Wort zum Tage, 17.04.2018

Andreas Brauns aus Schellerten

Win-Win

„Win win“. Beide Seiten haben gewonnen. Wie oft ist nach schwierigen Gesprächen von einer „Win win-Situation“ zu hören. Beide Seiten gehen mit erhobenem Haupt aus den Verhandlungen heraus, denn sie haben beide gewonnen. Und das ist alles, was zählt. Eine Niederlage oder schon ein Entgegenkommen wird als unverzeihlich angesehen. Das ist leider nicht nur in der Geschäftswelt so. Auch und gerade in der Politik ist „Win win“ unbedingt notwendig, denn wer will schon mit leeren Händen vor seine potentiellen Wählerinnen und Wähler treten.

Aber kann es wirklich immer nur Sieger geben? Bin ich, wenn ich verliere, nichts mehr wert?

Nein, ich bin vielmehr davon überzeugt: Erst, wenn ich verloren habe, komme ich auch ganz bei mir an. Diesen Gedanken verdanke ich dem amerikanischen Franziskaner Richard Rohr. In seinem Buch „Nur wer absteigt, kommt auch an“ mutet er dem Leser die radikale Botschaft der Bibel zu. Und die ist eindeutig: Gott selbst ist herabgestiegen, ist in Jesus Christus Mensch geworden, hat auf alle göttlichen Privilegien verzichtet. Er ist nicht nur so herabgestiegen, nein, er ist bis in die tiefste Tiefe gegangen, hinab bis in den Tod. Er hat die größte Niederlage des Menschen erlitten und ist gestorben.

Der Gottessohn zählt zu den Verlierern der Geschichte. Der erwartete Messias war objektiv ein Versager. Ein Versager, der sich denen zugewandt hat, die für die Rechtgläubigen und Mächtigen auch nur Versager waren: Dirnen, Sünder und Kranke. Menschen außerhalb des Tempels, die keinen Zutritt zum Heiligtum hatten. Für diese Außenseiter war Jesus da.

Nicht alle waren davon begeistert. Und Jesu Verhalten wurde von vielen scharf kritisiert: Wie kann er sich nur diesen Menschen zuwenden? So ein Verhalten passt einfach nicht in das Bild von Religion, denn Gott ist doch vor allem für jene da, die ihm dienen. Die sich allerdings dabei vor allem selbst im Blick haben, nicht so sehr Gott. Nach dem Motto: Wenn Gott durch mein Tun geehrt wird, dann kann ich als sein Diener nicht leer ausgehen. Eben „Win win“.

Jesus ist da anders. Er wendet sich den Menschen zu, die verloren haben: Ihre Ehre, ihr Ansehen, ihre Gesundheit, ihr Leben. Diese Menschen erleben plötzlich: da ist einer, der mich anschaut wie ich bin. Es geht hier nicht um „Win win“. Ich darf zu mir stehen. Ich muss nicht zu den Siegern zählen, um angesehen zu werden. Denn Gott sieht mich wie ich bin.


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Dieser Beitrag wurde am 17.04.2018 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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