Morgenandacht, 11.04.2018

von Dr. Silvia Katharina Becker aus Bonn

Gebet

Warum ist das Einfache so schwer? Damit meine ich das Beten, also eine ganz natürliche Lebensäußerung, die der Mensch seinem Schöpfer gegenüber vollzieht. Übrigens tun dies sogar Menschen, die an Gott zweifeln oder sich mit dem Glauben schwer tun. Ab und zu gibt es auch bei ihnen Situationen, wo zumindest ein kleines Stoßgebet gen Himmel fliegt. Trotzdem leben wir in einer Zeit, in der das Gebet nicht gerade Konjunktur hat. Es gehört zu den wenigen Tabus, die unsere Gesellschaft noch kennt. Entsprechend hartnäckig ist das Schweigen, oft sogar in kirchlichen Kreisen.

Bei mir - um einmal das Schweigen zu brechen -  liegen die Probleme mit dem Beten oft daran, dass ich so sehr hin- und hergerissen bin zwischen verschiedenen Aufgaben und Pflichten, zwischen Beruf und Privatleben. Wie die meisten Menschen. Weitaus gravierender ist: Oft pendle ich auch hin und her zwischen widerstreitenden Gefühlen - Gefühlen der Zuversicht und der Freude und Gefühlen von Ohnmacht und Resignation. Vor allem, wenn wieder mal etwas komplett schief gelaufen ist. Dann schlittere ich in eine Haltung, in der Beten kaum noch möglich ist.  

Meine ich jedenfalls. Aber stimmt das wirklich? Blockiert mich nicht vielmehr die verhängnisvolle Vorstellung, dass ich, um beten zu können, irgendwie perfekt sein sollte? Damit entscheide ich mich jedoch für eine Form des Betens, die an meiner Lebenswirklichkeit vorbeigeht. Und genau das ist fatal. Zumindest im Gebet sollte es doch um die Wahrheit des eigenen Daseins gehen. Oder, wie es der Jesuit Karl Kern ausdrückt:

Sprecher
„Ich darf mir selbst im Gebet nicht ausweichen. Alle Regungen des Gemüts haben ihren Platz vor Gott.“

Und alle Unzulänglichkeiten und Macken ebenso.   

Wahrhaftigkeit heißt also das Zauberwort. Denn nur als wahrhaftiges Ich kann ich dem Du begegnen: dem menschlichen genauso wie dem göttlichen. Ein Vorbild für diese Haltung ist für mich Don Camillo, eine Lieblingsfigur meiner Kindheit. Ich glaube allen Ernstes, dass man auch heute noch anhand dieser Romangestalt viel über die Wahrhaftigkeit des Betens lernen kann. Denn nichts ist diesem impulsiven Landpfarrer zu banal, zu peinlich, zu verwegen, um es nicht vertrauensvoll und lautstark vor Jesus auszubreiten.

Und natürlich hilft auch der Blick auf die großen Heiligen. So schreibt Theresa von Avila im 16. Jahrhundert:

Sprecher
„Das Gebet ist meiner Ansicht nach nichts anderes als ein Gespräch mit einem Freund, mit dem wir oft und gern allein zusammenkommen, um mit ihm zu reden, weil er uns liebt.“

Das müsste doch zu schaffen sein.

An den Schluss möchte ich noch eine Geschichte stellen, die ein alter Jesuit erzählt, Raimund Baecker aus Berlin, und die für mich so etwas wie eine Ermutigung zum Beten bedeutet:

Sprecher
„Als Junge im Alter von sieben Jahren bin ich in Bremen, der Heimat meiner Mutter, einem großen Beter begegnet: Franz Moschner. Er war Priester, und er war blind. Er hatte meine Eltern getraut. Nun wollte meine Mutter mich ihm vorstellen, und so besuchten wir ihn im Pfarrhaus. Wir warteten im oberen Stockwerk, als er die lange Treppe heraufkam. Sie sagte mir noch: ‚Du weißt, er ist blind. Du musst ihm die Hand geben.’ Aber während er bedächtig die Stufen emporstieg, schaute er unverwandt mich an. Ich wunderte mich, weil er doch blind war. Doch noch mehr staunte ich, als mein Blick auf sein Gesicht fiel. Noch nie hatte ich einen Menschen gesehen, dessen Antlitz so von Freude überflutet war wie seines. Später schrieb er, wie er betete. Ich gebe es frei wieder: ‚Ich musste nicht lange überlegen, wo Gott ist, wie er zu mir steht, was ich ihm bedeute. Ich brauchte nur zu ihm aufzusehen und zu sagen: Du siehst mich und du liebst mich, und war sofort bei ihm.’

Später habe ich diese Art zu beten von ihm übernommen. Mein Beten wurde einfacher. Unsichtbar bin ich Jesus begegnet, sei es, dass ich ihn in meiner Seele berührt habe oder er mich. Ich fühlte seinen Blick in meiner Brust …

Mit zunehmendem Alter wurde diese Art mein einziges Beten. Seither bleibe ich dabei. Ich sehe ihn unverwandt an, lächle, und dann schweige ich.“ 

 

Alle Zitate aus: Vitus Seibel (Hg), Wie betest du? 80 Jesuiten geben eine persönliche Antwort. Echter Verlag, Würzburg  2015


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Dieser Beitrag wurde am 11.04.2018 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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