Wort zum Tage, 21.04.2018

Andreas Brauns aus Schellerten

Dem Leben trauen

Henri Nouwen zählt zu den wichtigen geistlichen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Mehr als 40 Bücher über die christliche Spiritualität hat er geschrieben. Der 1996 verstorbene Priester und Psychologe stammte aus den Niederlanden, er forschte und lehrte viele Jahre in den Vereinigten Staaten, engagierte sich in Lateinamerika. Obwohl er als Experte für Psychologie und Spiritualität hoch angesehen war, suchte er ruhelos einen Ort, an dem er leben konnte. Mit weit über 50 Jahren wurde er fündig: In Kanada zog er in eine Lebensgemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderung. Hier, weitab von allen akademischen Diskussionen fand er eine Heimat.

Ruhe allerdings nicht, aber es gelang ihm, dem ruhelosen Mann, für viele Menschen da zu sein, sich ihnen zuzuwenden. Viele der 16.000 Briefe, die er im Lauf seines Lebens bekommen hat, belegen das. Jetzt, mehr als 20 Jahre nach seinem Tod sind einige seiner Antwortbriefe erschienen.  Überschrieben mit den Worten, mit denen er seine Briefe beendet hat: „Love, Henri“ – „In Liebe, Henri“.

Wer die Briefe liest, sieht einen Mann vor sich, der mit sich selbst ringt. Der leidet unter Einsamkeit und Depressionen. Der mehr und mehr erkennt: die einzige Möglichkeit aus dem Leid herauszufinden, besteht darin, es durchzustehen.

Nouwen legt in seinen Briefen Zeugnis ab vom Leben, ohne es fromm zu kaschieren. Er ist davon überzeugt: Erst, wenn man seine Schwächen mit anderen teilt, ist Heilung möglich. Doch wir versuchen, unsere Schwächen um jeden Preis zu verbergen, führen schließlich ein Doppelleben. Und das ist für ihn der entscheidende Punkt: „… ein Leben, mit dem wir uns der Welt, uns selbst und Gott gegenüber als eine Person präsentieren, die alles unter Kontrolle hat – und ein anderes Leben, in dem wir uns unsicher und völlig außer Kontrolle fühlen. Die Kluft zwischen diesen beiden Leben bringt viel Leid hervor.“ Dieses Leid kommt für den Psychologen vor allem aus dem Verdrängen. So lange diese Kluft zwischen den beiden Leben ignoriert wird, bleibt der Mensch gefangen. Das aber heißt für Nouwen: „dass wir ein freies Leben führen können, wenn wir mit anderen bereit sind, der Realität unserer Existenz ins Auge zu sehen.“

Wer seine eigene Gebrochenheit anschauen kann, muss nicht verzweifeln. Diese Gebrochenheit ist vielmehr eine Quelle der Hoffnung, weil das Ich eine Chance bekommt. Ich erreiche mich selbst unter all den Trugbildern meines Lebens. So kann ich mein Leben in die Hand nehmen, kann auf andere zugehen.

Das klingt befremdlich, doch Henri Nouwen hat erfahren: Wer so lebt, lebt wirklich. Wer über das erfahrene Leid spricht, kann angstfrei mit anderen dem Leben trauen.


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Dieser Beitrag wurde am 21.04.2018 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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