Morgenandacht, 10.04.2018

von Dr. Silvia Katharina Becker aus Bonn

Kalte und warme Schönheit

Sicher ist es noch nicht lange her, dass Sie nach dem Aufstehen in den Spiegel geschaut haben. Für mich ist das die erste Heimsuchung des Tages: zerzauste Haare, müder Blick und dann diese verdächtigen schwarzen Ringe unter den Augen. Abends laufe ich dann gewöhnlich zur Hochform auf, hantiere eifrig in der Küche, stelle das Radio laut oder telefoniere mit anderen Nachteulen. Das Leben – morgens zäh und anstrengend - fließt mühelos wie ein klarer Bach. Und siehe da: Beim Blick in den Spiegel bin ich nun weitaus gnädiger mit mir selbst.

Aber was ist Schönheit eigentlich? Oder anders gefragt: Was macht einen Menschen schön? Damit meine ich nicht die ungeschriebenen Gesetze des allgegenwärtigen Schönheitskultes, der Menschen nach Oberweite, Taillenumfang und Faltentiefe beurteilt. Im Gegenteil. Gelegentlich sehe ich im Fernsehen, zum Beispiel bei einer Talkschau, die eine oder andere unglaublich schöne Schauspielerin – tolle Figur, Naturlocken, üppiges Dekolletee – und denke ganz spontan: „Was für eine schöne Frau!“ Und gleichzeitig schießt es mir durch den Kopf: „Die möchte ich aber nicht zur Freundin haben. Diese Kälte im Blick, diese selbstverliebten Gesten. Schön, aber irgendwie unsympathisch.“ Bei anderen schönen Schauspielerinnen (nicht schöne gibt es ja kaum) keimt dagegen warme Sympathie auf. Etwa bei Julia Roberts mit ihrer Lebendigkeit, ihren üppigen wilden Haaren und ihren ungezügelten Gefühlsausbrüchen. Wahrscheinlich ist das reine Projektion. Die Haare sind vermutlich stundenlang bei einem Starfriseur auf wild frisiert worden und die Gefühlsausbrüche verdankt sie ihrer Rolle. 

Und trotzdem: Bei der Begegnung mit anderen Menschen unterscheide ich mühelos zwischen „oberflächlich schön“ und „wahrhaftig schön“. Man könnte das eine auch als kalte, das andere als warme Schönheit bezeichnen. Das Faszinierende an der warmen Schönheit ist die Tatsache, dass auch Durchschnittsmenschen wie du und ich zu dieser Schönheit auflaufen können.

Aber was ist es eigentlich genau, was einen Menschen sympathisch, anziehend und schön macht, was ihn leuchten und aufblühen lässt? Es ist einmal die Begeisterung für etwas, die einen Menschen strahlen lässt. Egal ob es das Geigenspiel ist, das Erlernen einer exotischen Sprache oder die Zucht von Rauhhaardackeln. Nichts aber macht so schön wie die Liebe. Das klingt jetzt ein bisschen nach Schlagertext. Aber es stimmt trotzdem. Das Gefühl, zu lieben und geliebt zu werden, ja selbst die schlichte Erfahrung von Zuneigung und Sympathie, verwandelt einen Menschen, hilft ihm, bei sich selbst zu sein, ja zu sich zu sagen. Und schon blüht er auf wie ein Krokus in der Frühlingssonne. 

Vor einigen Tagen war ich zum Essen eingeladen bei einer flüchtigen Bekannten. Ich staunte ein wenig über die Einladung und versprach mir nicht allzu viel davon. Und dann wuchs – zwischen Pasta und Rotwein  – auf einmal eine besondere Sympathie zwischen uns, ein selbstverständliches Verstehen. Es begann schon, als ich ihre Wohnung betrat: genauso wenig perfekt wie meine eigene, ein bisschen unaufgeräumt, ein bisschen vollgestopft, hier ein rumstehendes Bügeleisen, dort die Futternäpfe für die Katzen. Ein Mensch, dem offenbar vieles wichtiger ist als ein durchgestyltes Zuhause. Und dann entdeckten wir weitere Gemeinsamkeiten: die Tierliebe etwa. Sie ein Katzenmensch, ich eine Hundefrau. Wie hektisch und müde war ich doch angekommen und wie froh und lebendig fuhr ich wieder nach Hause. Zuneigung verwandelt, nicht nur innerlich.

Und dies gilt – auch wenn es ein bisschen verrückt klingt - sogar für die Zuneigung zu Gott. So führte ich vor vielen Jahren einmal ein Interview mit einer Ordensschwester, die ignatianische Einzelexerzitien gibt, in der die Menschen sehr tief mit Christus in Berührung kommen können. Neben vielem Gewichtigen sagte sie etwas, das mir nach all den Jahren in Erinnerung geblieben ist: „Die Menschen, die Exerzitien machen, sehen nach einigen Tagen ganz anders aus. Sie werden einfach schöner.“


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Dieser Beitrag wurde am 10.04.2018 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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