Wort zum Tage, 18.04.2018

Andreas Brauns aus Schellerten

1. Person Singular

Der frühere Erfurter Bischof Joachim Wanke hat die Gabe, mit wenigen Worten viel zu sagen. Einmal hat er es so auf den Punkt gebracht: „Außerhalb der ersten Person Singular gibt es keine Wahrheit des Evangeliums.“ Für mich heißt das: Ohne das „Ich“ hat das Evangelium keine Chance. Denn seine Wahrheit: ´Mensch, du brauchst keine Angst um dich zu haben´, sie meint mich. Wenn das mit dem „Ich“ stimmt, dann ist es doch mehr als verwunderlich, dass ausgerechnet in der Kirche meist nur vom „wir“ die Rede ist, von „Schwestern und Brüdern“, von der „Gemeinde“. Das „Ich“ muss ich dagegen suchen…

Die erste Person Singular, das „Ich“ ist geradezu verpönt. Dabei sind Ich-Sätze so einfach. Jedes Kind lernt sie in der ersten Klasse. Aber Kirchenleuten fällt das mit dem Ich ziemlich schwer. Ihnen ist das Ich abhandengekommen.

„Außerhalb der ersten Person Singular gibt es keine Wahrheit des Evangeliums.“ Das heißt doch: Diese Wahrheit hat unmittelbar mit mir zu tun: Mensch, du brauchst keine Angst um dich zu haben. Denn ich, dein Gott, bin bei dir. Ich weiß um deine Hoffnungen, deinen Glauben und deine Zweifel. Dieser Gott ruft mich: „Kehr um und glaub an das Evangelium!“ Ich selbst bin es, der sich von dem Wort Jesu so berühren lassen kann, dass ich z.B. ohne Angst die Menschen in den Blick zu nehmen vermag, die Jesus selbst im Blick hatte. Das ist die Wahrheit des Evangeliums: Ich kann angstfrei leben.

Mit anderen kann ich Jesus zwar in der Gemeinde bezeugen, doch ich kann nicht im Zeugnis der anderen abtauchen. Das „Wir“ ersetzt nicht das „Ich“. „Erst das „ich“ macht überhaupt ein „Wir“ möglich. Ich selbst bin also gefragt. Denn nicht „wir“ glauben, ich glaube, ich habe meine Zweifel. Und so bekennen Christen im Glaubensbekenntnis auch ihren Glauben. Ganz persönlich.

Und nur ich selbst kann für mich sagen: Ja, ich teile das, was ich habe. Ich teile – ich warte nicht darauf, bis das „wir“ vielleicht irgendwann auch mal damit beginnt. Manchmal braucht das „wir“ das eine oder andere „ich“, damit das „wir“ anders handelt. Also: Ich bin gefragt. Denn „außerhalb der ersten Person Singular gibt es keine Wahrheit des Evangeliums“.

Solidarisch leben kann ich zwar von anderen fordern, doch es ist viel überzeugender, wenn ich selbst damit anfange. Dann hat die Botschaft des Evangeliums eine Chance, dann verändert sich die Welt. Wenn auch nur an einem einzigen Punkt.

„Außerhalb der ersten Person Singular gibt es keine Wahrheit des Evangeliums“. Diesen Satz habe ich mir aufgeschrieben und auf den Schreibtisch geklebt, damit ich nicht vergesse: Das Wort Gottes meint nicht die Kirche oder die Gemeinde. Nein, es meint mich.


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Dieser Beitrag wurde am 18.04.2018 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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