Morgenandacht, 12.04.2018

von Dr. Silvia Katharina Becker aus Bonn

Im Stich gelassen

„Kartext, bitte! Glauben ohne Geschwätz“. So lautet der Titel eines neuen Buches, das Christian Olding geschrieben hat, ein junger Kaplan vom Niederrhein. Ich bin skeptisch. Vielleicht deshalb, weil ich in meinem Beruf und in meinem Leben als Christin schon unglaublich viel Geschwätz gehört habe, was Glaubensdinge angeht. Aber Christian Olding löst sein Versprechen ein. Wie er das macht? Ganz einfach. Indem er rückhaltlos ehrlich und rückhaltlos persönlich erzählt. Vor allem davon, wie sein verschlungener Lebensweg zum Glaubensweg wurde.

Und dabei fängt alles so normal an. Olding wächst gut katholisch auf, in der Nähe von Cloppenburg, in einem „katholischen Mistbeet inmitten eines evangelischen Landstriches“, wie er es nennt. Hier ist die Kirche noch mitten im Dorf. Doch das beschauliche Landleben findet ein abruptes Ende: Sein Vater bringt sich um. Er ist gerade mal 13 Jahre alt und seine Familie tut so ziemlich das Schlimmste, was man in so einer Situation tun kann. Sie lässt ihn allein, verfrachtet ihn eilig ins Kinderzimmer zu seinen Lateinvokabeln. Gerade so, als ginge die Trauer und das Entsetzen nur die Welt der Erwachsenen etwas an. 

In seiner Seele ist alles in Aufruhr. Aber er hat keine Ahnung, wie er dieses Chaos bändigen, geschweige denn, es in Worte fassen soll. Er schreibt über die Zeit danach:

Sprecher
„Was ich brauchte, war ein Ort für meine Fragen und Emotionen. … Also tat ich das, was ich mir von meiner Mutter abgeschaut hatte: Wenn du Probleme hast, geh’ in die Kirche und zünde eine Kerze an.“ 

Die Kerze brennt, aber nichts geschieht. Überhaupt nichts. Da er nun mal da ist, dreht er gelangweilt eine Runde durch die Kirche und steht plötzlich vor dem Kreuz.

Sprecher
„Wie auch immer es genau passiert sein mag, aber auf einmal blickte ich anders als sonst auf dieses Kreuz. Es war der Anfang. Irgendetwas an diesem Anblick hielt mich gefangen.“

Und er fährt fort:

Sprecher„Diese halbnackte Leiche am Kreuz sah so elendig aus, wie ich mich fühlte. … Ihm ging es dreckig und mir ebenso. Geteiltes Leid machte bei Weitem kein halbes Leid. Dennoch war da eine stille Übereinkunft zweier, die beide von ihrem Vater im Stich gelassen worden waren. Als ich schließlich wieder mit dem Fahrrad nach Haus fuhr, ging die leise Ahnung mit, dass an diesem Ort noch mehr war, dass es sich lohnen würde zurückzukommen.“

Ein langer Weg beginnt. Zunächst fängt er an, die Werktagsgottesdienste zu besuchen, wo ihn – den einzigen Jugendlichen zwischen alten Frauen – kein einziges Mal jemand anspricht. Unfassbar! Später folgen Priesterseminar und Kaplanzeit, wo er Furore macht als einer, der Gottesdienste etwas anders gestaltet: mit Videoclips, Filmausschnitten, Nebelmaschine und professioneller LED-Beleuchtungstechnik.

Nicht allen gefällt das. Es gibt heftige Konflikte. Aber die Leute rennen ihm die Bude ein. Man hält ihn für progressiv. Er sieht sich anders. Nämlich als einen, der anderen Menschen auf heutige Art und Weise vermitteln möchte, was er als verzweifelter Junge von 13 Jahren unter dem Kreuz erfahren hat:

Sprecher
„Mit jedem Blick zum Kreuz wuchs in mir das Gefühl und die Gewissheit, dass da jemand ist, der mir wirklich zuhört, der mich in diesen bitteren Momenten nicht alleine lässt. … Das veränderte nichts an meiner Situation. Die war nach wie vor mehr als bescheiden. … Aber ich war nicht mehr einsam … Ich war mir plötzlich sicher, da ist ein Gott, der mich versteht.“

Um dieses lebendige Du Gottes geht es ihm in allen Aktionen, und seien sie noch so spektakulär. Dieses Du kann allerdings nicht ohne Ich gefunden werden. Denn es geht schließlich um Beziehung, ja, um die innigste Beziehung überhaupt: die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Ich und Du.   

Der Kirchenvater Johannes Chrysostomos hat dies schon vor mehr als 1600 Jahren erkannt und in die wunderbaren Worte gekleidet:

Sprecher
„Finde die Tür zu deinem Herzen und du wirst feststellen, es ist die Tür zum Reich Gottes.“  

 

Alle Zitate stammen aus: Christian Olding, Klartext, bittte. Glauben ohne Geschwätz, Herder-Verlag, Freiburg im Breisgau 2017


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Dieser Beitrag wurde am 12.04.2018 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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