Wort zum Tage, 19.04.2018

Andreas Brauns aus Schellerten

Woran glaubt Gott?

„Sage mir, was für einen Gott du hast, und ich sage dir, wie es um deine Menschlichkeit steht“. Das ist ein Satz, den vermutlich viele heute noch unterschreiben würden: „Sage mir, was für einen Gott du hast, und ich sage dir, wie es um deine Menschlichkeit steht“.

Mouhanad Khorchide, ein islamischer Gelehrter in Münster, sagt es ähnlich: „Sage mir, woran dein Gott glaubt, und ich sage dir, wie es um deine Menschlichkeit steht.“ Woran dein Gott glaubt? Gott? Der kann nur an sich selbst glauben. Er ist Gott. Aber was wäre das für ein Gott? Einer, dem es nur um sich geht… Wäre das nicht ein kleiner Gott?

So ein Gott wäre jedenfalls kaum in Einklang zu bringen mit dem Gott, von dem in den biblischen Büchern erzählt wird. Denn schon nach der ersten Seite ist klar: Gott geht es nicht um sich, ihm geht es um Beziehung. Gott hat seine Geschichte mit den Menschen. Ihnen traut er viel zu. Ja, „Gott glaubt an den Menschen“, so sagt es auch der muslimische Religionspädagoge Khorchide in seinem gleichnamigen Buch.

Khorchide geht es auf dem Hintergrund von Koran und Tradition um Menschenfreundlichkeit, denn so ist Gott für ihn: Menschenfreundlich. Der muslimische Gelehrte liest aus dem Koran: Gott glaubt an den Menschen, der sich nicht verschließt. „Wer ein mündiger Gläubiger sein will, muss sich öffnen und sich von allen Abhängigkeiten befreien.“ Dazu gehört auch die Gefangenschaft in den Wänden der eigenen Tradition. Das sind starke Worte. Sie treffen die Gläubigen aller Religionen, die allein Tradition zum Maß ihres Lebens machen. Und wie viele, die an eine wie immer geartete himmlische Macht glauben, versuchen in unruhigen Zeiten Halt zu finden in der Tradition. Damit aber igeln sie sich ein. Sie schauen zurück und müssen doch ins Morgen gehen. Lösungen von gestern sind da meist nicht hilfreich.

Und ein Sich-Verschließen widerspricht dem Wesen des Menschen. Der Mensch ist als Geschöpf darauf ausgerichtet, aus sich hinauszugehen, Kontakt aufzunehmen. Tatsache ist jedoch: Menschen öffnen sich immer nur bedingt und viel zu oft gar nicht aus Angst vor Veränderung. Wer kennt das nicht und wer macht schon gern unsichere Schritte? Aber wenn ich mich von vorneherein weigere, mich mit neuen Gedanken auseinanderzusetzen, bin und bleibe ich in mir gefangen.

Wenn Gott an den Menschen glaubt, dann hat das für Mouhanad Khorchide Folgen. „Für den Gläubigen bedeutet dies, dass der Glaube an Gott auch die Wertschätzung seines edelsten Geschöpfes beinhaltet, nämlich des Menschen.“ Und dazu gehört, dass ich mich den Mitmenschen gegenüber öffne, eben menschenfreundlich bin. Nach neuen Wegen ins Morgen suche, damit Gottes Zutrauen in den Menschen nicht enttäuscht wird.


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Dieser Beitrag wurde am 19.04.2018 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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