles Weitere einer größeren Macht. Wer glaubt, vertraut darauf, dass Gott aus Liebe für seine Geschöpfe sorgen wird, und dass er den Weg für sie kennt.

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter lädt Jesus ein, die Blickrichtung zu ändern und auf den Samariter zu schauen, der dem Verwundeten ganz nah kommt und dessen Schmerz teilt. Gleichzeitig wird der Helfer dabei auch mit seiner eigenen Verletzlichkeit konfrontiert - sowie jede Begegnung mit einem Todkranken auch uns mit unserer eigenen Sterblichkeit in Berührung bringt. Diese Erfahrung kann jedoch durchaus heilsam sein, weil wir so auch unser eigenes Leben in einem neuen Licht sehen können: Was wäre, wenn auch ich bald sterben müsste? Wie würde ich dann auf mein bisheriges Leben schauen? Und auf die Menschen um mich herum? Was würde ich dann vielleicht ändern oder was würde ich noch regeln wollen? Auf was hoffe ich, wenn mein Leben endet?

Solche und andere Fragen kommen mir auch in den Sinn, wenn ich an einer Beerdigung teilnehme oder wenn ich in einer Kirche eine Kerze anzünde und dabei an einen Verstorbenen denke. Gedanken an die eigene Endlichkeit nicht auszuweichen, sondern bewusst damit umzugehen, gehört zu dem, was man traditionell die „Kunst des Sterbens“ – „ars moriendi“ nennt. Und was uns letztlich im Angesicht des Todes tragen kann, ist wahrscheinlich das, was uns auch im Leben trägt: die Liebe, die sich selbst verschenkt, und eine Grundhaltung, in der der Tod als Teil des Lebens angenommen werden kann.

Diese Kunst des Liebens und Sterbens können wir ein Leben lang einüben - bis unsere eigene letzte Stunde kommt.


[1]   Reimer Gronemeyer und Andreas Heller, In Ruhe sterben,
    Ebd. S. 285.
[2] Ebd. S. 87.
[3] Ebd. S. 30.


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Dieser Beitrag wurde am 03.06.2018 gesendet.


Über die Autorin Eva-Maria Will

Eva-Maria Will arbeitet als Diözesanreferentin im Erzbistum Köln. Sie wurde 1963 in Hannover geboren, studierte katholische Theologie, Kunstgeschichte und Christliche Archäologie in Trier und Bonn und war lange überwiegend in der Frauenseelsorge tätig. 2015 hat sie den Fachbereich Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln aufgebaut und ist seitdem als Referentin dort tätig. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Qualifizierung von Haupt- und Ehrenamtlichen. Eva-Maria Will ist verheiratet und hat zwei Töchter. Kontakt
Internet: www.abschied-trost.de
Email:eva-maria.will@erzbistum-koeln.de